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Dietmar Grieser: Das gibt's nur in Wien#

Bild 'Grieser'

Dietmar Grieser: Das gibt's nur in Wien. Eine autobiographische Spurensuche. Amalthea Signum Verlag Wien 2012. 254 S., 24 Abb., € 22,95

Weltweit hat Dietmar Grieser "Spurensuche" betrieben und die Ergebnisse in 40 Büchern dokumentiert. Im jüngsten tut er es in eigener Sache. Charmant, kultiviert und ein wenig nostalgisch blickt der Bestsellerautor auf seine 55 Jahre in Wien zurück. Die Betrachtungen gipfeln in einer Tabelle "Was ich an Wien mag" und "Was ich an Wien nicht mag". Da steht dann "Servus" - "Tschüss" gegenüber, der Peregrinikirtag den Faschingsveranstaltungen oder die Chauffeure der Buslinie 4A den Radfahrern auf Gehsteigen. Dann gibt es die Kolumne "Was ich außerdem an Wien mag". Hier findet sich die Zacherlfabrik in Döbling oder "Die Kaiser Franz-Joseph-Statue im Burggarten" (die den Einband ziert), gefolgt von der abschließenden Bemerkung "Daß die Zahl der Pro-Stimmen die der Kontra-Stimmen deutlich übersteigt, darf als Beleg dafür gewertet werden, daß ich mich in Wien wohlfühle."

Davor liegen 250 Seiten Lesevergnügen im faszinierenden Stil des "Königs des literarischen Sachbuchs", wie ein Rezensent Dietmar Grieser einmal nannte. Den 1934 als Jüngster von drei Söhnen in Hannover Geborenen zog es in die Ferne - wie im Märchen, wo immer der Jüngste und Schlaueste seine Heimat verlässt. 1957 kam er nach Wien und erhielt 20 Jahre später die österreichische Staatsbürgerschaft. Es ist eine köstliche Geschichte, wie die Einbürgerung mit Hindernissen erfolgte und wie der "Literaturdetektiv" Jahre später den Grund für das amtsrätliche Zögern erfuhr: "… ein gut gekleideter, sich perfekt artikulierender Deutscher mit makellosen Papieren, der unbedingt seinen deutschen Paß gegen einen österreichischen tauschen wollte - da konnte doch irgendetwas nicht stimmen, da mußte irgendwo ein dunkler Punkt sein. " Diesen dunklen Punkt gab es natürlich nicht, im Gegenteil: Zu seinem Siebziger fand sich Grieser auf der VIP-Liste "Österreichs Top 1000" des Nachrichtenmagazins "News". Die "Welt" pries ihn: " Ein erfrischend altmodischer, kultivierter Herr. Am besten gelingen ihm melancholische Schicksalsminiaturen voll Empathie und Atmosphäre: kein rasender, ein flanierender Reporter der Vergangenheit."

Im Wien der 1950er Jahre waren die journalistischen Kommunikationswege ziemlich "steinzeitlich": Vierteltelefone, Hektographen, Fernschreiber, Expreßpost, Kohlepapier - lauter Einrichtungen, für die "die jungen Kollegen des 21. Jahrhunderts… wohl nur ein müdes Lächeln übrig" hätten. 55 Jahre sind eben "kein Lapperl". Mit gekonnt eingestreuten wienerischen Vokabeln, kurzweilig und kenntnisreich, schildert Grieser Veränderungen, die er auf seinen Streifzügen beobachtet. Er agiert mit feiner Klinge, wenn es darum geht, zeitgeistige Modetorheiten zu kritisieren (wie den "Walk of Fame") "die vielleicht zur Glitzerwelt des amerikanischen Showbusiness passen, nicht aber zur Performance einer soliden Kulturmetropole wie Wien. " Auch die "architektonische Totgeburt" in der Spittelau 10 enttäuschte seine Erwartungen: "Ein zwar im einzelnen imponierender, aus drei scharfkantigen gefügter, strahlend weißer Wohnbaukomplex, doch im ganzen ein lebloses, schon vor seiner Fertigstellung devastiertes und von den Betreibern ungeliebtes Gebilde, das nicht einmal leicht zu finden ist."

"Zum echten Wiener gehört, daß er seine Stadt kennt. Und da er außerdem stolz auf sie ist, zeigt er sie auch gerne her…" Wenn der Spurensucher Wien herzeigt, spart er die "Schandflecke" aus und achtet darauf, dass eine Gäste "Architekturdenkmäler zu sehen bekommen, die in den Programmen der gängigen Sightseeing-Touren ausgespart bleiben", wie Otto Wagners Steinhofkirche oder die Wotrubakirche auf dem Maurer Berg. Sonderwünsche werden gerne berücksichtigt. Man fühlt sich an den Bürospruch erinnert, wonach Unmögliches sofort erledigt wird und Wunder etwas länger dauern. Eine Bekannte aus Westfalen wünschte sich nichts sehnlicher, als die Waldohreulen zu beobachten, die um Allerheiligen auf einem nicht näher bezeichneten Wiener Friedhof überwintern. Der erfahrene Rechercheur fand die "Viecherln" in Stammersdorf.

Tiere sind des öfteren Thema in den amüsanten und anekdotenreichen Erzählungen, ob es sich um die "Peking-Ente auf wienerisch" handelt - zu finden im Nobellokal Sichuan, der "China-Enklave im Donaupark" - oder diverse Hunde. Treue Leser erinnern sich an das Bild des Autors, das ihn mit einem weißen Highland-Terrier zeigt und den Klappentext mehrerer Bücher illustrierte. Ganz treue erkundigten sich nach dem "Hunderl" und waren enttäuscht zu hören, dass es sich bei dem Konterfei um einen Schnappschuss im fernen Preußen handelt. Hätte Grieser einen Hund, dann müsste es ein Dackel sein, deren Durchsetzungskraft ihn entzückt.

Der deutsche Philosoph Walter Benjamin nannte den Typus des Flaneurs "Haushund" - für den Spaziergänger Grieser ein passendes Stichwort seiner Lieblingsbeschäftigung: "Gleich ihm, dem unablässig auf Spurensicherung erpichten Köter, streune ich durch das betreffende, von den Wienern 'Grätzel' genannte Viertel - offen für jedes noch so belanglos erscheinende Detail, schnuppere an Haustoren und Stiegengeländern, verweile vor den verwitterten Auslagen aufgelassener Läden, entziffere die erodierten Inschriften rätselvoller Gedenktafeln, deren Widmungsträger seit langem aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind oder sinniere über die Genesis jener schütteren Baumgruppen, die sich mit den Jahren zum 'Beserlpark' emanzipiert haben."

Die erschnupperten Orte sind ebenso originell wie zahlreich: Der Ulrichsplatz im 7. Bezirk, das Servitenviertel im 9., der Karlsplatz im 4., der Böhmische Prater im 10., die Grießergasse im 12. … dazu Kinos, Kirchen, Friedhöfe, Hotels, Beiseln, Parks und die eigene Wohngegend. Vor fast drei Jahrzehnten hat der Bestsellerautor sein Domizil im Atelier eines Jugendstilhauses am Arenbergpark entdeckt. Wie es gelang, "aus diesem Trümmerhaufen etwas Brauchbares zu machen" ist eine der Geschichten im Kapitel "Der Alltagsmensch". Der liebenswerte "Migrant" hat sein achtes Wien-Buch in vier große Kapitel gegliedert: Der Spaziergänger, Der Genießer, Der Alltagsmensch, Der Autor. Als letzterer absolviert er im Jahr an die 100 Lesungen. Sein Publikum dankt es mit zahlreichem Erscheinen und Signierwünschen, und auch dabei fehlt es nicht an originellen Reminiszenzen.

"Plaire et instruire" - "Erfreuen und belehren" war das Prinzip der französischen Klassik des 17. Jahrhunderts. Literarische Werke, wie die Theaterstücke von Molière oder die Fabeln von Jean de La Fontaine sollten zugleich der Unterhaltung und der Wissensvermittlung dienen. Bis ins 19. Jahrhundert trugen (Kinder-)bücher den Untertitel "Zur Belehrung und Erheiterung". Die am besten ausgestatteten Exemplare kamen aus Wien. Vielleicht stehen Dietmar Griesers Bücher in dieser Tradition. Vielleicht hat sie der "Archäologe der Kulturgeschichte" aber auch wieder erfunden. Zu wünschen wäre, dass er sie noch lange fortsetzt.