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Zukunft Publikum #

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Sigrid Bekmeier-Feuerhahn, Karen van den Berg, Steffen Höhne, Rolf Keller, Birgit Mandel, Martin Tröndle, Tasos Zembylas (Hg.): Zukunft Publikum. Jahrbuch für Kulturmanagement 2012. Transcript Verlag Bielefeld 2012. 424 S., ill. 34,80 €

Das internationale Film-Festival „Viennale“, das Grazer Avantgardefestival „steirischer herbst“, die pionierhafte Veranstaltung „ars electronica“ in Linz, das „Donaufestival Krems“ und das „Klangspuren“-Festival für zeitgenössische Musik in Schwaz werden im Jahrbuch für Kulturmanagament 2012 als positive Beispiele referiert. Diesen österreichischen Veranstaltungen „gelingt über Jahrzehnte hinweg der Spagat zwischen anspruchsvollem Programm und Austausch mit einem stets wachsenden Publikum,“ schreiben Verena Teissl, Professorin an der Fachhochschule Kufstein, und der Berliner Kulturmanager Gernot Wolfram.

35 ExpertInnen des Fachverbands für Kulturmanagement beschäftigen sich in dem Sammelband mit der Zukunft des Publikums und dem Publikum der Zukunft. Dabei unterscheiden sie zwischen dem realen Publikum, das die Angebote von Museen, Theaters etc. wahrnimmt und dem potentiellen oder Fastpublikum, das dafür noch anzusprechen ist. Wie auch im sonstigen Alltag wird im Kulturbetrieb nicht mehr nur Bildungs- und Unterhaltungswert erwartet, „sondern zunehmend Möglichkeiten, sich einzumischen, mitzusprechen, sich aktiv beteiligen zu können.“ Die Veranstalter sehen sich völlig neuen Aufgaben gegenüber. „Der Zwang von Kulturbetrieben, das anzubieten, was der Markt fordert oder die Leute wünschen … besteht in zunehmendem Maße“.

„Audience Development“ – ein Mitte der 1990er Jahre in den angelsächsischen Ländern entstandener Begriff – bezeichnet die strategische Gewinnung und Bindung neuen Publikums für Kultureinrichtungen. Dazu zählen Kulturmarketing, public relations, und Kulturvermittlung. Birgit Mandel, Professorin für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim nennt als Gründe für das zunehmende Interesse daran: Wachsender Konsens über die zentrale Bedeutung kultureller Bildung, Konkurrenz durch das Internet als neuer Kulturraum, die Nachfrage übersteigendes Kulturangebot, demographischer Wandel und Migration, schwindender Konsens über traditionelle Hochkultur als Leitkultur, wachsender Legitimationsdruck der öffentlichen Kulturfinanzierung.

Der Jenaer Musikwissenschafter Steffen Höhne beschäftigt sich mit der Veränderung des Theaterpublikums von der Aufklärung bis in die Gegenwart. 1778 berichtete W. A. Mozart, das zahlende Publikum hätte auf seinem Recht bestanden, Sängerinnen auszupfeifen. Zur Zeit J. W. Goethes als Theaterdirektor sollten Militärwachen Publikumskrawalle verhindern. Noch im 19. Jahrhundert kämpften Gastronomen und Prostituierte um die Ausübung ihrer Gewerbe im Theatersaal. Aufschlussreich und amüsant sind Zitate aus Anstandsbüchern über richtiges Betragen beim Theaterbesuch – bis hin zum 1991 erschienenen, neuen „Elmayer“.

Wie das Theater galt das Museum seinerzeit als öffentlicher Ort nicht nur der Unterhaltung und Belehrung, sondern sogar der Kontemplation. „Als Kaiser Joseph II. seine Kunstsammlung der Öffentlichkeit bei freiem Eintritt zugänglich machen wollte … regte sich Widerstand bei den Künstlern und Kuratoren, die der Ansicht waren, das Volk könnte die stille Kontemplation der Kunst stören.“ Heute zählen große Kunstausstellungen bis zu 10.000 Besucher täglich. „Eventisierung“ und „Disneyfizierung“ bieten der Besucherforschung ein reiches Arbeitsfeld. Eine große Gruppe von Besuchern will „eine schöne Zeit im Museum verbringen“, unterhalten werden und ein soziales Erlebnis haben. Damit stehen die klassischen Kulturinstitutionen in Konkurrenz zu Freizeitangeboten wie Tierparks oder Volksfeste. Für die Verantwortlichen heißt es, von der Markenartikelwerbung zu lernen: Exponatinszenierung, „Geschichten erzählen“, die Konsumenten in Freundeskreisen vernetzen.

Besonderes Interesse gilt den Fast-Besuchern angesichts von demographischen Veränderungen – „älter, bunter, weniger“ – und wachsender Freizeitangebote. „Das Paradigma der Erlebnisgesellschaft wird von Unternehmen unterschiedlichster Art aufgegriffen und umgesetzt. Womit sich Kulturbetriebe aber traditionell tiefgehender auseinandersetzen als andere Anbieter sind spartenbezogene Entwicklungen im internationalen und regionalen Zusammenhang, Sprengkraft der Rezeption als ästhetische Erfahrung und soziale Praxis sowie Dynamiken in der Gesellschaft,“ schreiben Verena Teissl und Gernot Wolfram. Schließlich können sie für die eingangs erwähnten Beispiele feststellen: „Aus vielen stimmigen Details entsteht eine Veranstaltung, die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile: Zwei Wochen lang ermöglicht die Viennale den ‚cinematographischen Ausnahmezustand’“.