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Franz Mazanec: Döblinger Auslese#

Bild 'Döbling'
Franz Mazanec: Döblinger Auslese aus dem Archiv von Kurt Apfel. Sutton Verlag, Erfurt 2012. 96 S., 160 S-W- und 30 Farbbilder. € 19,95

Seit Generationen ist der 19. Wiener Gemeindebezirk ein attraktiver Ort zum Leben und ein beliebtes Ausflugsziel. Wohl ein Grund, warum ihm der Sutton-Verlag bereits sechs Bände gewidmet hat, fünf stammen von Franz Mazanec, Bibliothekar des Bezirksmuseums. Mit dem jüngsten hat er eine Auslese aus dem reichen Schaffen von Prof. Kurt Apfel (1927-2009) getroffen. Apfel stammte ais Presßburg, wo sein Vater das stadtbekannte Fotatelier besaß und er das Gewerbe erlernte. Als Wiener Heimatforscher engagierte er sich in der Volksbildung. Kurt Apfel entdeckte in Heiligenstadt Wiens einzigen Karner und legte am Leopoldsberg die Reste der Babenbergerburg frei. Er war Jahrzehnte lang an 28 Wiener Volksschulen für die 3. und 4. Klassen als Stadtführer tätig, gestaltete weit über 100 Ausstellungen und veröffentlichte mehr als 400 Zeitungsartikel über die Geschichte des 19. Bezirkes. 20 davon hat der Herausgeber für die "Döblinger Auslese" zusammengestellt.

Der Buchtitel erinnert an Qualitätswein. Qualität haben die Bücher des Sutton-Verlags in bewährten Reihen, wie "Archivbilder", "Zeitsprünge" oder, wie dieses in der neuen, "Bildergeschichten". Viele entstehen in Zusammenarbeit mit regionalen Museen und deren Experten als Autoren. Museumsleiter und -mitarbeiter, als deren Prototyp Kurt Apfel gelten kann, verfügen über unglaubliches Detailwissen und sind gerne bereit, es weiterzugeben.

Vom Wein ist naturgemäß viel die Rede, im historischen Bilderbogen über den 19. Bezirk, der für seine Rieden und Heurigen berühmt ist. Eine "Gnadenkapelle mit Heurigenausschank" gab es wohl nur in Döbling. Ihr Betreiber war ein cleverer Sandgruben- und Grundbesitzer in Sievering. Mangel an "Pilgern" hatte er nicht zu beklagen, wohl aber klagten die alteingesessenen Heurigen gegen die unliebsame Konkurrenz, die fast ein Jahrzehnt ohne Konzession auskommen konnte. Mit dem Neubau der noblen Kirche und Villen im Kaasgraben endete die Geschichte des Wallfahrtsheurigen. In der Ruthgasse befand sich "Preyers altdeutsches Weinhaus". Berühmt für seinen großen Garten und die Veranda, war es "ein einstiger Treffpunkt Wiener Künstler". Zu den Stammgästen zählten die Schriftsteller Ferdinand von Saar, Ludwig Ganghofer und Franz Theodor Csokor ebenso wie die Schauspielerin Lina Loos und der Operettenkomponist Edmund Eysler. Ein Kapitel ist den Wirtshausschildern gewidmet. Sie erinnerten u.a. an "Feldmarschall Erzherzog Albrecht", "Überfuhr der Landwehr", "Wilczekland". Das "Weinetablissement d' Praterspatzen", ein Lokal mit romantisch-burgartiger Architektur, bot "täglich Conzertgesang".

Freilich hatte das alte Döbling mehr zu bieten als Weinseligkeit. Bekannte Persönlichkeiten ließen sich hier nieder. Mit den Komponisten Ludwig van Beethoven und Josef Lanner, dem Metallurgen Karl Reichenbach oder dem Textilhändler und Kunstmäzen Rudolf von Arthaber beschäftigt sich das Buch. Beethoven (1770-1827) mietete während seiner 35 Wiener Jahre fast ebenso oft Wohnungen. In seinen Döblinger Domizilen entstanden berühmte Werke wie die "Eroica". In Heiligenstadt, wo damals eine Thermalquelle sprudelte, erhoffte er sich Heilung bei einem Kuraufenthalt. Josef Lanner (1801-1843) konzertierte nicht nur mit Johann Strauß im "Casino Zögernitz", er wohnte auch in der Pyrkergasse und starb im eigenen Haus am "Währinger Spitz". Karl Reichenbach (1788-1869) war ein anerkannter Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmer, dem die damals berühmten Salm'schen Eisenwerke in Mähren ihren Erfolg verdankten. Er führte den Zuckerrübenanbau in Mähren ein und ließ dort die erste Rübenzuckerfabrik errichten. 1835 erwarb er das Landgut am Cobenzl. Im Alter geriet sein Forschergeist auf spiritistische Abwege, weshalb man ihn bestenfalls als "Zauberer vom Cobenzl" kennt.

In der Villa des Industriellen Rudolf Arthaber (1795-1867), der späteren Wertheimstein-Villa befindet sich das Bezirksmuseum, das Kurt Apfel 1964 mit begründete und seit 1995 leitete. 2012 wurde ihm zu Ehren in der Nähe eine Gasse benannt. Der aus seinem unermüdlichen Sammel- und Publikationseifer entstandene Nachlass birgt noch viele Schätze. Material für weitere liebevoll gestaltete Bändchen wäre also genug vorhanden …