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Gertraud Steiner: Wundervolles Wasser#

Bild 'Wasser'

Gertraud Steiner: Wundervolles Wasser. Vom Gesundtrinken, Kurbaden und Freischwimmen. Verlag Anton Pustet Salzburg 2012. 224 S., durchgehend ill., € 25,-

Vom Kirchenvater Augustinus heißt es, er hätte am Meeresufer eine Erleuchtung erlebt. Dort schöpfte ein Kind mit einer Muschel Wasser aus dem Ozean. Auf die Frage desTheologen, was es da tue, antwortete das Kind: "Dasselbe wie du. Ich versuche, das Meer auszuschöpfen und du willst die Weisheit Gottes ergründen."

Bei der Lektüre eines Buches über Wasser erinnert man sich unwillkürlich an diese Legende. Zahlreiche Werke sind dem unerschöpflichen Thema schon gewidmet worden, und doch lässt sich immer wieder Neues entdecken. Im vorliegenden Band geht es um "Badln und Wasserln" in der Stadt und im Land Salzburg. Die dort lebende Kulturpublizistin Gertraud Steiner beginnt mit einem allgemeinen Teil. Er macht etwa ein Drittel des Umfangs aus und behandelt das Lebenselement in der Natur, im Glauben, zum Baden und zum Trinken. Man erfährt viel Wissenswertes aus Chemie, Physik und Naturkunde. Zu den Mythen aus aller Welt zählen auch die einheimischen, wie die von Maibrunnen, Frühlingsbädern oder in der "Walpurgisnacht am Leberbründl" erhofften Wirkungen.

Das "Augenwasser der heiligen Brigida" bildet die Brücke zum Abschnitt "Die heiligen Wasser des Christentums". Die beschriebenen Heiligen und Wunderbründln des Bundeslandes können nur eine Auswahl sein. (In Niederösterreich gibt es doppelt so viele Heilige als Brunnen- und Quellenpatrone und ein Mehrfaches an ihnen geweihten Wasserstellen.) Eingeflossen ist auch ein Abschnitt über "Meerstern, Nymphe, Muttergottheit", in dem die Autorin Parallelen zwischen der christlichen Gottesmutter und paganen Muttergöttinnen zieht. Dann widmet sie sich marianischen Salzburger Kultstätten. Markante historische Zitate ergänzen die Texte. Hier ist es u. a. ein Bericht von Franz Schubert über eine Reise nach Gastein. Von den "schrecklichen Bergen" und "entsetzlichen Schluchten" war der Komponist nicht begeistert und geradezu schockiert von der Umwidmung des Marienbrünnls zur Heldengedenkstätte der Napoleonischen Kriege. Aller Recherche zum Trotz haben sich doch kleine Fehler eingeschlichen, wie auf S. 11, wo ein offensichtlicher Schöpfbrunnen im Bildtext zum Pumpbrunnen mutiert, oder der Initiator der Therme Vigaun, nach dem der Karl-Rödhammer-Weg beim Kurhaus benannt ist, zu "Rödlhammer" wird.

Zahlreiche Illustrationen, nostalgische Ansichtskarten, dokumentierte Kunstwerke und ganzseitige Fotos mit künstlerischem Anspruch machen die Lektüre von "Wundervolles Wasser" auch zu einem optischen Vergnügen. Im Kapitel, das vom Baden und Wäschewaschen handelt, lernt man eine Reihe alter Badadressen in der Stadt, Bader, Wundärzte und ein "Salzburger Wäschermädel" kennen. Würde die Autorin diese Ansichtskarte nicht so bezeichnen, könnte man es kaum glauben. Mit ihren Wiener Berufskolleginnen hat die "Salzburgerin No. 5" (so die Bezeichnung des Postkartenverlags) nichts gemeinsam. Vor alpiner Kulisse, mit einem repräsentativen Dirndl bekleidet, trägt sie ein flaches Schaff mit der Wäsche auf dem Kopf. Rosen bekränzen den Aufdruck "Gruss aus Salzburg".

Rund zwei Drittel der lesenswerten Publikation sind dem Thema "Wasserschätze, Kurtourismus und Gesundheitspilger" gewidmet. Es gliedert die Salzburger Jungbrunnen in kalte Quellen, Schwefelquellen, Solebäder und Thermen. Von den zwei Dutzend beschriebenen Vorkommen, die jahrhundertelang sprudelten, bestehen nur noch die wenigsten. Zu sehr haben sich die medizinischen, hygienischen und touristischen Ansprüche geändert. Das "vergnügliche Arrangement aus Baden, Kegeln, Scheibenschießen und Gastlichkeit", dem man im Pinzgau mehrfach begegnen konnte, war bei späteren Generationen nicht mehr gefragt. Ein interessanter Aspekt ist die Konkurrenz der Solebäder von Ischl, Hallein und Salzburg, bzw. die Rivalität zwischen Salzburg und Bad Reichenhall. Hier findet sich die Anekdote über die kinderlose Erzherzogin Sophie, die nach einer Badekur in Hallein auf einen "Salzprinzen" hoffte. Das wenig erfreuliche Erscheinungsbild der Salinenstadt, Armut der Bewohner und behelfsmäßige Unterkünfte verleideten ihr den Aufenthalt. Nach der Kur in Bad Ischl stellte sich die erwünschte Wirkung ein: Der ersehnte Thronfolger Franz Joseph wurde 1830 geboren, 1832 Erzherzog Maximilian und ein Jahr später Erzherzog Karl Ludwig. Übrigens behauptet auch die Chronik von Bad Pirawarth in Niederösterreich, die dortige Quelle hätte die wundersame Heilung vollbracht.

