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B.Hell, W.Seitter, E. Wallnöfer, P. M. Kubelka: Untersberg#

Bild 'Untersberg'

Bodo Hell, Walter Seitter, Elsbeth Wallnöfer, Peter M. Kubelka: Untersberg. Geschichten, Grenzgänge, Gangsteige. Verlag Anton Pustet Salzburg 2012. 160 S., durchgehend farbig ill. € 25,-

Das 1500 m aufragende, rund 70 Quadratkilometer umfassende Salzburger Kalkmassiv zählt zu den eindrucksvollsten Bergen der Ostalpen. Zudem ist der Untersberg wirtschaftlich bedeutsam, seit der Bronzezeit besiedelt und sagenumwoben. Gute Gründe, ein weiteres Buch herauszugeben, das "in eine große Schar von Schriften (eintritt), die sich ebenfalls an den Untersberg herangemacht haben." Von diesen unterscheidet es sich ohne Zweifel. Dafür sorgt schon das vierköpfige Autorenkollektiv. Der Philosoph Walter Seitter ist, wie er schreibt, "dem Gegenstand der Darstellung seit Langem nachbarschaftlich verbunden". Die anderen bilden längst ein eingespieltes Team (u.a. erschien 2008 ein gemeinsames Buch über Heilige und Pflanzen). Der Schriftsteller Bodo Hell verbringt einen Teil seines Arbeitsjahrs auf einer Alm am Dachstein. Medien der Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer sind Bücher und Filme (2012 "Stoff der Heimat" - ein Film von Othmar Schmiderer). Peter M. Kubelka ist Fotograf der Fürstlichen Sammlung Liechtenstein in Wien. Gemeinsam "versuchen sie, den bisweilen seltsam exotischen Geschehnissen auf die Spur zu kommen, der Philosophie des Berges gerecht zu werden."

In diesem Buch wirkt manches auf den Kopf gestellt. Nicht nur die Titel des grafisch anspruchsvollen und ansprechenden Bandes. Sie erscheinen als verkehrte Schatten der Kapitelüberschriften: Geschichte, Berg, Politik, Sagen, Kunst. Bergsteige, Drachenloch, Fadererschneid, Grödiger Törl, Rositten, Nemesis, Mordversuch, Grubpfad, Mitterweg, Schmuggler, Schweigmühl, Untersberg, Reminiszenzen. Allein diese Stichworte lassen die Breite der - in unkonventioneller Weise - dargestellten Themen ahnen. Das erste Kapitel, das ein gutes Drittel ausmacht, hat Walter Seitter "Geschichte" übertitelt. Deren Beginn ließe sich vor 200 Millionen Jahren ansetzen, damals entstanden die Ablagerungen eines Urmeeres, die zur Entstehung des Berges führten. Seit der Römerzeit brach man am Untersberg Marmor für Bau- und Bildwerke, aber auch zu Kugeln "gemahlen", als Schiffsballast und Munition.

Seit dem 16. Jahrhundert ist von der apokalyptischen Untersberg-Sage die Rede, von der es zahlreiche Varianten gibt. Ein Kaiser (Karl der Große, Karl V., Friedrich Barbarossa, Friedrich III.) wartet im Untersberg auf seine Auferstehung. Sein Bart ist in den Jahrhunderten mehrfach um den Tisch gewachsen. Neben ihm befindet sich ein Kriegsherr, gerüstet für die letzte Schlacht um Jüngsten Tag. Zwergenartige "Untersberger Mandln" sind die Diener des Kaisers. In der Reformationszeit kam die Lazarusgeschichte auf, in der Lazarus Gitschner, Knecht des Reichenhaller Stadtschreibers, den ein Mönch in das Innere des Unterbergs führt, wo er wundersame Dinge erlebt und den Kaiser sieht. Die in den Felsen gemeisselten geheimnisvollen Buchstaben und Ziffern wurden als "Prophezeiung" verschiedentlich zitiert, aber nie dechiffriert. Schließlich beschäftigt sich der Philosoph mit der Kunstgeschichte und Literatur. Hier erwähnt er unter anderem den Maler Karl Friedrich Schinkel, den Literaten Adelbert von Chamisso und den Theatermacher Max Reinhardt in ihrer Beziehung zum Untersberg. Zum Ausklang ist dem "Rusticale" von Valentin Pfeifenberger - dem Thomataler Pfarrer, der auf dem Palmesel ritt - breiter Raum gewidmet.

Bodo Hell übertitelt sein Kapitel "Gangsteige". In seinem charakteristischen sprachartistischen Stil führt der Literat durch unwegsames Gelände oder zu rätselhaften Plätzen. Quer durch alle Abschnitte der Berggeschichte(n) finden sich - in blauer Farbe - die "Miniaturen" von Elsbeth Wallnöfer. Die Volkskundlerin nennt sie "erklärende Einschübe". Mit literarischer Ambition behandelt sie unter anderem "Kugelmühlen" (wasserbetriebene Mühlen zur Herstellung von Marmorkugeln), "Fingerlein" (märchenhafte Bewohner des Unterbergs), Vaterländische Geschichte, Heilige Orte, Zollhäuser und Molkekuren. Ein ganz wesentliches Element bilden die großformatigen Fotos von Peter M. Kubelka. Sie stellen den Hausberg der Salzburger in perfekten Stimmungsbildern und - manchmal skurillen - Details vor. Sogar ein Totempfahl und eine einsame Telefonzelle bei "Posten 3" wurden abgelichtet. Madonnen, Kreuze und Grafitti kontrastieren mit (Marmor-)Stein, Wolken, Wald und Wasser. Eine Metapher aus der Werbeszene drängt sich auf: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte".