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Johanna Rolshoven, Maria Maierhofer (Hg.): Das Figurativ der Vagabondage#

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Johanna Rolshoven, Maria Maierhofer (Hg.): Das Figurativ der Vagabondage Kulturanalysen mobiler Lebensweisen. Transcript-Verlag Bielefeld 2012. 280 S., € 26,80 €

Der Figur des Vagabunden wird mit Ablehnung und Faszination, Idealisierung und Stigmatisierung begegnet. Der Typus des (meist männlichen) Vaganten ist seit dem Mittelalter bekannt, und er betraf so unterschiedliche mobile Bevölkerungsgruppen, wie Wanderarbeiter, Spielleute, Händler, Mönche, Bettler oder Räuber. Meist trieb sie Armut zur nomadischen Lebensweise, aber auch Abenteuerlust und andere subjektive Motivationen.

Für die Europäische Ethnologie (empirische Kulturwisssenschaft, Kulturanthropologie, Volkskunde) ist das Phänomen der Vagabondage kein neues Forschungsfeld. Ein Schweizer Volkskundler hat sich schon in den 1950er Jahren mit der umherziehenden Lebensweise der "Anderssozialen" befasst, die oft nicht wissen, wo sie nächstens nächtigen werden. "Vagabondage in einem weiten Sinn trifft in vielem die Arbeitsweise der empirischen Kulturwissenschaft … die Orientierung an der Ergebnisoffenheit ist grundlegende Bedingung dafür, ein Sensorium für Unvorhergesehenes zu entwickeln," schreibt die Herausgeberin Johanna Rolshoven in der Einleitung. Seit 2009 leitet die Professorin das Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Auf eine ihrer Lehrveranstaltungen geht das vorliegende Buch zurück. Es entstand, indem Studierende und renommierte Lehrende in einem interdisziplinären, kollegialen Mentor-Mentee-Verhältnis zusammenarbeiteten.

In vier großen Kapiteln vereint der Band 15 Beiträge, der 16. ist beigelegt: ein Werk der Künstlerin und Kunstprofessorin Ella Ziegler. Sie hat auf einem großen, doppelseitigen Plakat Reproduktionen von fünf Dutzend Ansichtkarten komponiert und kommentiert. Ihr Absender war Georg Ruttloff (* 1903). Der Sohn eines Chemnitzer Kartoffelgroßhändlers plünderte als 18-Jähriger die Firmenkasse und heuerte in Hamburg auf einem Frachtdampfer an. Auf seinen Reisen durch die ganze Welt schrieb er Postkarten an die Eltern. Später wurde er ein gut verdienender Steward und Vulkaniseur. Ruttloff starb 1964 in New Orleans. Die Karten aus den Jahren 1923 bis 1949 zeigen Sehenswürdkeiten und Merkwürdiges aus Übersee, wie die Skyline von New York oder Frauen aus Honolulu. 1940 schrieb er seiner Mutter eine Scherzkarte aus Florida, die einen Mann zeigt, der vor zwei Krokodilen auf eine Palme flüchtet: "Will Dir heute nur wissen lassen, dass es Deinem George noch gut geht … Hoffentlich nimmt der Krieg bald ein Ende…"

Anfangs beleuchtet Isabella Wahlhütter die historischen Verhältnisse vagierender Männer und Frauen. Der Artikel hilft, Vagabondage zu verstehen. Elisabeth Luggauer beschreibt das Schicksal der Jenischen. Die Anzahl der Angehörigen dieser Minderheit, die in vielen Ländern Europas lebt, wird auf mehrere 100.000 Menschen geschätzt. Sie haben ihre eigene Sprache, Kultur und Geschichte und ergriffen einst aufgrund wirtschaftlicher Not fahrende Berufe wie Hausierer, Scherenschleifer oder Altmetallhändler. Die meisten verleugnen ihre Herkunft, da ihre Lebenswelt stets am Rande der Gesellschaft stand, und weil sie, wie Roma und Sinti, verfolgt wurden. KulturanptropologInnen stehen nun vor der Aufgabe, "eine Lebenswelt präsentieren zu wollen, die zu dem Zeitpunkt, als sich erstmals Akteure zu Wort meldeten, schon nahezu verschwunden war."

Mit den Roma in Europa beschäftigt sich Ingrid Breckner. Deren Zuwanderung erfolgte "zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert und weist innerhalb Europas eine variationsreiche Dynamik auf". Die "indische Herkunft" sei ein "weitgehend irrelevanter Mythos." Orvar Löfgren steuert einen Beitrag über "Pendler und Vaganten" auf Bahnhöfen bei - wobei seine Beobachtungen auf dem Kopenhagener Hauptbahnhof sich auch auf andere europäische Bahnhöfe übertragen lassen. Medina Velic richtet mit "Neue (weiblich) Mobilitäten" einen "bewegten Blick auf das postmoderne Europa". In der Post-Gastarbeiter-Generation bestimmenTransmigrantInnen das Bild. Häufig sind es Frauen aus postkommunistischen Ländern, wie Polen, die ihren Lebensmittelpunkt für eine bestimmte Zeit in ein anderes Land verlagern. Während Vertreterinnen dieses Typs hierzulande gut bekannt sind, führt der Artikel "Der Ruf der Fjälls" in die fremde, nomadische Lebensweise der finnischen Rentierwirtschaft. Die Universitätsprofessorin Helena Routsala entstammt dieser Gesellschaft und stellt die von Umwelt und Landschaft geprägte Lebensweise vor.

Der dritte Teil beinhaltet Abhandlungen über literarische Vagabundenfiguren. Maria Maierhofer beschäftigt sich mit Johann Nestroys Zauberposse "Der böse Geist Lumpacivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt." Am Beispiel dreier wandernder Gesellen zeichnet der Dichter des Vormärz zwei gegensätzliche Lebensmodelle: Zwei der Vagabunden bleiben im "Reich der Mobilität", auch wenn ihnen das gütige Schicksal zu Kapital verhilft. Einer entscheidet sich für das "Reich der Sesshaftigkeit". Beide Modelle erweisen sich als ambivalent.

Im vierten Teil "Kulturanalytische Zugänge" dominiert die subjektive Erfahrung von EthnologInnen, die sich auf den "Königsweg" der Feldforschung begeben. Für die Professorin Ina-Maria Greverus war anthropologisches Reisen und die Reflexion darüber immer Teil ihrer Forschungsarbeit. Dabei bekennt sie sich zum Serendipity-Prinzip, den glücklichen Zufall des Entdeckens: die zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist, und die intelligente Schlussfolgerung daraus. Fast schon tagebuchartig sind sind Erzählungen von Silvia Weissensteiner, die sich bei ihren kulturanthropoligschen Forschungen auf die emeritierte Frankfurter Professorin beruft. Die Studentin nennt ihre ethnologische Skizze "Die Erfahrung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Wissenschaft per Autostopp." Damit taucht sie tief in den der "Alltag der Anderen" ein. Doch, wie Johanna Rolshoven einleitend meinte, "so ähnlich er auch unserem eigenen zu sein scheint - (er) ist immer fremd; wir können ihn nicht wirklich kennen."