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Bettina Habsburg-Lothringen (Hg.): Dauerausstellungen#

Bild 'Habsburg'

Bettina Habsburg-Lothringen (Hg.): Dauerausstellungen. Schlaglichter auf ein Format. Edition Museumsakademie Joanneum Band 3. Transcript Verlag Bielefeld 2012. 396 S., ill. 29,80 €

Als „weltweit expandierendes Erfolgsmodell“ beschreibt die Herausgeberin die „Institution Museum“. Bettina Habsburg-Lothringen leitet die Museumsakademie Joanneum Graz, das von Erzherzog Johann gegründete Universalmuseum ist eines der größten und ältesten Museen Europas. „Das kulturhistorische Museum des 19. Jahrhunderts war wohl die erfolgreichste Neuerfindung des bürgerlichen Zeitalters im Museumswesen,“ meint auch Alexis Joachimides, Kunstprofessor in Kassel (D). Doch räumt er ein: „Im Laufe des 20. Jahrhunderts allerdings erlebten die kulturhistorischen Museen europaweit einen signifikanten Bedeutungsverlust.“

Um diesem zu begegnen, erfüllen Museumsmacher heute kindliche Wünsche des Publikums: Spiele, Spaß haben, neugierig sein, Geschichten erzählt bekommen. Bei der derzeitigen Überbetonung kommerzieller Interessen kommen Museen nicht umhin, Teile ihrer Identität aufzugeben, stellt der Londoner Dozent Lutz Becker fest. Der traditionelle Kuratorethos geht verloren. Gestaltungskonzepte von Kaufhäusern „verwandeln Galerien in Erlebnisräume sowie Besucherinnen und Besucher in passive window shoppers“. Der Band zeigt Antithesen „zu jenem radikalen Prozess der Kommerzialisierung und … zur Auslieferung an den Populismus.“ Er versammelt 35 Beiträge über „Dilemma und Potential der ständigen Ausstellungen“. Der erste Teil vereint Grundsatzartikel europäischer Expert/innen aus dem musealen und universitären Bereich.

Dauerausstellungen machen repräsentative Objekte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, ihr überzeitliches Konzept schien „auf Ewigkeit angelegt“. Derzeit rechnet man nur mit fünf bis 15 Jahren. Mit dem „unhinterfragten Bedürfnis nach Flexibilität … dem Imperativ des 21. Jahrhunderts“ ist die auch die Gestaltung von Dauerausstellungen Moden unterworfen. Im Trend liegen etwa „ein flexibles geschichtenbasierendes Konzept, möglichst niederschwellig“, Inszenierungen, Parcours, erlebnisorientierter Ansatz, Atmosphärenräume, künstlerische Interventionen, audiovisuelle Medienangebote. In den Besuchern sollen „Erfahrungen ausgelöst werden, Information und Interpretation kommen erst an zweiter Stelle“.

Kuratoren/innen müssen betriebswirtschaftlichen Vorgaben folgen. Die Joanneum-Chefkuratorin Barbara Porod äußert sich kritisch: „Die musealen Erlebniswelten präsentieren eine Überfülle an Reizen, aus welchen das Publikum wählen kann, eine Form der Wahrnehmung, die durch die moderne Lebenswelt …. trainiert ist und entsprechend auch im Museum erwartet wird.“ Bettina Habsburg-Lothringen teilt diese Erfahrung: „Neben didaktisch motivierten Darbietungen, die am ehesten in technischer Hinsicht innovativ sind, sollen diese Elemente dem Rezeptionsverhalten einer fernseh- und internetsozialiserten Besucher/innenschaft entgegenkommen, die es angeblich laut und bewegt mag. … Der Zuwendung zu den klassischen Objekten dienen sie - vor allem bei Kindern beobachtet - nicht.“

Doch ist es nicht immer die Annährung an den vermeintlichen Publikumsgeschmack, die zu Umgestaltungen führt. Ethnographische Museen etwa entstanden im Kolonialzeitalter des 19. Jahrhunderts im Sinne einer „Rettungsethnologie“, wie Wayne Modest, Leiter des Tropenmuseums Amsterdam (NL) feststellt. Dabei wurden „Objekte von so genannten primitiven Völkern gesammelt, klassifiziert und studiert, um auf dieser Basis die Entwicklung zum zivilisierten, europäischen Menschen hin nachvollziehen zu können.“ Seit den1980er Jahren sucht die New Museology-Bewegung die Zusammenarbeit mit „source communities“, jenen Gemeinschaften, denen die Sammlungen entstammen. Die neuen Ansätze spiegeln sich u. a. in neuen Namen. In einem „Museum der Kulturen“ oder „Weltkulturen-Museum“ ersetzen thematische Gliederungen die geographischen. Der Perspektivenwechsel betrifft ebenso technische oder medizinhistorische Museen.

Der zweite Teil des Buches stellt Museen in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Österreich vor, die den Wechsel schon gewagt haben. Die Herausgeberin hat dafür die Interviewform gewählt und die meisten der 17 Gespräche selbst geführt. Dazu gibt es jeweils mindestens ein großes, farbiges, typisches Bild der Dauerausstellungen. Da wurden „verschlafene Museen“ wieder aufgeweckt, Anti-Education betrieben, die Seriosität des Museums infrage gestellt, kuratorisch experimentiert und Objekte personalisiert. Das westfälische Landesmuseum etwa gab bronzezeitlichen Frauenleichen Vornamen wie Christa oder Daniela, um ihre Geschichten erzählen zu können. Das Grazer Archäologiemuseum ging einen anderen Weg. Es ersetzte die chronologische Gliederung wurde durch eine thematische – etwa Krieg oder Götter. Dazu wurden Künstler, Journalisten, Wissenschaftler (aber keine Archäologen) interviewt. Sie gaben keine „richtigen“, sondern subjektive Antworten, die man an Hörstationen abrufen kann.

Der dritte Teil trägt den Titel „Bearbeitungen bestehender Aufstellungen und temporäre Interventionen.“ Hier findet sich u. a. ein Artikel der Joanneum-Kuratorin Eva Kreissl über den Trachtensaal des 1913 von Viktor Geramb gegründeten Grazer Volkskunde-Museums. 1938 richtete er dort einen Raum mit 42 lebensgroßen, mit Trachtenrekonstruktionen bekleideten Holzfigurinen ein. Bei der Neugestaltung des Museums 2003 blieben diese Vitrinen - kommentiert - als „Museum im Museum“ stehen. Schon wenige Jahre später gab es aber ein anderes Konzept, das am Finanziellen scheiterte. „Und so scheidet der Trachtensaal bis heute die Geister.“ Die Wiener Kuratorin Roswitha Muttenthaler war in unterschiedlichste Interventionsprojekte involviert: „Kunst trifft Kunst“ (Kunsthistorisches Museum, Oberes Belvedere), „Kunst trifft Wissenschaft“ (Technisches Museum Wien) und „Wissenschaft trifft Wissenschaft“ (Wien Museum). Dem entsprechend vielfältig waren ihre Erfahrungen und Folgerungen.

Dieser überaus spannende Sammelband ist nicht nur für Museologen und an Museen Interessierte lesenswert. Er eröffnet neue Einblicke in Zusammenhänge, die alle Besucher betreffen. Dem Publikum werden Umbruchsprozesse hinter den Kulissen bewusst gemacht, und dadurch lässt sich vieles, was dem Uneingeweihten unverständlich oder verunsichernd erscheint, begreifen.