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Verbündet – Verfeindet – Verschwägert. Bayern und Österreich #

Bild 'Bayern'

Verbündet – Verfeindet – Verschwägert. Bayern und Österreich. Band 1 hg. Wolfgang Jahn, Evamaria Brockhoff, Band 2 hg. Elisabeth Vavra. Verlag Konrad Theiss Stuttgart 2012. 2 Bände, zusammen ca. 560 Seiten, ca. 300 Abb., € 49,95

Das großformatige Werk erschien zur ersten österreichisch-bayrischen Landesausstellung, die von April bis November 2012 in Burghausen, Braunau (Schloss Ranshofen) und Mattighofen stattfindet. Band 1 wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie dem Haus der Bayerischen Geschichte herausgegeben, Band 2 vom Amt der Oberösterreichischen Landesregierung. Die beiden Bände sind so kompetent und abwechslungsreich gestaltet, dass man meint, die Lektüre könnte den Austellungsbesuch ersetzen. Noch dazu, weil hier mit neuesten technischen Mitteln gearbeitet wird: Besitzer von Smartphones finden im ersten Band als "Zugabe" an zahlreichen Stellen QR-Tags, die zu weiteren Informationen, Detailansichten und Abbildungen führen.

Die Ausstellung, deren Vorbereitung bereits 2006 begann, konzentriert sich auf den Zeitausschnitt vom frühen Mittelalter bis zum Ende des alten Römischen Reichs Deutscher Nation 1806. In Österreich erinnert man sich noch gut an das Ostarrichi-Jahr mit den Milleniumsfeiern anlässlich jener Urkunde aus dem Jahr 996 mit Erwähnung der "im Volksmund Ostarrîchi genannte Region", die dem Land den Namen gab. Das Original ist nun wieder in dieser Ausstellung zu sehen.

Bis 1156 gehörten Ober- und Niederösterreich zum Herzogtum Bayern. Die Donau und der Inn bildeten die bestimmenden gemeinsamen Raumachsen. Österreichischer Wein war ein Teil des internationalen Warenaustauschsystems mit Donau und Salzach-Inn als Verkehrsschlagadern. Salz aus Reichenhall und Hallein ging nach Passau und weiter. Wein war hier vielfach die "Gegenfracht", böhmisches Getreide kam nach Salzburg.

So ist der Titel des ersten Kapitels "Bayern und Österreich - eine Geschichte der fließenden Beziehungen" vieldeutig und vielsagend gewählt. Es wird deutlich, dass die Wechselbeziehungen der beiden Länder "geradezu einen Modellfall einer 'verschränkten Kultur' darstellen." Die Ausstellung und der Katalog beleuchten zu Beginn den "Schwierigen Weg nach Osten". Einem einleitenden Artikel des Historikers Heinz Dopsch folgt der erste Katalogteil, mit faszinierenden Bildern, etwa des vermutlich langobardischen Tassilokelchs aus Kremsmünster und awarischer Schmuckfunde sowie mittelalterlicher Pergamenturkunden, Bücher und Alltagsgegenstände.

Das "Adelige Leben" beleuchtet der frühere Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Karl Brunner. Zu den im Bild erscheinenden Exponaten zählen hier u. a. ein seltener Nasalhelm des 11. Jahrhunderts, Kinderspielzeug und Handschriften des Nibelungenliedes aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Im 3. Kapitel geht es um das "Kampffeld Christi", beschrieben von Stefan Weinfurter, deutscher Historiker mit Schwerpunkt mittelalterliche Geschichte. Kirchen und Klöster im bayerisch-österreichischen Land präsentieren sich mit wertvollen illustrierten Handschriften, der Mitra des hl. Rupert (um 1180), kostbaren Schnitzwerken und liturgischen Objekten. Der deutsche Mittelalterhistoriker Bernd Schneidmüller beschäftigt sich mit Bayern und Österreich vom 12. bis zum 14. Jahrhundert. In diese Zeit fällt die Entstehung Österreichs - hier repräsentiert durch eine Abschrift des Privilegium minus (1156) aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, die in der Stiftsbibliothek Klosterneuburg bewahrt wird, und andere Dokumente mit eindrucksvollen Wachssiegeln. Das Wiener Dom- und Diözesanmuseum stellte das berühmte Portrait "Herzog Rudolf IV. der Stifter" als Leihgabe zur Verfügung.

Während der erste Band von deutschen Wissenschaftlern, dem Wirtschafthistoriker Wolfgang Jahn und der Germanistin Evamaria Brockhoff, redigiert wurde, hat der zweite Elisabeth Vavra als Herausgeberin. Die Direktorin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Krems, wählte eine andere Art der Gliederung. Die Objektbeschreibungen der an den oberösterreichischen Schauplätzen - Schloss Ranshofen und Schloss Mattighofen - gezeigten Exponate finden sich gesammelt am Ende des Werkes. Davor reihen sich 15 Expertenartikel über die Geschichte der Nachbarländer vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Übersichtsartikel wie "Bayern und Österreich im langen 18. Jahrhundert" (Ferdinand Kramer), die Wittelsbacher-Residenzen Nymphenburg und Schleissheim (Brigitte Langer) oder der Wandel von adeligen Lustgärten zu Parks für die Öffentlichkeit (Jochen Martz) wechseln mit speziellen Themen, wie barocke Medienstrategien der beiden Herrscherhäuser (Jutta Schumann), Hochzeitsfeste am Wiener und Münchner Hof (Andrea Sommer-Mathis) oder die Tafeln der Wittelsbacher und Habsburger (Ingrid Haslinger). Schließlich wird noch auf die Ausstellungsorte, ihre Restaurierung (Eva Lettl) und "die Genesis eines grenzübergreifenden kulturellen Großprojektes" (Reinhold Kräter) eingegangen.

Hat man dies alles gelesen, die Katalogbeschreibungen studiert und die Bilder betrachtet, so hat man aufgenehme Weise viel gelernt. Nun ist die Neugier geweckt und man möchte die kostbaren Exponate am liebsten gleich in natura bei der Ausstellung in Burghausen, Braunau und Mattighofen sehen.