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Peter Autengruber - Ursula Schwarz: Lexikon der Wiener Gemeindebauten#

Bild 'Gemeindebauten'

Peter Autengruber - Ursula Schwarz: Lexikon der Wiener Gemeindebauten. Namen - Denkmäler - Sehenswürdigkeiten. Pichler Verlag Wien 2013. 320 S., ill., € 19,99

Vor 90 Jahren begann das Rote Wien mit Gemeindebauten die Wohnungsnot zu lindern. Bis heute prägen die Superblocks, Lückenverbauungen und Satellitenstädte das Stadtbild. Eine halbe Million Menschen leben in 220.000 Gemeindewohnungen in 2000 Bauten, deren letzter 2004 im 23. Bezirk errichtet wurde. 347 Anlagen sind - überwiegend nach sozialdemokratischen Persönlichkeiten - benannt. Ihnen widmet sich das vorliegende „Lexikon der Wiener Gemeindebauten“. Peter Autengruber und Ursula Schwarz listen die Anlagen mit Adresse in alphabetischer Reihenfolge auf und erklären die Herkunft der Namen.

Die Autoren sind ausgewiesene Experten. Der Historiker Peter Autengruber verfasste u. a. das - inzwischen in 8. Auflage erschienene - Standardwerk "Lexikon der Wiener Straßennamen" und ein Lexikon über die Wiener Parks. Außer im Pichler Verlag wirkt er als Lektor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Die Historikerin Ursula Schwarz ist im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands tätig. Sie beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit und Dissertation mit der Benennung von Gemeindebauten. Das Buch basiert auf diesen wissenschaftlichen Arbeiten. Daraus ergibt sich auch eine bestimmte Schwerpunktsetzung.

Das Lexikon ist benutzerfreundlich angelegt. Dem eigentlichen, ca. 200-seitigen und mit vielen Fotos versehenen Lexikon geht ein ausführlicher Textteil voraus, der die Geschichte der Wiener Gemeindebauten und ihrer (Um-)benennungen beschreibt. Ein wichtiges Kapitel ist die "Kunst am Bau": zahlreiche Plastiken, Reliefs, Brunnen und Mosaike in Gemeindebauten werden erstmals erfasst und beschrieben. Listen verzeichnen die Künstler/innen mit biographischen Angaben, die Architekten und die Bauten nach Bezirken.

Die Geschichte der Wiener Gemeindebauten beginnt in der Ersten Republik, 1918. Wie notwendig die Neuorganisation des Wohnungswesens war, zeigt schon die Tatsache, dass damals 95 % der Wiener Haushalte über keine eigene Wasserleitung verfügten. 1923 wurden eine zweckgebundene Wohnbausteuer und eine Luxussteuer eingeführt. Gleichzeitig begann - auch als Arbeitsplatzbeschaffungsprogramm - ein Fünfjahresplan für die Bauprojekte. Als erstes war der Metzleinsthaler Hof in Margareten fertig. Bis 1934 entstanden 61.175 Wohnungen aus Mitteln der Wohnbausteuer. Sie waren klein (anfangs 38 bzw. 48 m², ab 1927 nach Familiengröße gestaffelt 21 bis 57 m²), aber praktisch und billig. Vorangegangen war eine Diskussion "Superblock versus Gartenstadt", wobei sich das erste Modell durchsetzte. "Die kommunalen Bauten sollten Solidarität und Gemeinschaft vermitteln. … Der Innenhof war Zuflucht für das sozialdemokratische Lager". Das soziale Grün spielte eine wichtige Rolle, nur 40 % der Grundfläche wurden verbaut. In den Anlagen befanden sich Gemeinschaftseinrichtungen wie Büchereien, Kindergärten, Waschküchen, Fürsorgestellen und Konsum-Geschäfte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Wiederaufbau Priorität. 1950-1954 deckte ein Schnellbauprogramm den dringendsten Wohnbedarf. In den 1960er Jahren schuf die Gemeinde Wien, vor allem auf billigen Grundstücken am Stadtrand und in Fertigteilbauweise, jährlich 9.000 Wohnungen. 1956 wurde die hunderttausendste Gemeindewohnung errichtet, 1978 der Grundstein zur zweihunderttausendsten gelegt. In den 1980er und 1990er Jahren war es an der Zeit, die alten Gemeindebauten zu renovieren, zudem gab es neue Bauoffensiven. Seit 2004 verlagert sich der geförderte Wohnbau vom Gemeindebau zu gemeinnützigen Wohnbauträgern.

In den Anfangstagen und in den 1950er bis 1970er Jahren legte man auf "Kunst am Bau" Wert. Hauszeichen, Supraporten, Friese, Plastiken, Wandbilder und Mosaiken sollten zur Orientierung und Identifizierung beitragen. Ein bestimmter Anteil der Bausumme war für die künstlerische Gestaltung reserviert, die anfangs in expressionistischer Formensprache erfolgte. In der Nachkriegszeit war die Stadt Wien der größte Auftraggeber, sie beauftragte 350 Künstler und Künstlerinnen, für die diese Aufträge überlebenswichtig waren. Zu den viel Beschäftigten zählten so bekannte wie Wander Bertoni, Siegfried Charoux, Anton Lehmden oder Hubert Wilfan.

Der Lexikonteil - Gemeindebauten von A bis Z - enthält jeweils Informationen über Adresse, Erbauungszeit, Architekten, Wohnungszahl und besonders die Biographie der Person, nach der die Benennung erfolgte. 90 % der 347 benannten Gemeindebauten sind nach Personen bezeichnet, 88 % nach Männern und 12 % nach Frauen. Da nur rund ein Fünftel der Anlagen Namen trägt, gibt es noch viele Möglichkeiten der "Ehrung für herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, welche Wien positiv und nachhaltig geprägt haben". Prinzipiell können Einzelpersonen oder Personengruppen solche Anträge stellen, in der Praxis gehen sie vom Bezirk bzw. politischen Parteien aus. Das erklärt, warum manche Anlagen nach ÖVP-Politikern bzw. kirchlich Kanonisierten (Hildegard Burjan, Schwester Restituta Kafka) heißen.

Bei ihren Recherchen haben sich die Autoren nicht auf die bekannte - umfangreiche - Literatur verlassen, sondern die Objekte selbst besucht. Dabei entdeckten sie bisher unpublizierte Kunstwerke und mussten feststellen, dass manche nicht mehr vorhanden waren. Bemerkenswert sind auch die zahlreichen Fotos (viele von Ingrid Autengruber), die Schwarz-Weiß im Text und in vier Farbteilen wesentlich zum Verständnis beitragen.