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Robert Bouchal, Hagen Schaub: Mumienstadt Wien #

Bild 'Bouchal'

Robert Bouchal, Hagen Schaub: Mumienstadt Wien. Menschen - Mumien - Konservierte Körper. Pichler-Verlag Wien - Graz - Klagenfurt 2013. 192 S., ill., € 24.99

"Warum beschäftigst du dich mit derart Grauslichem ?" - "Das ist aber ein interessantes Thema, über das du da schreibst." Der Textautor Hagen Schaub zeigt in seinem Nachwort die Ambivalenz des Themas, mit dem er sich als Historiker und Kulturwissenschaftler seit längerer Zeit beschäftigt. Dass er für dieses Buch mit dem Fotografen Robert Bouchal zusammenarbeiten konnte, war, so dieser, ein glücklicher Zufall. "Gemeinsame Sympathie und Begeisterung für das Thema ließen dieses spannende Buch entstehen", schreibt der Speläologe Bouchal, der mit eigens entwickelten Techniken nun schon für neun Bücher über unbekannte Räume, geheime Keller, unzugängliche Krypten etc. fotografiert hat.

Im vorliegenden Buch waren seine Motive Wachsleichen, mumifizierte Köpfe, Finger oder Hände, konservierte Körperteile aus wissenschaftlichen Sammlungen in Wien. Wenn den Forschern auch manche Depots verschlossen blieben, fanden sie doch eine erstaunliche Vielfalt mumifizierter Körper, die von den ägyptischen Mumien im Kunsthistorischen Museum bis zu Leichnamen aus der Blütezeit der Balsamierungskunst, dem späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, reichten.

Von der Renaissance bis zur Aufklärung erzählt das erste Kapitel. Es behandelt die theologische Dimension ebenso wie die medizinische und staatliche. Das Nachleben der Toten aus religiöser Sicht, Bräuche, kirchliche Grablegen und Reliquien kommen da zur Sprache und ins Bild. Mumien als Arzneimittel - bis ins 20. Jahrhundert gab es in Apotheken "Mumia" zu kaufen - und Konservierungsmethoden zu Studienzwecken machen die medizinische Dimension aus. Die staatliche Dimension umfasst den Triumph über den Tod - "Herrscher sterben nicht" -, mumifizierte Körperteile als Zeugnisse alter Rechtsvorstellungen und schließlich menschliche Überreste in Wunderkammern und Naturalienkabinetten, wie das 2,40 m große Skelett eines "Hofriesen" aus dem 16. Jahrhundert.

Doch auch das 19. und 20. Jahrhundert hat seine Mumiengeschichte. Sie beginnt mit der Ägyptomanie, wobei die Museen darin wetteiferten, möglichst viele schöne und alte Mumien zu sammeln. Das 1891 eröffnete Kunsthistorische Museum Wien besitzt eine der größten Sammlungen ägyptischer Objekte in Europa. In medizinischen Institutionen kam den unverwesten Leichnamen und ihren Nachbildungen Bedeutung in der Wissenschaft. Das Department für Gerichtsmedizin zählt mit 2000 Exponaten zu den umfangreichsten Dokumentationszentren seiner Art. Es ist nicht öffentlich zugänglich. Anders die makabre Sammlung im Narrenturm. Ihre Anfänge gehen auf das Jahr 1796 zurück, 1821 bis 1974 war die pathologisch-anatomische Sammlung dem Lehrstuhl für Pathologie angegliederr, 1977 wurde sie zum Bundesmuseum und 2011 ein Teil des Naturhistorischen Museums.

Auch von naturkundlichen und ethnologischen Exkursionen brachten die Forscher Leichen mit. Der Tierpräparator Andreas Reischek hatte neben Tausenden Tier- und Pflanzenpräparaten auch zwei Maori-Mumien und 37 Maori-Schädel im Gepäck, von denen sich etliche im Weltmuseum befinden. Bekannt ist auch die traurige Geschichte des überaus gebildeten hochfürstlichen Mohrs Angelo Soliman (1721-1796), der in pittoresker schwarzafrikanischer Aufmachung präpariert und im kaiserlichen Naturalienkabinett zur Schau gestellt wurde. Auch der "inländische Mumientourismus" trieb seltsame Blüten, wie verschiedene Reiseschriftsteller aus der Gruft unter dem Stephansdom berichten. Schausteller scheuten vor Freak-Shows nicht zurück und präsentierten sogar ausgestopfte Menschen. Schließlich widmen sich die Autoren noch den "großen Balsamierern" und modernen Staatsmumien.

Erstmals präsentieren Robert Bouchal und Hagen Schaub alle Aspekte der Wiener Mumienkultur in sorgfältiger Zusammenschau. Es soll nicht ihr einziges gemeinsames Werk zum Thema bleiben. Sie planen bereits ein ganz Österreich umfassendes Mumienprojekt mit größerem wissenschaftlichem Apparat, und eine Ausweitung auf Deutschland und die Schweiz.