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Reinhard Kriechbaum: Scheller, Schleicher, Maibaumkraxler#

Bild 'Kriechbaum'

Reinhard Kriechbaum: Scheller, Schleicher, Maibaumkraxler. Bräuche in Österreich: Fasching, Ostern, Frühling. Verlag Anton Pustet Salzburg 2012. 220 S., € 24,-

So stellt man sich ein neues Buch über Bräuche vor: Unterhaltsam (es geht u. a. um den Fasching), bunt (viele aktuelle Fotos) und abwechslungsreich (Altes und Neues aus allen Bundesländern). Vor einem guten Jahr hat Reinhard Kriechbaum die Publikation "Weihnachtsbräuche in Österreich" vorgelegt. Es überrascht wenig, dass der Verlag dem Erfolgstitel einen weiteren folgen lässt. Das Weihnachtsbuch hatte 80 Kapitel, jetzt sind es 105. Tanja Kühnel hat wieder ein liebenswürdiges Layout entworfen. Was da wie dort fehlt, sind Quellenangaben. Wieder steht nicht die Nostalgie im Fokus, sondern die aktuellen Feste: "Es geht um Bräuche, die leben, weil sie sich eben nicht überlebt haben." Reinhard Kriechbaum ist freiberuflicher Journalist, Chefredakteur einer Internet-Kulturtageszeitung und hat u. a. Volkskunde studiert. Man darf ihm glauben, was er über Faschingsbräuche, Fastenzeit, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam, Mai- und Frühsommerbräuche, sowie die festlich begangenen Heiligen-Gedenktage im Frühjahr veröffentlicht.

Wer Bräuche beschreibt, ist zwangsläufig mit der Ursprungsfrage konfrontiert. Die Leser wollen erfahren, wie dieses oder jenes entstanden ist, was ihnen kurios vorkommt. Dazu muss man wissen, dass die populären Erklärungen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert stammen. Kriechbaum weiß es: "Germanische, keltische, jedenfalls vorchristliche Wurzeln werden nur zu gern angenommen. Die moderne Volkskunde hat bis heute einiges an Fehldeutungen aufzuarbeiten, denn gerade in der Zeit des Nationalsozialismus haben Wissenschaftler im Dienste der Ideologie manche Bräuche dem Germanentum zugeschrieben. Eine gängige Lesart: Das Christentum habe 'germanische Wurzeln' verwischt und sich Termine und Rituale zu eigen gemacht, in denen eigentlich 'urdeutsches Kulturgut' festgeschrieben sei." Aber leider liest man das in dieser Deutlichkeit erst am Ende des Buches. Mehr als ein Dutzend Mal zieht sich der Autor mehr oder minder elegant aus der Affäre. So spricht er vom Figuren-Konglomerat im Tiroler "Faschingsland", nachdem er Deutungen von Hexen, Fruchtbarkeitsritualen und dem Austreiben der Dämonen zitiert hat: "Das ist alles nicht wirklich zu widerlegen, aber schon gar nicht zu beweisen." Die Ausseer Pless - "Ein alter germanischer Winterdämon … ? Das hat man sich in einer Zeit der Blut-und Boden-Volkskunde so schön zusammengereimt. Vielleicht ist die Pless im Zuge solcher Brauchdeutung überhaupt erst 'erfunden' worden. Plausibler klingt folgende Erklärung: Die Pless sei traditionellerweise eine Maskerade armer Leute …" Mit Fragezeichen und indirekter Rede bleibt alles offen. Der Leser kann entscheiden, welche Interpretation ihm sympathisch ist. Aus der Sicht der Wissenschaft wäre eine deutliche Distanzierung wünschenswerter als ein noch so gekonnter journalistischer Kunstgriff.

Im Zusammenhang mit dem Georgiritt erfährt man allerdings, "dass Bräuche sehr oft keine kontinuierliche Tradition haben, sondern in jüngerer Vergangenheit zu neuem Leben erweckt oder gar erst eingeführt worden sind." Es mag viele Leser überraschen, dass Maibäume nach dem 2. Weltkrieg "übel beleumundet und fast völlig verschwunden" waren. In Tirol dauerte es bis in die 1960er Jahre, in Linz bis 1976, bis der Brauch wieder auflebte. Besonders interessant sind Details aus den letzten Jahrzehnten: Das mit Stofffransen verzierte Gewand der Ebenseer "Fetzen" setzte sich in den 1970er Jahren durch, ihre Pritschenmeister gehen dem Zug erst seit 1954 voran. Der Villacher Fasching lockt mehr Zuschauer (1,339 Millionen) vor die Fernsehgeräte als das Neujahrskonzert (1,3136 Millionen). 1981 spielte in Vorarlberg die erste Guggenmusik nach Schweizer Vorbild. 1984 belebten die Salzburger Fleischhauer den "Metzgersprung" als Ritual zur Freisprechung. Die Lungauer Samsone rückten in der letzten Saison 31 Mal aus.

Eine Fülle an Material wurde mit benutzerfreundlichen Informationen angereichert. Die Informationen, wo wann welcher Brauch stattfindet, samt Kontaktadressen und Telefonnummern, sind für Ausflügler hilfreich. Aktuell sind auch die Aufnahmen in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes, das derzeit 51 österreichische Eintragungen umfasst, wie das Schleicherlaufen in Telfs, Imster Schemenlauf, Blochziehen, Ebenseer Fetzenzug, Murauer Faschingrennen, Mullen in den "Martha" Dörfern oder das Funkenabbrennen.

Nach Weihnachts- und Frühjahrsbräuchen fehlen nur noch Sommer und Herbst, um den Kreis der Jahresfeste mit Kriechbaum-Büchern zu schließen. Auch die persönlichen Bräuche im Lebenslauf wären einen eigenen Band wert. Darauf dürfen sich Interessierte schon jetzt freuen.