unbekannter Gast

Manfred Schenekl: Naschmarkt an der Wien#

Bild 'Naschmarkt'

Manfred Schenekl: Naschmarkt an der Wien. Ein Stadtraum zwischen Tradition, Abbruch und Modernisierung. Lit-Verlag Wien - Berlin 2012. (Reihe: Wiener Studien zur Zeitgeschichte Bd. 5) 312 S., ill., € 19.90

Der Naschmarkt gilt als traditionsreichster Markt Wiens. Seit 1780 vor dem Freihaus am heutigen Karlsplatz gelegen, wurde er 1916 zur Gänze über den eingewölbten Wienfluss verlegt, wo er sich noch heute befindet. Die umgangreiche Sanierung soll 2015 abgeschlossen sein. Dem "Stadtraum zwischen Tradition, Abbruch und Modernisierung" widmet Manfred Schenekl eine 300-seitige Dokumentation, die zahlreiche Bilder, historische Fotos und Projektpläne, enthält. Der Autor forscht und publiziert über den sozial- und kulturgeschichtlichen Wandel städtischer Räume. Der Naschmarkt drängt sich da als Thema geradezu auf.

Im 18. Jahrhundert gegründet, sollte der "Bauch von Wien" im 20. abgesiedelt werden. An seiner Stelle sollte eine sechsspurige Schnellstraße von der Westautobahn durch das Wiental in die Innenstadt und weiter in den Norden Wiens führen. 1975 legte die Gemeinde den Plan der Wiental-Expressstraße ad acta. Der früher jenseits der Kettenbrückengasse befindliche Obst- und Gemüsegroßmarkt war schon 1972 nach Inzersdorf übersiedelt. Seit 1977 findet an seiner Stelle samstags der Flohmarkt statt. Er ist zur (touristischen) Attraktion geworden, ebenso wie der Detailmarkt im stadtnahen Teil vor den markanten Fassaden der Otto Wagner-Häuser (Linke Wienzeile 38 und 40) aus den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende. Wagners prämiiertes Projekt für den Generalregulierungsplan sah einen Boulevard mit Alleen und einer Markthalle vor. Es wurde nur teilweise realisiert, der offene Markt blieb bestehen. 1908 zählte der Naschmarkt 901 Stände, mehr als die Hälfte davon für Obst und Gemüse. Dazu kamen noch 300 bis 850 Gelegenheitsverkäufer. Für Generationen war der Einkauf auf dem Markt vor allem wegen der günstigen Preise interessant, die vom Marktamt überwacht wurden.

Der Autor zeichnet ein vielschichtiges Bild, das Statistiken des Marktbetriebs ebenso umfasst wie städtebauliche und historische Aspeke rund um den Naschmarkt. Breiten Raum nimmt das Kapitel über die Jahre 1938 bis 1950 ein. Die Planungen der Stadt nach 1945 sahen große Umgestaltungen vor, die aber nicht zum Tragen kamen. Inzwischen hatten sich die Voraussetzungen für den traditionellen Marktbetrieb gewandelt. Kühlschrank, Auto und Supermärkte veränderten die Einkaufsgewohnheiten.

Das zweite große Kapitel beschäftigt sich mit den Wiener Detailmärkten. Hier fließt eine Untersuchung ein, die das renommierte Fessel-Institut 1965 über die "Vorstellungen der Wiener Hausfrauen über den Markt" durchführte. Psycholog/innen machten 110 Interviews auf dem Viktor-Adler-Markt, Vorgartenmarkt, dem Rochusmarkt und in der Markthalle im 3. Bezirk. Erfragt wurden Einkaufsgewohnheiten, Wünsche und die Vorstellungen, die sich Hausfrauen über einen Markt machten. Dabei erscheint der Einkauf auf dem Markt als ein Projekt, das die Frauen - im Gegensatz zum routinemäßigen Einkauf beim Nahversorger - mit Interesse und "Spaß" in Angriff nahmen und das ihnen einen gewissen Freiraum verschaffte. Viele Befragte vermissten etwa eine Konditorei oder einen Würstelstand. Sie schätzten die typische Marktatmosphäre und freuten sich über günstige Preise. Vor allem Obst und Gemüse war gefragt, bei Fleisch, Milchwaren und Bäckereiprodukten bevorzugten sie eher Geschäfte.

Indessen begann die Substanz des Naschmarkts zu bröckeln, schreibt Manfred Schenekl: Andere, wie der Viktor-Adler-Markt wirkten kraftvoller, wirtschaftlich robuster. Doch der Naschmarkt war schon zu einer Institution mit symbolischem Gehalt geworden. "Vor allem das Nächtliche strahlte aus und gab dem Stadtraum etwas, das es wo anders nicht gab…" Dieses gewisse Etwas ist es wohl auch, das ihn noch ein Jahrhundert nach der Neuanlage attraktiv macht. Branchen und Besitzer haben sich verändert. Erlebnisgastronomie und Schickeriakult sind im Vormarsch, beweist das Buch: "Nur als Stadtevent lässt sich der Naschmarkt weitertreiben. … Bis 2015 soll der Naschmarkt einer umfassenden Sanierung unterzogen werden. Dann soll er wieder einzigartig, unverwechselbar, mit individueller Betreuung, qualitativ hochwertigem und innovativem Angebot KundInnen und TouristInnen anlocken. Vom günstigen Preis ist keine Rede mehr."