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Franco Cardini: Das Mittelalter #

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Franco Cardini: Das Mittelalter. Theiss-Verlag Stuttgart 2012. 288 S. mit 495 farbigen Abb., € 29,95

Der Titel ist ebenso schlicht wie vielsagend: "Das Mittelalter". Der Autor des neuen Standardwerks Franco Cardini, zählt zu den bedeutendsten europäischen Mediävisten. Eingangs stellt er die Frage "Was ist das Mittelalter?" Sie ist berechtigt, denn seit Jahrhunderten wird der Begriff "gebraucht und missbraucht". Forscher wissen um die Bedeutung der zehn Jahrhunderte, des "langen Mittelalters". Massenmedien, Romanautoren, Tourismusindustrie und Konsumgesellschaft nehmen es nicht so genau - erinnert sei nur an Mittelalterspektakel. Umso wohltuender ist dieses Werk: Fundiert, angenehm zu lesen, großartig illustriert, schildet es die Vielfalt der mittelalterlichen Welt von der Völkerwanderung bis zum Humanismus und die Geschichte der "Wiederbelebung" des Mittelalters im 18. bis 20. Jahrhundert.

Die Epoche beginnt mit dem "geräuschlosen Fall des weströmischen Reiches". Der Autor beschreibt die Welt der germanischen "Barbaren" und deren Zusammenleben mit den Römern, bis zum Tod des Gotenkönigs Theoderich (454-526).

Im Jahr 313 setzte der römische Kaiser Kontantin den antichristlichen Verfolgungen ein Ende und schien gewillt, den neuen Glauben zu unterstützen. 380 erhob Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsreligion. Der Kult, den der römische Staat als einzigen systematisch verfolgt hatte, wurde nun der einzig zugelassene - und die Kirche ein staatliches Organ. Allerdings war die Lehre in wesentlichen dogmatischen Fragen nicht einheitlich. Eine Reihe von Konzilien - Nicaea (325), Ephesus (431), Chalkedon (451) - verurteilte die so genannten Häresien. Die Bischöfe von Rom unterstützten die Ausbreitung des Christentums unter den "Barbarenvölkern". "Vermutlich war es schwer, die stolzen Germanen, für die Krieg eine heilige Erfahrung war, zu den Wahrheiten eines Gottes der Liebe und des Friedens zu bekehren" , meint der Autor und verweist darauf, dass die neue Religion nur mühsam in entlegene Gebiete vordrang. Die Folge war "ein Synkretismus, der das Neue aufnahm, ohne dafür vom Alten ablassen zu müssen."

Das 8. bis 10. Jahrhundert charakterisiert Franco Cardini als "Neugestaltung einer Welt". Die Gesellschaftsstruktur beruhte auf der Dreiteilung in Oratores, Bellatores, Laboratores": Betende, Kämpfende und (bäuerlich) Arbeitende. Fronwirtschaft, mit Herren und Vasallen, charakterisierten das Frühmittelalter. Im Frühmittelalter steigerte die Umstellung von Zwei- auf Dreifelderwirtschaft die Erträge. Zudem hob der Klimawandel des 10. Jahrhunderts das mittlere Lebensniveau: Die höheren Temperaturen verhinderten kältebedingte (Kinder-)Krankheiten, die Ernten fielen reicher aus.

Das nächste Kapitel ist der Organisation der frühen Kirche und der Entwicklung des Mönchtums gewidmet. Benediktinerklöster überzogen ganz Europa mit ihrem kulturellen Netz. Frauen in Kirche und Gesellschaft sind ein weiteres Thema. Der Autor behandelt es am Beispiel dreier herausragender Damen der obersten Gesellschaftsschichten: Markgräfin Mathilde von Toscana (um 1046- 1115), die Gelehrte Hildegard von Bingen (1098-1179) und Eleonore von Aquitanien (um 1122-1204), eine der mächtigsten Frauen des Mittelalters. Der gesellschaftlichen Hierarchie folgen die Abhandlungen "Der Kaiser", "Die Könige", "Der Adel" und "Die Bauern". Jede ein Panorama, das viele Einsichten in jene ferne Epoche gibt, deren sakrale Konzeption oft unverständlich geworden ist.

Trotz schlechter Straßen war das Mittelalter "eine Zeit des Reisens und der Reisenden". Wichtige Ziele stellten Messen und Märkte, aber auch Wallfahrtsstätten dar. Von besonderer Bedeutung waren die als Kreuzzüge bezeichneten Unternehmen, "eine besondere Verbindung von Krieg und Pilgerfahrt".

Ab dem 10. Jahrhundert ist eine Tendenz zum Aufblühen der Städte und der Entwicklung einer neuen bürgerlichen Kultur festzustellen. Damit verbunden war eine fruchtbare Phase der Architektur. "In dieser Periode breiteten in weiten Gebieten Europas die Zisterzienser den 'Mantel weißer Kirchen' aus …" , in dem später Romanik genannten Stil, der sich den jeweiligen regionalen Einflüssen entsprechend, in verschiedensten Ausprägungen zeigte. Generell handelte es sich um Bauten, welche die bis dahin verwendeten Holzdecken durch massive Gewölbe ersetzten. Jenseits der Alpen trat in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein neuer Stil auf: die Gotik mit schlanken Linien und Spitzbögen. Innovatoren dafür waren die Bettelorden in den Städten.

Lesen und Schreiben waren bis weit in das 12. Jahrhundert im weltlichen Adel kaum verbreitet. Dann entstanden Universitäten als private Vereinigungen, autonom, oder in Verbindung mit Dom- und Kathedralschulen, in Italien, Frankreich, England und Spanien. Im deutschen Sprachraum und im östlichen Mitteleuropa bildeten sich im 14. Jahrhundert viele universitäre Zentren, wie in Wien 1365. Skandinavien folgte im 15. Jahrhundert.

Profunden Einblick in die Vorstellungs- und Glaubenswelt bieten die Ausführungen über das Universum, Zeitverständnis, Theater, Feste und Fastenzeiten, Körperlichkeit, Liebe, Geburt, Tod und Jenseits. In den mittleren Jahrhunderten des Mittelalters erreichte Europa allmählich seine heutigen Grenzen. Die Welt befand sich "in Ausdehnung", nach Norden, zum Baltikum und im Mittelmerraum. Nach der Krise des 14. Jahrhunderts - Hunger, Pest und Krieg - begab sich die europäische Gesellschaft auf dem Weg in die Renaissance. Humanismus, Erfindungen und Entdeckungen sind die Stichworte der neuen Ära.