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Guido P. Saner: Gebrüder Schrammel Wien #

Bild 'Schrammel'

Guido P. Saner: Gebrüder Schrammel Wien ... Zwa Fiedeln, a Klampf'n ... Plattform-Verlag Perchtoldsdorf 2012. 230 S., ill., € 29,90

Die Benennung eines Musikstils nach einer Familie ist ziemlich einzigartig, bei der "Schrammelmusik" ist das der Fall. Die Wiener Familie mit niederösterreichischen Wurzeln prägte im ausgehenden 19. Jahrhundert die U-Musik wie kein anderes Ensemble. Doch ihre übergroße Popularität hat diese Art des Spielens in Verruf gebracht. Auch Darbietungen von Heurigenmusikanten ohne Qualitätsanspruch laufen unter der Bezeichnung Schrammelmusik.

Das jüngste Buch des Schweizer Musikhistorikers Guido P. Saner rückt hier manche Fehleinschätzung wieder zurecht. Der Autor, eigentlich ausgebildeter Bankkaufmann, aber auch aktiver Musiker und Lehrender, zeichnet das Bild einer ganzen Epoche. Es ist jene, die man rückblickend gerne als "Alt-Wien" bezeichnet, bevor die Ringstraße angelegt, die Donau reguliert wurde und 1873 die Weltausstellung zum "Gründerkrach" führte.

Um die Jahrhundertmitte geboren, erblickten Johann (1850-1893) und Josef (1852-1895) im heutigen 16. Wiener Gemeindebezirk das Licht der Welt. Ihr Vater Kaspar Schrammel (1811- 1895) war als 35-jähriger Witwer aus dem Waldviertel nach Wien übersiedelt. Anstelle des Weberhandwerks übte er den Beruf eines Musikers aus und heiratete später eine Volkssängerin, die zur Mutter der beiden Söhne wurde. Diese genossen eine solide Ausbildung am Wiener Konservatorium und bei dessen Direktor Josef Hellmesberger. Doch schon im schulpflichtigen Alter trugen sie zum Familieneinkommen bei, indem sie als Geiger in der Gesellschaft ihres Vaters, eines virtuosen Klarinettisten, auftraten. Als 16-Jähriger nahm Josef an einer eineinhalbjährigen Tournee teil, die das Volkssängerensemble seines Onkels in den Vorderen Orient führte.

Während dessen erreichte Johann den höchsten Grad seiner militärischen Karriere, als Eskadronstrompeter wurde er Musikfeldwebel. Dann spielte er ein halbes Jahrzehnt in der angesehenen Salonkapelle Mangold, die etlichen Kollegen zum Sprungbrett in das Orchester der Hofoper wurde. Allerdings verdiente er dort nur einen Bruchteil dessen, was sein Bruder Josef mit inzwischen eigenem Ensemble einnahm. Nolens volens gründeten die Brüder Schrammel 1878 mit einem Gitarristen das "Nußdorfer Terzett", aus dem das echte Schrammelquartett entstand. Sie spielten bei den legendären Fiaker- und Wäschermädelbällen, musizierten aber nicht nur in den Vororten d beim Heurigen, sondern bald auch in noblen Innenstadthotels und privaten Gesellschaften. Zeitungsredakteure und Feuilletonisten, wie Eduard Pötzl, der meinte, die Brüder Schrammel musizierten "in einer Weise, die jeden Wiener rühren, entzücken, hinreißen muss."

Sogar in den kaiserlichen Schlössern Laxenburg, Orth und Mayerling fanden Schrammelabende statt. Das Vertrauen des Kronprinzen Rudolf zum singenden Fiaker Josef Bratfisch ist bekannt. Der Kaisersohn soll "Nockerl", so Bratfischs Spitzname, nach einer Schrammel-Soiree in Orth zum Du¬-Freund und Leibfiaker erkoren haben. Die tragischen Ereignisse in Mayerling kosteten jedoch nicht nur diesen, sondern auch das Quartett die Sympathie der Öffentlichkeit. Zudem brachte die letzte große Konzertreise des Gebrüder-Schrammel-Quartetts nicht den erwünschten Erfolg. Johann Schrammel starb 1893, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Josef zwei Jahre später, jeder erst 43 Jahre alt.

In seinem Zeitpanorama beschreibt Guido P. Saner das musikalische Umfeld im Volkssängermilieu und die Schwierigkeiten der Konzessionierung der Musikanten, ebenso wie den Wandel der Stadt Wien. Er tut dies detailreich und lässt Künstlerbiographien der Ringstraßenzeit einfließen, widmet sich ausfühlich Sonderthemen, wie dem Prater mit der defizitären Weltausstellung 1873, erläutert unbekannt gewordene Begriffe und vergleicht Altes und Heutiges. Dabei gelingt ihm auch etwas sehr Schwieriges, nämlich die Umrechnung historischer Geldsummen. So erfährt man, dass das Quartett in seiner besten Zeit für einen Auftritt bis zu 4.500 € erhielt, während das Monatseinkommen eines Facharbeiters bei 220 € lag. Zusätzliche Farbe bringen Originalzitate in die abwechslungsreichen Schilderungen. Manchmal sorgt der Druckfehlerteufel für unfreiwillige Komik, wenn etwa aus "Spaßettln" Spaßzettel werden oder aus der Bratwurst eine Bartwurst.