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Anita Aigner (Hg.): Vernakulare Moderne#

Bild 'Vernakulare'

Anita Aigner (Hg.): Vernakulare Moderne. Grenzüberschreitungen in der Architektur um 1900. Das Bauernhaus und seine Aneignung. Transcript Verlag Bielefeld. 328 S., ill., € 29,80

Josef Hoffmann, der Deutsche Werkbund und der französische Stararchitekt Le Corbusier sind für ihre avantgardistischen Bauten bekannt. An "Heimatstil" denkt man bei ihnen üblicherweise nicht. Dieses Spannungsfeld beleuchtet das von der Wiener Architekturprofessorin und Kultursoziologin Anita Aigner herausgegebene Buch "Vernakulare Moderne". Vernakulare (von lat. vernaculus - einheimisch) Architektur ist als "anonyme" (Roland Rainer, 1961), "naive" (Johann Kräftner, 1977) oder "Architektur ohne Architekten" (Bernhard Rudofsky, 1989) vertrauter. Durch die wertneutrale Bezeichnung "vernakular" sollen, so die Herausgeberin, "ideologisch kontaminierte Begriffe wie 'Volk' oder 'Heimat' substituiert werden". Ein entsprechender Beigeschmack haftet der Heimatschutzbewegung der Jahrhundertwende an. "Doch die gestalterische Verwertung vernakularer Bauweisen ging nicht immer und überall mit nationalistischer Gesinnung einher. Vor allem die Berufselite des (sich seinem Ende neigenden) Habsburgerreiches war dagegen immun", stellt Anita Aigner klar. Die Vertreter der frühen Moderne suchten Alternativen zum Historismus. Sie strebten Materialgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit und Einfachheit an - und fanden sie in der traditionellen ländlichen Bauweise bestens erfüllt.

Bereits 1894 hatte der Wiener Denkmalpfleger und Kunsttheoretiker Alois Riegl über "Volkskunst, Hausfleiß und Hausindustrie" publiziert. 1896 war das Gründungsjahr des Österreichischen Museums für Volkskunde, dem die Berufung von Arthur Haberlandt auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Volkskunde folgte. Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte einen enormen Globalisierungsschub: "So fiel in Europa die Entstehung eines umfassenden einheitlichen Marktes mit der Durchsetzung der meisten klassischen Merkmale der Modernisierung wie Industrialisierung, Verstädterung und Ausbildung von Nationalstaaten zusammen. … Diese Entwicklungen wurden von den Zeitgenossen nicht nur als Möglichkeit empfunden, sondern lösten auch Ängste vor der Auflösung von Identitäten aus." (Maike Umbach: Moderne zwischen Heimat und Globalisierung).

In diesem Kontext ist der "Binnenexotismus" auf den Weltausstellungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu sehen, deren fünfte 1873 im Wiener Prater stattfand. Die 35 teilnehmenden Staaten präsentierten sich nicht nur mit den neuesten Errungenschaften ihrer Industrie und Technik, sondern auch mit Folklore. Zu den Attraktionen, deren Beliebheit sich "durchaus mit dem japanischen Garten oder dem orientalischen Viertel messen" konnte, zählte das internationale "Ethnographische Dorf". Dort standen bewohnte, nachgebaute Bauernhäuser aus Vorarlberg, Sachsen, dem Elsass, Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien, Kroatien, Galizien und Russland. In ihrem Beitrag weist die Akademieprofessorin und Kulturtheoretikerin Elke Krasny darauf hin, dass "die Entdeckung der Volkskultur als echte Quelle der Inspiration für wissenschaftliche Systematik und künstlerische Avantgardeproduktion führt."

Der englische Autor David Crowley, Experte für Geschichte des Designs, beschäftigt sich mit der "Aneignung bäuerlicher Formen in Österreich-Ungarn", im Spiegel britischer Fachpublikationen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Darin hieß es u.a.: "Eine der Grundregeln Österreichs ist es, seinem Volk beizubringen, sich selbst zu helfen, und obwohl die Menschen nicht sehr viel dabei verdienen können, kommen sie über die Runden. Ihre Bedürfnisse sind nicht groß." Dieses Zitat bezog sich auf die Korbmöbelindustrie, zu deren Förderung der Staat ländliche Handwerker ausbildete und mit Modellen versorgte. Ähnliche Einrichtungen gab es auch für andere Branchen und Handarbeiten, ingesamt 200 solcher Schulen bestanden in allen Kronländern der k.u.k. Monarchie.

