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Clemens M. Hutter: Iuvavum#

Bild 'Iuvavum'

Clemens M. Hutter: Iuvavum. Alltag im römischen Salzburg. Verlag Anton Pustet Salzburg 2012. 176 S., durchgehend ill., € 25,-

Bis in die 1960er Jahre konzentrierte sich die Geschichtsschreibung auf große Persönlichkeiten und militärische Siege. Museale Schausammlungen boten ein getreues Spiegelbild dieser Sicht der Vergangenheit. Mit der Trendwende zur Alltagskulturforschung wurden die Defizite bewusst. Das Fehlen von Alltagsgegenständen in den Depots ließ sich leicht erklären: "Reichtum hinterlässt Spuren, Armut kaum". In der Archäologie zeigte sich der Trend schon ein Jahrhundert früher, als ein dänischer Laienforscher mit Steinzeitwerkzeugen ein Blockhaus errichtete. Inzwischen ist experimentelle Archäologie ebenso ein Lehrfach wie ein beliebter Zweig der Museumspädagogik und Element der Living-history-Bewegung. So versucht die Reenactment-Szene, den Alltag früherer Generationen hautnah zu erfahren.

Der Alltag ist "alltäglich", gewöhnlich. So geht auch Clemens M. Hutter sein Thema "Alltag im römischen Salzburg" populär an. Er wählt den berühmten Travnicek-Sketch als Einstieg, in dem der ungebildete Tourist antiken Ruinen so gar nichts abgewinnen kann: "… hinig - alles baufällig!" Hutter hätte ihm geraten, in Salzburg Ausschau nach Sehenswertem zu halten: "Römische Meilensteine, … Gedenktafeln in den Hinterhöfen, Reliefs an Kirchenmauern oder eindrucksvolle Sammlungen in Museen". Um Interesse an einem Thema zu wecken, empfiehlt es sich, das Publikum "dort abzuholen, wo es steht". Als früherer Zeitungsressortchef und Verfasser von 45 Büchern weiß der Autor, wie man das macht. Er entführt seine Leser auf eine "Stadtwanderung durch Iuvavum". In der "Zeitmaschine" dreht er die Zeit um 19 Jahrhunderte zurück: "Keine Autos, kein Gehupe, keine wilden Radler, keine blauen Parkzonen…", stattdessen spielen Kinder auf der Straße, rattert ein mit Gemüse beladener Ochsenkarren zum Markt, wo man Fremdlinge und Sklaven sieht. Auch gepflasterte Straßen, Spelunken und öffentliche Bedürfnisanstalten bleiben dem Besucher nicht verborgen.

Dem populären Einstiegskapitel geht eine aufschlussreiche Zeittafel voraus, von etwa 450 v. Chr., als Kelten den Ostalpenraum und das heutige Land Salzburg besiedelten, bis zur Ankunft des hl. Rupert um 690 n. Chr., mit der die Geschichte Salzburgs beginnt. Diese "Geschichte auf einen Blick" ist Teil des äußerst gelungenen Layouts, für das, wie schon in anderen Werken aus dem Pustet-Verlag, Tanja Kühnel verantwortlich zeichnet. Diesmal hat sie die Marmorstruktur als Leitmotiv gewählt und den Titel Iuvavum in den Umschlag "eingemeißelt". Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels (ebenfalls im Steinlook) ermöglichen raschen Überblick. Großformatige Fotos geben Einblicke bis ins Detail, wobei moderne Münzen interessante Vergleiche erlauben - so sieht man, dass auf ein 50-Cent-Stück ein bis vier Mosaiksteinchen gehen. Informative Karten und ausführliche Zitate erhellen den römischen Alltag seit jener Epoche, als Salzburg in der Zeit des älteren Plinius (23-79 n. Chr.) in die Geschichte eintrat. In der römischen Provinz Noricum stach der Verwaltungsbezirk Iuvavum durch die größte Dichte an Gutshöfen und Mosaikböden heraus. Der Bezirk umfasste das heutige Land Salzburg ohne den Lungau, weiters gehörten der Attergau, das Innviertel westlich der Mattig, der Rupertiwinkel, der Chiemgau und Tirol südlich des Inn und östlich des Ziller dazu.

Fast 40 prägnante Kapitel schildern Aspekte des Alltags, der sich wohl nicht allzu sehr von dem anderer Städte im römischen Weltreich unterschied. Handwerker waren in eigenen Vierteln tätig, "das Volk wohnte armselig", und "Liquamen" (Sauce aus verwesten Fischeingeweiden) war eine unerlässliche Zutat in der Küche. Im Alpenvorland befanden sich rund 120 Gutshöfe, die Gemüse, Bienenprodukte und Käse - auch für den Export - produzierten. Frauen und Sklaven wurden nicht als juristische Personen, sondern als Besitz betrachtet, Grabsteine verweisen aber doch auf eine gewisse Wertschätzung. Diese Monumente dokumentieren auch die Mode, wobei manche Ehefrauen in keltischer Tracht, ihre Männer aber in römischer Art abgebildet sind. Bücher und Schreibtafeln sollten auf deren Bildung verweisen. Schulpflicht bestand keine, wer es sich leisten konnte, ließ seine Kinder von Privatlehrern unterrichten. Importierte Güter des gehobenen Konsums wie Terra Sigillata-Geschirr aus Frankreich, Glasfläschchen aus Syrien, indische Gewürze oder italienische Bronzen fanden in Iuvavum einen aufnahmebereiten Markt. Im Stadtbezirk ergruben Archäologen rund 100 luxuriöse Mosaikfußböden, weitere 20 vermuten sie unter den noch nicht frei gelegten Gutshöfen. An der "römischen Tauernautobahn" blieben auf 29 Kilometern Strecke 15 Meilensteine erhalten – weltweit die mit Abstand größte Anzahl. Die römische Staatspost war perfekt organisiert, gute Straßen und alle 20 bis 25 km eine Station zum Pferdewechsel und zum Quartier ermöglichten eine Tagesleistung von 200 km. Bewundernswert aus der historischen Distanz erscheinen die Technik des Straßen- und hochalpinen Wegebaus, die Straßenkarte "Tabula Peutingeriana", deren Original aus dem 2. Jahrhundert stammte, ebenso wie die Verwendung von Beton, wie er beim Bau des Asklepiustempels in der Salzburger Kaigasse festgestellt wurde.

Um das Jahr 180 zerstörten die Markomannen die Provinz Noricum. "Es dauerte bis 206, ehe Iuvavum wieder erstand - jedoch kleiner als zuvor - und sogar zu einer zweiten Glanzzeit aufblühte." Summa summarum nennt der Autor "Iuvavum - eine Erfolgsgeschichte", und als einen Hauptgrund die Romanisierung der norischen Kelten, "ein Musterbeispiel dafür, dass mit Respekt gepaarte und ohne Druck langfristig verlaufende Integration beiden Seiten Nutzen bringt".