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Erich Bernard, Astrid Göttche (Hg.): Das Gschwandnder#

Bild 'Gschwandner'

Erich Bernard, Astrid Göttche (Hg.): Das Gschwandnder. Ein legendäres Wiener Etablissement. Metro Verlag Wien 2012.160 S., durchgehend vierfarbig ill., € 35,–

Rechtzeitig zur bevorstehenden Revitalisierung ist ein prächtiger Band über "das Gschwandner" erschienen. Prächtig wie das "Grand Etablissement" im ehemaligen Wiener Vorort Hernals. Das Gschwandner war eine legendäre Institution. "Beim Gschwandner und Stalehner, da lernt man si' kenna…", reimte der populäre Volkssänger Carl Lorens. Der Betrieb begann um 1840 mit einem Heurigen für 250 Personen in der Hernalser Hauptstraße 41 und benachbarten Parzellen, die bis zur Ottakringer Straße reichten. Seit der Biedermeierzeit konsequent erweitert und umgebaut, diente das Unternehmen bis 1960 als Vergnügungslokal. Dann wurden die Saallokalitäten zu Lagerhallen, was ihnen aber nicht allzu sehr geschadet hat. 2013 soll die "Wiener Specialität" für kulturelle Nutzung wieder eröffnet werden.

Das allein wäre schon eine wunderbare Geschichte, die sich zu erzählten lohnte, aber das großformatige Buch bietet viel mehr. Die Kunsthistorikerin Astrid Göttche und der Architekt Erich Bernard haben sechs weitere Experten eingeladen, um das Phänomen Grand Etablissement Gschwandner und sein Umfeld zu erhellen. Der Historiker Werner Michael Schwarz beleuchtet unter dem Titel "Grenzstelle" Hernals und den "Mythos der Urwiener". Der Architekt Wolfgang H. Salcher und der Herausgeber verfolgen die Baugeschichte "Vom Heurigen zum Grand Etablissement". Die Kunstvermittlerin Barbara Mahlknecht nennt ihre Überlegungen zur Vergnügungskultur im Wien des 19. Jahrhunderts "Viel Verlangen und ein Wort". Die Stadtforscherin Elke Krasny macht sich Gedanken zur Ideengeschichte von Urbanismus und Urbanität: "Recht auf Vergnügen - Pflicht zur Unterhaltung". Der Architekturfotograf Wolfgang Thaler steuert den Fotoessay "Moment. Aufnahmen - Status quo am 20. November 2010" bei. Der Zeithistoriker Siegfried Mattl wagt den Blick in die Zukunft: "Die Kunst der Erneuerung. Der Mehrwert von Ottakring und Hernals". Die beiden Herausgeber verfassten das Vorwort "Das Gschwandner - ein Stück altes Wien", Astrid Göttche außerdem die Kapitel "Die Gschwandners und das Gschwandner. Eine Familiengeschichte als Firmengeschichte" und "Gschwandner proudly presents … Ein Veranstaltungspotpourri".

Zum anderen sind die Reproduktionen von Dokumenten aus dem Familienarchiv historisch aufschlussreich und nostalgisch-schön. Aussagekräftig illustrieren sie das hervorragend layoutierte Werk. Die Fotos, Plakate, Programme, Eintrittskarten, Inserate, Weinetiketten, Ansichtskarten etc. stammen aus einem Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert. Von besonderem Interesse sind die Baupläne. Ein Sohn des Firmengründers war Architekt. Er baute nicht nur öffentliche Einrichtungen wie das Hernalser Rathaus, sondern auch für private Auftraggeber und selbstverständlich für die eigene Familie. Diese "war eine politische und soziale Größe im Bezirk, sie war gesellschaftlich gut vernetzt und hatte Kontakte zu anderen wichtigen Akteuren in der angrenzenden und eigenen Bezirks-'Community'. Mit den Namensgebern der Gschwandnergasse (17. Bezirk), der Ruhrhofergasse (17. und 18. Bezirk), Schegargasse (19. Bezirk), des Anton-Baumann-Parks (18. Bezirk) und des Karl-Seitz-Platzes (21. Bezirk) waren Familienmitglieder direkt, durch Hochzeit oder Patenschaft verbunden."

Die Geschichte lässt sich als Erfolgsgeschichte einer Biedermeierfamilie lesen: Unternehmungsfreudige Männer, tüchtige Frauen, Kinder, die passende Berufe ergriffen und untereinander einig waren. Vielleicht war manchmal Glück dabei und - widrigen Umständen (wie Kindersterblichkeit, Revolution und Kriege) zum Trotz - stets Zuversicht und Mut. "Eine ertragreiche Bewirtschaftung der Güter, kluge Investitionen, Fleiß, Sparsamkeit und ein Gespür für den Kauf und Verkauf von Realitäten waren mit Sicherheit ebenfalls geschäftsfördernd", konstatiert Astrid Göttche.

Der Gründervater Johann Gschwandner (1802-1861) war der Sohn eines Hauers. Seine Mutter starb bei der Geburt, und er wuchs bei der Großmutter im benachbarten Vorort Weinhaus auf. Mit 20 Jahren heiratete er eine Hauerstochter. Das Ehepaar lebte vom Obst- und Weinhandel und schenkte Heurigen aus. 1838 kauften Johann und Franziska Gschwandner die Liegenschaft in der Hernalser Hauptstraße 41 und in der Folge angrenzende Grundstücke. Die außerhalb der Verzehrungssteuergrenze des Linienwalls gelegenen Vororte entwickelten sich im Biedermeier zu beliebten Ausflugszielen der Wiener. Speisen und Getränke waren billiger als in der Stadt, gut, Zeisel- und Stellwagen sorgten für den Transport der Gäste und Volkssänger für Unterhaltung. 1846 war die Eröffnung eines Schank-Salons für 500 Gäste beim Gschwandner eine Sensation. Zwei Jahre später brach in Wien die Revolution aus. Als kaisertreue Truppen von Hernals aus die Nationalgarde auf dem Linienwall beschossen, schützte Johann Gschwandner seine Keller mit Bergen von Trester vor den Kanonenkugeln. Zwei Jahre vor seinem Tod erwarb er den als Doblhoff-Palais bekannten Besitz Weinhaus Nr. 1 (Währinger Straße 188-196). Der Gründervater hinterließ ein beachtliches Vermögen und zahlreiche Immobilien. Seine Töchter waren "gut verheiratet" und sozial engagiert, die Söhne Realitätenbesitzer und Gemeinderäte.

Johann Nepomuk Gschwander (1827-1920) wurde Stadtbaumeister. Georg (1832-1901) trat in die Fußstapfen seines Vaters. Nachdem zuerst seine Mutter, dann die Brüder gemeinsam die Wirtschaft betrieben hatten, übernahm der mit einer Wirtstochter verheiratete Georg Gschwandner 1870 die Leitung. Fünf Jahre zuvor hatte die erste Pferdetramway Wiens den Betrieb nach Hernals aufgenommen und hielt an der Ottakringer Straße, wo der Heurigengarten endete. 1873 fand die Wiener Weltausstellung statt, und Wien war auf dem besten Weg zur Weltstadt. Der Bauboom der Gründerzeit erfasste die noch nicht eingemeindeten Vororte. Zwischen 1870 und 1890 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl von Hernals auf fast 75.000 Personen. Davon profitierten auch die Vergnügungslokale. 1877 plante Johann Nepomuk Gschwandner für seinen Bruder den fast 400 m² großen Säulensaal. In dem "modernen Prachtbau" spielten u.a. "die tüchtigsten Orchester-Mitglieder" des kurz zuvor in Konkurs gegangenen Theaters an der Wien. 1894 folgte der Abbruch des Straßentraktes in der Hernalser Hauptstraße 41. An die Stelle eines der ältesten, durch einen turmartigen Aufbau charakterisierten, Häuser von Hernals trat ein viergeschossiges Zinshaus, an dem man noch die Aufschrft "Etablissement Gschwandner" entdecken kann. in der Zwischenzeit war Hernals ein Teil von Wien geworden und Johann Gschwander Wiener Gemeinderat. Der Abbruch des Linienwalls hatte begonnen.

Die dritte Generation kam mit Georg Gschwandner jun. (1865-1947) zum Zug. Auch er leitete das Unternehmen zunächst gemeinsam mit seiner Mutter, führte große Adaptierungsarbeiten durch und Neuerungen ein. "Trotz der schwierigen Umstände im und nach dem Ersten Weltkrieg navigierte Georg Gschwandner jun. das Lokal sehr gut durch die wechselvollen Zeiten. Geschickt passte er sich den neuen Formen der Unterhaltungskultur an, ließ bereits 1907 einen Kinematografen einbauen und veranstaltete neben Konzerten und Bällen ab 1931 auch Boxkämpfe. … In mehreren Nachrufen wurde … betont, dass, obwohl sein Lokal 'zu den bekanntesten Unternehmungen des Bezirks zählte', er 'immer der einfache, bescheidene Hausvater, der auf das Wohl seiner Gäste bedacht war und sein Geschäft nach den erprobten Grundsätzen führte', geblieben war."

Mit Karl Gschwandner (1907-1972) übernahm zum letzten Mal ein Familienmitglied das Unternehmen. Er trat jedoch nicht mehr als Veranstalter auf, sondern vermietete die Räume. Damals brachte man es in drei Sälen und zwei Stüberln auf 150 Tische und 1150 Sessel. Bis 1960 traten bekannte Künstler wie Hermann Leopoldi, Heinz Conrads, Pirron und Knapp oder Fritz Muliar auf. Über die Zeit danach schreiben Erich Bernard und Wolfgang H. Salcher: "Doch nach und nach spürte man die aufkeimende Kraft neuer Medien, der Radio- und Fernsehgeräte, die die Unterhaltung so ganz bequem in die eigenen vier Wände bringen konnten. Das Interesse an jener Form der Unterhaltung, wie sie das Gschwandner bieten konnte, wurde immer geringer. … Wie ein Zynismus mutet es an, dass das alte Grand Etablissement nach 130 Jahren seinen Betrieb einstellte und seine legendären Räume ausgerechnet einem Unternehmen vermietet werden sollten, das wesentlich zur medialen Vernetzung der österreichischen Haushalte durch den Rundfunk und somit zum Untergang anderer, traditioneller Formate der Unterhaltung beitrug."

Zwei Jahrzehnte war die Radiofabrik Ingelen Mieter, dann nutzte die Firma Schmiedl-Filmausstattung 30 Jahre lang die Räume. Seit 1991 steht das frühere Etablissement unter Denkmalschutz. Ein halbes Jahrhundert nach der Schließung soll es wiederbelebt werden, als "Indikator einer neuen Zeit, die ohne Nostalgie den Reiz vergessener Orte für sich entdeckt und bereit ist, mit frischen Ideen auf den Charme alter Spuren einzugehen."