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Michael Rössner, Heidemarie Uhl (Hg.): Renaissance der Authentizität ?#

Bild 'Authentizität'

Michael Rössner, Heidemarie Uhl (Hg.): Renaissance der Authentizität ? Über die neue Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Transcript Verlag Bielefeld 2012. 298 S., 29,80 €

"Authentizität" hat wieder Konjunktur. Die Herausgeber des Sammelbandes - Direktor bzw. Historikerin des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften - versehen die Renaissance des Begriffes mit einem Fragezeichen. "In Zeiten von 'virtual reality' und 'postmoderner Beliebigkeit' scheint er - nicht ohne Nostalgie - wieder einmal zum Sehnsuchtsort geworden zu sein: 'Unberührte Natur' im Tourismus, 'Zurück zum Ursprung' als Slogan einer Bio-Marke, 'Authentische Aufführungspraxis' in der reproduzierenden Kunst sind Ausdruck dieser Sehnsucht," schreiben die Wiener Kulturwissenschaftler Michael Rössner und Heidemarie Uhl im Vorwort. Authentizität zähle nicht zum Kanon kulturwissenschaftlicher Leitbegriffe, doch verbinde sich damit "ein Schlüsselkonzept individueller, kultureller und wissenschaftlicher Praxis". Gemeinsam mit elf anderen AutorInnen beleuchten die Herausgeber Authentizität "im Spannungsfeld zwischen Dekonstruktion und neuer Aufmerksamkeit."

Der erste Abschnitt widmet sich den - gegensätzlichen - Varianten der Begriffsverwendung. Die Philosophin Sybille Krämer eröffnet die Diskussionsbeiträge mit einem Kommentar über Authentizität in fünf Thesen. Abschließend stellt sie fest, "dass unsere Sozialität tiefer auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit angewiesen ist, als gemeinhin angenommen wird." Die Anglistin Aleida Assmann beginnt ihre Überlegungen mit einem Blick auf die Etymologie. Das griechische "authentikos" bezeichnete die Echtheit eines Gegenstands oder Sachverhalts. Der Begriff des Authentischen drücke eine positive, seltene Qualität aus. "Authentisieren" bedeute, etwas mit Glaubwürdigkeit ausstatten bzw. als echt ausweisen. Der indische Germanist Anil Bhatti beschäftigt sich mit postkolonialen Sichtweisen in neueren Romanen: Die frühere Suche nach den "Wurzeln" einer Kultur sei überholt, besser solle man von "rhizomatischen Strukturen" sprechen. Dieses Bild werde der kulturellen Vielfalt besser gerecht, weil es das "Beziehungsgeflecht" erkennen lasse und "Vielfalt als kultureller Gewinn begriffen werden kann." Der Kunsthistoriker und Bauforscher Michael S. Falser hat sich bereits in seiner Dissertation mit der Problematik "Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland" beschäftigt. Im Sammelband beschreibt er die Entwicklungen von der "Charta von Venedig" (1964) zum "Nara Document on Authenticity" (1994). Zwischen den internationalen Grundsatzpapieren zu Konservierung und Denkmalschutz liegen drei Jahrzehnte und eine differenziertere - nicht mehr überwiegend europäische - Sichtweise. Der erste Teil schließt mit "Lateinamerikanischen Blicken auf Paris 1968" von Michael Rössner.

Im zweiten Teil geht es um "Authentizität in den Künsten". Der Germanist und Soziologe Michael Böhler bringt als Beispiele für "Das Authentische in der Literatur" die Poetik der Epiphanie bei Hugo von Hofmannsthal und James Joyce. Der Theater- und Kommunikationswissenschaftler Hermann Blume beschäftigt sich mit der Paradoxie "Erfindung der Authentizität - Authentizität des Erfundenen" in der Editionswissenschaft. Der Historiker und Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen stellt Theorien zur Authentizität in der musikalischen Aufführungspraxis vor. Der Medien- und Kulturhistoriker Siegfried Mattl referiert über "Die Masken der Authentizität".

