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Johannes Sachslehner: 365 Schicksalstage#

Bild '365'

Johannes Sachslehner: 365 Schicksalstage. Der Gedächtnis-Kalender Österreichs. Pichler - Styria Verlag Wien, 2012. 456 S., durchg. farbig ill., € 29,99

"Erinnern wir uns zu viel ?", fragte Johannes Sachslehner in seinem vor einigen Jahren erschienenen zweibändigen Werk "Schicksalsorte Österreichs". Schon damals verneinte der Historiker und langjährige Verlagslektor diese Frage vehement. In seinem jüngsten Buch schreibt er: "Historisches Erinnern ist die Voraussetzung für die Deutung der Gegenwart, lebendige Erinnerung legitimiert unser Handeln heute und schärft den Blick für die Zukunft." Nun präsentiert Johannes Sachslehner im ersten Gedächtnis-Kalender Österreichs die Gedenk- und Schicksalstage des Landes. Das Unternehmen ist lobenswert, das Buch mit übersichtlichem Umbruch, ausgewählten Bildern, präzisen Texten und plakativen Untertiteln gestaltet. Es ist dem Autor gelungen für jeden Tag des Jahres ein historisches Ereignis zu finden. Gemessen an der Zeitspanne von eineinhalb Jahrtausenden mußte die Auswahl von 365 Ereignissen subjektiv ausfallen.

Da ist einmal die Konzentration auf die "große" Geschichte, die kriegerischen Ereignisse und staatstragenden Entscheidungen. Die Alltagsgeschichte bleibt fast ausgespart, einige Sportevents, ein bißchen Kunst und Kultur - wie Secessionseröffnung, Fledermaus-Premiere, Venus von Willendorf-Entdeckung, Radetzkymarsch-Uraufführung - lockern die mehrheitlich düsteren Schilderungen auf, und nur drei populäre Feste - 1. Mai, Nikolaus und Weihnachten mit dem ersten Christbaum - werden erwähnt. Aus dem Inhalt: 1. Januar – Tag des EU-Beitritts; 12. Februar – Bürgerkrieg in Österreich; 15. März – Tag des Auftritts von Hitler am Heldenplatz; 7. April – Tag des Massakers am Präbichl; 15. Mai – Tag des Staatsvertrags; 21. Juni – Fußballsieg Österreichs über Deutschland in Córdoba; 25. Juli – Tag der Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß; 26. August – Tag der Schlacht von Dürnkrut und Jedenspeigen; 12. September – Tag des Sieges über die Osmanen vor Wien; 2. Oktober – Franz Viehböck als erster Österreicher im All; 1. November – Tag der Erstnennung Österreichs in der Ostarrîchi-Urkunde; 8. Dezember – Tag des Ringtheaterbrandes.

Es mag von der Quellenlage abhängig sein, dass - nachdem das ganze erste Jahrtausend, an dessen Ende (1. November 996) die Ostarrichi-Urkunde ausgestellt wurde, mit fünf Eintragungen abgehandelt wird - das lange Mittelalter nur 20 Artikel zählt. Spärlich wird auch das 16. Jahrhundert beschrieben, wobei die Schattenseiten - Schlachten, Ketzerprozesse - dominieren. Ab der Barockzeit fließen die Quellen ergiebiger, sie steigern sich im 19. und 20. Jahrhundert und verzeichnen im 21. nur ein Ereignis: Das am 12. Oktober 2012 erfolgreiche Stratos-Projekt. Im 20. Jahrhundert ist rund ein Drittel der etwa 180 Beiträge allein den Jahren 1938 bis 1945 gewidmet, auf's Ganze gerechnet sind es ca. 16 Prozent. Man merkt die Absicht… "Schuld und Scham" sollen aufkommen, dunkle Punkte ins Licht gerückt werden. "Triumph und Jubel" halten sich bei den Kalenderblättern im Hintergrund. Es entsteht weniger der Eindruck, dass "dem rot-weiß-roten Nationalmythos Inhalt und Kontur verliehen" werden, als dass dieser dekonstruiert werden soll. "Er möchte kein Erinnerungs-Diktat verhängen, sondern ein Angebot unterbreiten, manchmal auch provozieren" , schließt Johannes Sachslehner die Einleitung zu seinem Gedächtniskalender.

Es ist anzunehmen, dass das Werk weitere Auflagen erleben wird. Dabei sollten Satzfehler korrigiert werden: Die Erste Wiener Türkenbelagerung ging am 15. Oktober 1529 (nicht 1592 zu Ende), die Deportation nach Litzmannstadt erfolgte am 19. Oktober 1941 (nicht 1841).