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Christine Frenkenberger, Walter Seitz-Krautstorfer, Björn Thönicke: Fast vergessen #

Bild 'Handwerk'

Christine Frenkenberger, Walter Seitz-Krautstorfer, Björn Thönicke: Fast vergessen. Handwerkliches Erbe. Styria Verlag Graz 2012. 180 S., zahlreiche Abb., € 24,99

Ein Buch wie ein Film. Der Vergleich liegt nahe, denn die 20 Handwerke, die in dem wunderschönen Band "Fast vergessen" vorgestellt werden, waren Thema der gleichnamigen Servus-TV-Dokumentarfilmreihe. Glücklicherweise sind sie nur fast vergessen. Die Serie wollte kein Archiv für Relikte überlebter Künste sein. Sie stellt Männer und Frauen verschiedener Generationen in Österreich, Deutschland und der Schweiz vor. Besonders die Jüngeren finden in der Arbeit einen Sinn, ihre Produkte erfordern Können, Fleiß und Begeisterung. Die Fernsehmacher haben sich offensichtlich von der Begeisterung anstecken lassen - und den Lesern des Buches wird es wohl ebenso gehen. "Nach über zwei Jahren, in denen mehr als drei Dutzend Handwerke liebevoll porträtiert wurden, sind wir uns sicher: … Es geht um mehr als 'nur' ein Handwerk. Es geht um ein Kulturgut … und Lebensentwürfe, die wirklich funktionieren", schreibt Chefredakteur Robert Altenburger im Vorwort.

Häufig sind es Familienbetriebe, in denen das Erfahrungswissen mündlich und praktisch nach dem Meisterprinzip tradiert wird - ein klassisches Kriterium für immaterielles Kulturerbe. Und doch äußerst lebendig. Schon "der Großvater des Großvaters" von Andreas Reiter fertigte Ausseer Hüte an. Er selbst ist seit einem Vierteljahrhundert hier tätig, Großmutter, Mutter und Ehefrau verleihen mit Bändern und Zierat den Hüten den letzten Schliff. Der Säckler Peter Ahamer lernte das Schneidern lederner Hosen von seinem Vater. Der Schuster Rudolf Steflitsch-Hackl in Bad Goisern übernahm von seinen Vorfahren eine Mustersammlung aller Goiserer-Modelle vom Haferlschuh bis zum Golfschuh. Die von Cornelia Stix in Bayern geführte Zigarrenmanufaktur wurde 1912 von ihrem Großvater gegründet und war damals der größte Arbeitgeber im Landkreis. Der Tiroler Franz Niederkofler betreibt die Latschenölbrennerei in dritter Generation. Andere, wie die Maßschuhmacherin Doris Pfaffenlehner, die mit ihrer jungen Familie einen oberösterreichischen Bahnhof zum Mittelpunkt ihres Wohnens und Arbeitens erkoren hat, entdeckten die Liebe zum ausgefallenen Beruf selbst. Sie absolvierte ihre Lehre in einer ehemaligen Hofschuhmacherei in Wien. Der Kärntner Kurt Freimüller hat seine Berufung zum Sattler als Cowboy auf einer amerikanischen Ranch gefunden…

Individuell wie die Biographien der Handwerksmeister und -meisterinnen sind ihre Werkstücke: Ernst Maier aus Schlatt in Oberösterreich ist Wildholztischler. Er produziert aus Wurzeln, Ästen und Stämmen Möbel, von denen garantiert jedes ein Einzelstück ist. Die Schweizer Walter und Hansruedi Bachmann wären Anwärter für das Beruferaten. Sie bauen Alphörner, etwa 30 pro Jahr. Peter Mürnseer spezialisiert sich in Kitzbühel auf Harfen, Mike Krahmer im Bayrischen Wald auf die Herstellung von Kontrabässen. Peter Baumann aus dem Chiemgau fertigt Flügelhörner aus einem Stück. In der gleichen Gegend haben sich Luca Distler und Florian Pichler mit Messern aus Damast-Stahl einen Namen gemacht.

Auch Dinge, die man alle Tage braucht(e), haben handwerksmäßig hergestellt, ihr spezielles Flair. Denise Pölzelbauer aus Niederösterreich stellt Brot, Semmeln und Salzstangerl nur aus Mehl, Salz, Wasser und Natursauerteig her. 15 Sorten bäckt sie im mehr als 130-jährigen Steinofen und verkauft den Großteil an ausgewählte Geschäfte in Wien. Seit 1820 baut Familie Königsdorfer im Mühlviertel Zillen. Bei Feuerwehreinsätzen haben sie schon Menschenleben gerettet. Die Probefahrt auf der Donau ist noch heute ein spezielles Ritual. Kachelöfen waren nicht nur nützlich, sie sollten auch ästhetisch ansprechend und repräsentativ sein. Diesen Idealen sieht sich die Werkstatt der Familie Ulbricht-Larasser am Tegernsee verpflichtet. Sie stellt Öfen und Kacheln nach alten Modeln her. (Nur schade, dass hier ein Bild verwechselt wurde. Nicht die bayrische Hafnerwerkstatt wird gezeigt, sondern das Haus der oberösterrichischen Schuhmachermeisterin.)

In die künstlerische Richtung geht auch die harte Arbeit der Steinmetze. Familie Schmeiser aus Wien-Hietzing hat sich auf Restaurierungen historischer Bauteile spezialisiert. Unter den Glockengießern ist die Werkstätte von Peter Grassmayr in Innsbruck einzigartig. Sie besteht seit 1599 und verfügt über ein eigenes Museum. Ihr Ziel ist es nach wie vor, "die Stradivari unter den Glocken herzustellen." Zu den Luxusgütern zählen die Erzeugnisse der Porzellanmanufaktur Nymphenburg und der Glasmanufaktur Lobmeyr, Wien 1. Sie produziert seit 1823 feinste Gläser und Kristallluster. Auch in der Kärntner Straße gibt es ein Firmenmuseum, in dem Modelle für das Kaiserhaus, Adelige und traditionsbewusste Kunden zu sehen sind. Wenngleich diese Käuferschicht schmäler wird, entsteht eine neue: "internationale Connaisseurs, die unser Glas verstehen und lieben", meint der Firmenchef Leonid Rath.

Die Textautoren verstehen es, dem Leser seltene Berufe und interessante Menschen nahe zu bringen. Wie in einer guten Dokumentation schaffen sie spannende und immer wieder überraschende Geschichten. Da wie dort wesentlich sind die Bilder in verschiedenen Einstellungen, von der perfekt ausgeleuchteten Werkstatt-Totale bis zur ganz nahen Aufnahme von Details - sei es das stets wirkungsvolle heiße Eisen, die golden glänzende Mechanik des Flügelhorns oder das frisch gebackene Brot, dessen Duft man bei der Lektüre zu spüren meint. Mehr kann man sich wirklich nicht wünschen. Autoren und Akteure beweisen einmal mehr den Spruch, dass man den Weg in die Zukunft findet, wenn man die Fußstapfen der Vergangenheit zu schätzen weiß.