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Nigel Pollard, Joanne Berry: Die Legionen Roms.#

Bild 'Legionen'

Nigel Pollard, Joanne Berry: Die Legionen Roms, aus dem Englischen übersetzt von Cornelius Hartz. Theiss Verlag Stuttgart 2012. 240 S. mit 200 meist farbigen Abb. € 34,95

Die Legionen Roms gehörten zu den schlagkräftigsten Streitmächten der Geschichte. Sie eroberten nahezu die gesamte damals bekannte Welt und sicherten fast ein halbes Jahrtausend hindurch ein Staatsgebiet von beispielloser Größe zwischen Schottland und Armenien. Das Buch zweiter Universitätsprofessoren macht dies anhand prägnanter Texte, mit Fotos, Karten, Zeittafeln, Glossar und "Steckbriefen" der Legionen deutlich. Sein Titelbild schlägt die Brücke von der Römerzeit zur Gegenwart - und nach Österreich. Es zeigt eine Reenactmentgruppe aus Carnuntum, ein Dutzend Mänenr in der Rolle römischer Legionäre, mit Schilden, Uniformen und Standarten. Der Band erläutert, wie die Soldaten gekleidet und ausgerüstet waren, wie sie ihr Leben verbrachten und das römische Militär organisiert war. Er gibt Einblick in dessen Geschichte vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zur Spätantike. Teil I untersucht die Ursprünge, Eigenschaften und Aktionen der Legionen während der Expansion des Imperiums in der Zeit der Republik bis ca. 31 v. Chr. Teil II besteht aus den "Biographien" aller 45 Legionen, die sich anhand von Namen und Nummern identifizieren und in der frühen und mittleren Kaiserzeit drei Jahrhundert hindurch verfolgen lassen. Teil III beschäftigt sich mit der Spätantike. Was man sich hierzulande gewünscht hätte, ist die ausführlichere Behandlung des Donaulimes, jenes Teils der römischen Militärgrenze der entlang der Donau im heutigen Österreich, der Slowakei, in Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien verlief. Entlang des Limes verlief eine der Donauweg (Via Istrum), um die Stationen, Kastelle und Festungen bis zum Donaudelta zu verbinden. Auf heute österreichischem Gebiet befanden sich Castelle in Lauriacum (Enns) , (Albing), Vindobona (Wien) und Carnuntum, sowie rund 20 Kleinkastelle.
Eine Legion umfasste rund 5000 Mann. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort für "auswählen" (legere). Er deutet darauf hin, dass die Armee ursprünglich aus bestimmten, nach Alter, sozialem und politischen Status definierten Gruppen der Gesellschaft rekrutiert wurde. Der Dienst in der republikanischen Armee war Privileg und Pflicht für römische Bürger, die reich genug waren, um sich die Ausrüstung zu leisten. Um die Wende vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrhundert griff man auch auf ärmere Bürger und Italiker zurück, die zuvor nur in alliierten Truppen gedient hatten. Die Geschichte der Legionen als stabile Einheiten begann Mitte bis Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. mit den Armeen von Gaius Julius Cäsar (100 - 44 v. Chr.).

Cäsars Eliteeinheit, auf die er sich immer verlassen konnte, war die zehnte Legion, der Vorläufer der kaiserlichen Truppe X Gemina. Deren Basis lag in Vindobona (Wien). Während der Herrschaft des Augustus (Cäsars Großneffe und Haupterbe war von 30 v. Chr. bis 14 n. Chr. Alleinherrscher) errichteten die Römer entlang der Donaugrenze eine Reihe von Holzcastellen, u.a. in Vindobona, einem Teil der Provinz Pannonien. Anfang des 2. Jahrhunderts wurde das Castell in Stein neu gebaut, 166 von den Markomannen geplündert und durch Marcus Aurelius (121-180 n. Chr.) sowie im 3. Jahrhundert wieder aufgebaut. Rund um die Militärbasis - deren Überreste im Römermuseum auf dem Hohen Markt zu sehen sind - entstand eine zivile Stadt. Das Lager beherbergte die XIII Gemina, die XIV Gemina und die X Gemina. Diese hatte schon vor ihrer Verlegung nach Vindobona für ihre Kaisertreue das Prädikat "Pia fidelis" (pflichtbewusst, loyal) erhalten. 166-180 kämpfte sie mit Marcus Aurelius gegen die Markomannen und andere Germanenstämme. Der Kaiser hielt sich bis zu seinem Tod in Vindobona auf.

Das Wahrzeichen der Region von Petronell-Carnuntum ist das "Heidentor". Es war kein Tor, sondern ein Triumphbogen aus der Regierungszeit von Constantinus II. (337-361 n. Chr.). Im Buch ist es mit der Rekonstruktion abgebildet, ebenso das Grabmal eines Zenturio der fünfzehnten Legion, das sich im Kunsthistorischen Museum befindet. Der Stein zeigt unter der Inschrift einen Mann mit Pferd und die typischen Ausrüstungsgegenstände des Berufsoffiziers: Kettenpanzer, Beinschienen und den Zenturionenhelm mit dem charakteristischen quer gestellten Kamm. Carnuntum war das wichtigste Castell der XV Apollinaris. Sie besorgte 73 n. Chr. den Neubau des Castells und blieb mindestens bis zum Jahr 106. Anno 193 wurde Septimius Severus (146-211 n. Chr.) in Carnuntum durch die Balkanlegionen zum Kaiser ausgerufen.

Ein Legionär der Kaiserzeit diente normalerweise 25 Jahre. Den Großteil des ihm zustehenden Soldes behielt die Armee zurück, doch durften sich Legionäre durch Plünderung und Erpressung bereichern. Der Dienst bot für viele Männer eine attraktive Option, es fanden sich immer genügend Freiwillige. Die meisten Soldaten waren zuvor arme Bauern, schon die regelmäßige Verpflegung bot einen Anreiz. Erlebte ein Legionär seinen Ruhestand, konnte er (seit Augustus) mit einer Abfindung rechnen. Im 1. und 2. Jahrhundert gab es eigene städtische Veteranengemeinden (coloniae) außerhalb Italiens. Prestige und Abfindung machten einen ehemaligen Soldaten zu einem vergleichsweise wohlhabenden und wichtigen Mitglied der zivilen Gesellschaft.

Die Autoren Nigel Pollard und Joanne Berry lehren als Historiker und Archäologen an der Swansea Universität in Wales (GB). Über das Ende der Legionen schreiben sie: "Die Spätantike gilt oft als eine Zeit des Niedergangs. Dennnoch überlebten viele Aspekte der römischen Institutionen und Kultur jahrhundertelang, sowohl im byzantinischen Reich als auch in den germanischen Königreichen im Westen … selbst heute noch, wo die römischen Legionen längst Geschichte sind, bleibt der Begriff 'Legion' ein Synonym für militärisches Können."