Eine zentrale Rolle spielte dabei das 1863 als erstes seiner Art in Kontinentaleuropa gegründete Österreichische Museum für Angewandte Kunst. Dies ist das Thema von Diana Reynolds, Professorin für Geschichte in Kalifornien. Die Intuition des ersten Museumsdirektors, des Kunsthistorikers Rudolf Eitelberger (1817-1885), charakterisiert sie so: "Während die nationalistische Rhetorik etwas Trennendes und Spaltendes an sich hatte, sollte Eitelbergers Schulprogramm integrieren und ländliche Bevölkerungsgruppen in östereichische Staatsbürger verwandeln … Museum, Fachschulen und Ausstellungen sollten der Bevölkerung Österreichs einen neutralen Boden der Kunst bereiten, um den Nationalitätenstreit zu entschärfen." Im "Mosaik Österreich" sollte die Sprache der Kunst als Nationalsprache dienen. Die idealistischen Bestrebungen zeitigten auch künstlerisch nachteilige Wirkungen, wenn der zentralistische Lehrplan den lokalen Überlieferungen widersprach und die Erzeugnisse zu "typischen Hybrid-Produkten" wurden .

Astrid Mahler, Kuratorin der Albertina-Fotosammlung, beleuchtet den "Beitrag der Fotografie zur Heimat(kunst)pflege". Der Wiener Verlag Gerlach & Co veröffentlichte u. a. Bildersammlungen über "Volkstümliche Kunst". Fast 2000 Beispiele zeigten das Charakteristische der Gebäude, ohne zu werten. Gerlach arbeitete mit dem Publizisten Joseph August Lux zusammen, der in seiner Zeitschrift "Hohe Warte" Bilder nach der Methode "Beispiel und Gegenbeispiel" anordnete. Anfangs von den vormodernen Baufomen begeistert, fürchtete der Kunstkritiker später, die Vorlagenwerke würden nicht zur Wertschätzung und Rettung der "Heimatkunst" beitragen, sondern zur "Nachäffung" der "volkstümlichen Motive" verleiten. Gerade gegen den Historismus mit seinen Versatzstücken aus allen Zeiten und Kulturen war ja Josef Hoffmann mit seiner reformorientierten modellhaften Siedlung auf der Hohen Warte angetreten, nach der die Zeitschrift benannt war.

Der von Lux herausgegebenen Kunstzeitschrift bescheinigt der deutsche Architekturhistoriker Georg Wilbertz "gesamtkulturellen Anspruch". Wilbertz behandelt das Bauernhaus im frühmodernen Wiener Architekturdiskurs. Josef Hoffmann, der auch redaktioneller Mitarbeiter bei Lux war, hatte auf seinen Reisen im mediterranen Raum traditionelle Bauernhäuser studiert. 1895 schrieb er, "dass es wohl der Mühe wert ist, sich mit diesen Kindern naiver, volksthümlicher Kunst ein wenig zu befassen." Adolf Loos forderte in seinen "Regeln, für den, der in den Bergen baut" 1913: "Baue nicht malerisch. Überlasse solche wirkung den mauern, den bergen und der sonne. Der mensch, der sich malerisch kleidet, ist nicht malerisch, sondern ein hanswurst. Der bauer kleidet sich nicht malerisch. Aber er ist es." Wie Loos vertrat Lux später die Ansicht, "dass neue Baukunst aus Bedingungen der Gegenwart mit Rücksicht auf Tradition zu schaffen ist."

Als Loos seine Gedanken zur "Heimatkunst" formulierte, vollendete sein Hauptkontrahent Josef Hoffmann in Mähren eine Villa für den Industriellen und Mäzen Otto Primavesi. Der Wiener Kunsthistoriker Reinald Franz, der in dem vielseitigen Buch über "die disziplinierte Folklore" referiert, nennt die Villa Primavesi "den folkloristischen Gegenentwurf" zu Hoffmanns Palais Stoclet und seinem Österreichischen Haus auf der Werkbundausstellung. Das "Musterbeispiel für die ornamentale Rezeption der Volkskunst in der Österreichischen Moderne" brannte 1922 ab. Auch den Künstlern der Wiener Secession diente die Auseinandersetzung mit der Volkskunst als Quelle der Motivfindung und ornamentalen Inspiration. "Gustav Klimt und Emilie Flöge sammelten volkstümliche Textilien genau so wie indische Stoffe und japanische Farbholzschnitte."

Die weiteren Beiträge überschreiten die Grenzen Österreich-Ungarns, weisen aber doch zahlreiche Verbindungen auf. Immer wieder begegnet man der englischen Arts and Crafts-Bewegung, die als Suche nach einem authentischen Stil für das 19. Jahrhundert entstanden war. Ihr allgegenwärtiger Einfluss traf auf übernationales Interesse und einen in weiten Teilen Europas verbreiteten Zeitgeist. Die deutsche Kunsthistorikerin Beate Störtkuhl beschäftigt sich mit "Hans Poelzig in Schlesien - Heimatstil als rhetorische Figur". Der deutsche Kunsthistoriker Christian Welzbacher analysiert "Volkskunst, Handwerk, Nation, Moderne" in der Weimarer Republik. Die tschechische Kulturwissenschaftlerin Vera Kapeller untersucht "Volkskunst und regionale Baukultur als Inspirationsquelle für die Architektur in Böhmen und Mähren um 1900". Die Herausgeberin Anita Aigner schließt den Themenkreis mit "Das Vernakulare als Berufungsinstanz für die moderne Avantgarde. Le Corbusier, die Volkskunst und das einfache Bauen."