Der dritte Teil trägt den Titel "Authentizität als Element (nationaler) Identitätskonstruktionen". Der Historiker Rudolf Jaworski vergleicht ostmitteleuropäische Nationaltrachten im 19. und 20. Jahrhundert. Nach dem Vormärz wurde die zuvor wertneutrale Kleidung zu "kulturellen Grenzziehungen" verwendet. Gehobene Gesellschaftskreise proklamierten die "Gesinnungsmoden": deutsche Studenten als Protest gegen die napoleonische Vorherrschaft, tschechische Intellektuelle und Bürger gegen das Metternich'sche Regime, wobei sich Künstler von alten Vorbildern und Militäruniformen zu phantasievollen Kostümen inspirieren ließen. Opern, Operetten, Postkarten und Zeitschriften trugen zur Popularisierung bei. Nationaltrachten bildeten die farbenfrohe Staffage "bodenständiger" Feierlichkeiten, wie auch des Kaiserhuldigungsfestzugs in Wien anno 1908. Im 20. Jahrhundert blieb die Verbindung von "Tracht und Macht" - nun aber von der sozialistischen Gesellschaft und dem touristischen Marketing vereinnahmt. Die Kunsthistorikerin Michaela Marek widmet sich der Frage "Barock in Böhmen - tschechischer Barock ?". Was sie am Beispiel der Architektur zeigt, trifft auch für andere Kunstkategorien zu: "Objekte, ob historische Artefakte, Rekonstruktionen oder 'kongeniale Nachbildungen', vermögen auch heute noch eine Zeugnis- ja Stellvertreterfunktion für die 'entworfene Gemeinschaft' zu erfüllen. … Ihr Zeugniswert wird auf der emotionalen Ebene vermittelt - eher 'gefühlt' als verstanden - sodass sie nahezu beliebige historische Distanzen zu überwinden vermögen." Die Theaterhistorikerin Elisabeth Großegger beschäftigt sich mit dem "Burgtheaterdeutsch". Dieses galt Generationen lang als vorbildlich für die österreichische Hochsprache - und diente der Abgrenzung gegenüber dem bzw. den Deutschen. Das Hofburgtheater, das vornehmste, vom Kaiser unterhaltene, Schauspielhaus Wiens war 1888 in einen Prachtbau an der Ringstraße übersiedelt. Ein Jahrzehnt später (1798–1807) wurde es an den Truchsess Peter v. Braun verpachtet. Er berief 1798 den viel gespielten deutschen Autor August von Kotzebue als Direktor. Dieser kritisierte die Wiener Schauspieler und brachte deutsche mit. Nach Differenzen mit dem Ensemble dauerte seine Direktion nur wenige Monate. In der NS-Zeit und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Burgtheaterdeutsch "auch bewusst als eine Form der Widerständigkeit, als l'art pour l'art gepflegt." Es diente der "Sinn- und Identitätsstiftung durch Differenz". Noch während der Direktion des gebürtigen Bremers Claus Peymann (1986-1999) "diente die Klage um den Verlust des Burgtheaterdeutsch als Argument gegen die 'Entösterreicherung'". Der letzte Beitrag ist einem besonders düsteren Kapitel der Geschichte gewidmet: "Authentizität als Schlüsselkonzept in der Vermittlung der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik". Heidemarie Uhl beschäftigt sich u. a. mit der Neugestaltung der Gedenkstätte Mauthausen, der "Topographie des Terrors" in Berlin, der "Gedenkstätten-Archäologie" in Ravensbrück, der Entdeckung und dem Vermächtnis der Zeitzeug/innen und deren Berichte als mediales Format.

Abschließend sei der Klappentext des anspruchsvollen Buches zitiert: "Nach der Dekonstruktion der Vorstellungen von Echtheit, Eigentlichkeit und Ursprünglichkeit unter dem Vorzeichen des Cultural Turn erfährt Authentizität eine neue Konjunktur – sowohl in der theoretischen Auseinandersetzung als auch in der kulturellen Praxis. Der Band widmet sich dieser neuen Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und begreift sie als Herausforderung für die Kulturwissenschaften. Die Beiträge eröffnen den Dialog zwischen unterschiedlichen Authentizitäts-Konzepten und verbinden theoretische Positionsbestimmungen mit konkreten Anwendungsbereichen."