"Der" Salzburger Kurort blieb Bad Gastein. Der Badebetrieb ist dort seit 1350 belegt. Der Arzt und Alchemist Paracelsus (1494-1541) lobte Gastein. 1820 bescheinigten Experten 81 Quellaustritte und 17 Thermalquellen. Um 1900 bescherte die Tauernbahn dem Ort Anteil am frühen Massentourismus. Das Grandhotel de l'Europe war eines der ersten der Monarchie. In den 1960er Jahren gelang der "Neustart den glanzvollen Gastein".

Auch die Heilkraft von Moor und Torf war schon Paracelsus bekannt. Als in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die böhmischen Nobelkurorte Marienbad, Franzensbad und Karlsbad entstanden, besann man sich im moorreichen Salzburger Land auf dessen medizinische Wirkungen. Hier war der Stadtphysikus Wolfgang Oberlechner ein Pionier. 1828 eröffnete er das Marienbad in Leopoldskron als elegantes Kurhaus, das als erstes der Stadt eine Sauna besaß. Wahrzeichen der Anstalt war ein weithin sichtbarer Maibaum, da die Saison am 1. Mai begann. Das Marienbad bestand bis in die 1970er Jahre.

Bad Fusch, "das kalte Gastein" genannt, war im 18. Jahrhundert als "lustiges Alpenbad" bekannt. Trotz abgeschiedener Lage und Lawinengefahr wurde Bad Fusch um 1860 zum Nobelkurort, in dem die Bewohner von folkloristischer Gästeunterhaltung profitierten. Wenn sich die "Alpenmusikanten" mit den Badegästen "zu einem Tanze versammelten, … tanzten die jungen Städter und Städterinnen drauf los, und es erfreuten die Pinzgauer mit ihren nationalen Tänzen. Wir konnten beobachten, daß es auch Alpen-Cancan gebe". Der Bericht über den Kaisergeburtstag im Fuschbad anno 1863 würdigt besonders eine "Alpendirne", die durch den "Mut ihrer Schnaderhüpfeln und Bewegungen" auffiel. Wenn sie nicht tanzte, molk die "Fuscher Marie" die Kühe, schleppte das Gepäck der Gäste zum Hotel und rasierte die Touristen. "Heute schreckt der Ort mit seinen verlassenen Gemäuern", schreibt Gertraud Steiner 150 Jahre später.

Das letzte Kapitel des vielseitigen Buches übertitelt sie "Wasser erleben. Fitness, Sport und Freizeit". Die erste Abhandlung über die Schwimmkunst erschien 1538. Doch sollten fast drei Jahrhunderte vergehen, ehe sich das Freischwimmen etablierte. Zunächst erkannte es das Militär als Mittel zur Abhärtung. Um 1830 sollten Schwimmschulen für Schiffer eingeführt werden - und scheiterten an deren Widerstand. Auch weltliche und kirchliche Obrigkeiten waren gegen den neuen Sport. "Es würde nicht an Anlässen zu Neckereien, Zänkereien und selbst zur Unsittlichkeit fehlen", fürchteten sie. 1843 eröffnete in Salzburg die erste Damen-Schwimmschule. In den Bädern waren Damen- und Herrenabteilung streng separiert. Um die Jahrhundertwende bestand für das Salzburger Land eine eindrucksvolle Bäderliste. Zell am See, Mattsee und Mondsee hatten seit 1870 ein Seebad. Weitere Badeanlagen gab es in St. Gilgen, Henndorf und Seeham. Sommerfrischler fanden an den von ihnen bevorzugten Seen Bade- und Bootsplätze. Wieder war es die Eisenbahn, die wesentlich zur Erschließung der Gegend beitrug. 1892 eröffnete man das "Städtischen Vollbad" in Salzburg als erstes in Österreich mit einem Betonschwimmbecken. 1928 erhielt Hallein das damals modernste Freischwimmbad Europas. 1957 folgte in Salzburg das Paracelsusbad. Es ist bis heute das einzige Hallenbad der Landeshauptstadt geblieben.