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Wolfgang Brückner: Bilddenken#

Bild 'Brückner'

Wolfgang Brückner: Bilddenken. Mensch und Magie oder Missverständnisse der Moderne. Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Band 122. Waxmann Verlag Münster - New York - München - Berlin 2013. 368 S., 34,90

Wolfgang Brückner, geboren 1930, ist einer der wenigen "großen Volkskundler" im deutschsprachigen Raum. 1964 habilitiert, hatte er die Professur für Volkskunde an der Universität Frankfurt inne und war langjähriger Ordinarius für Deutsche Philologie und Volkskunde an der Universität Würzburg. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Kultur und Volk als Konstrukte, das Verhältnis von Wort und Bild in Recht, Frömmigkeit und Kunst, Phänomene der Kunstpopularisierung, Menschen und Moden, Formen konfessioneller Kulturprägung. Das vorliegende Werk hat eine halbjahrhundertjährige Entstehungsgeschichte hinter sich.

Magisches Denken scheint wieder sehr aktuell zu sein, im "Scientetainment" aller Massenmedien ebenso wie im persönlichen Gebrauch - Stichwort: Gegenwärtige Religiosität. Abseits aller Moden hat der Autor hier seine wissenschaftlichen Überlegungen auf fast 400 Seiten zu Papier gebracht. Er konstatiert, dass die Kulturwissenschaften traditionell schriftliche und sprachliche Überlieferungen höher bewerteten als Bilder. Erst heute erkenne man die Gleichwertigkeit der drei miteinander verbunden "Sprachen": verbal, optisch und performativ. Oder "Gerede, Gebilde, Gebärde", wie der kritische Volkskundler Lenz Kriss-Rettenbeck (1923-2005) formulierte, dessen Andenken Wolfgang Brückner das Buch widmet.

"Bildzauber", so der ursprünglich geplante Titel des Werkes, hat mit magischem und mythischem Denken zu tun, das mit dem abwertenden Begriff "Aberglaube" versehen wurde. Das vor zwei Jahrhunderten begonnene aufgeklärte Denken "bedurfte für den Glanz seiner Vernünftigkeit der Folie des Absurden … Das aber hat auf die Dauer zu einer Reihe von sich festfressenden Missverständnissen geführt …" Als wirkmächtig erwies sich seit 1890 das monumentale Werk "The Golden Bough" (Der goldene Zweig) des britischen Kulturanthropologen James George Frazer (1854-1941). Er vertrat die Meinung, menschliches Denken sei von der Magie über die Religion zur Wissenschaft aufgestiegen. Seine Nachfolger sprechen sich gegen die theoretische Trennung von Religion und Magie aus, da beide dem glaubenden Bewusstsein entstammten. Zitiert wird das Beispiel des Kirchenvaters Augustinus: Wer "bei Kopfschmerz das Johannesevangelium auf den Kopf legt, tut nicht Unrechtes, jedoch sehr wohl, wenn er dies mit einem heidnischen Amulett versuchte, das signifikant dem dämonischen Zeichensystem zugeordnet ist." Auch hier zeigt sich die Wertschätzung des Schriftlichen gegenüber dem bildhaften Symbol.

Die "Theologen-Angst vor Bildern und der abendländische Logozentrismus" sind Inhalt des ersten Kapitels des ersten Teils (A). In diesem geht es um "Sichtweisen der Gegenwart". Griffige Schlagworte führen in das komplizierte Feld der Theorien, die der Autor eingehend referiert. Schlagworte sind etwa der "Urzeitwahn", das "Ursprungssyndrom" oder "Kunst und Kontinuität". Die Missverständnisse betreffen vermeintliche Entwicklungsstufen vom "Primitiven" oder "Wilden" zum gebildeten Europäer. Andererseits wurden die "edlen Wilden" glorifiziert oder Rituale als umso wertvoller erachtet, je älter sie erschienen. Deutungen der in den 1870er Jahren entdeckten Höhlenmalereien in Spanien und Frankreich entsprangen Sehen und Traum "übermütiger Kunsthistoriker und Archäologen."

Ein weiteres Exempel gibt Wolfgang Brückner mit der in der Ethnologie viel zitierten Reziprozität. Das Do-ut-des-Prinzip ("Ich gebe, damit du gibst") entstand, wie er mit zahlreichen Belegen illustriert, nicht in der Antike. Die erste Erwähnung findet sich um 1880 in Fürst Bismarcks Reichstagsreden zur damaligen politischen Gegenwart des zweiten deutschen Kaiserreichs. Danach wurde die "Do-ut-des-Politik" der gegenseitigen Zugeständnisse zum geflügelten Wort. Das Geben und Nehmen wird in der Frömmigkeitsforschung oft als Handel mit heiligen Personen verstanden, von dem Votivgaben, -bilder und -tafeln künden. Brückner schreibt: "Es ist völlig unangemessen, für das populäre Votivwesen Begriffe wie 'Opfer' zu verwenden, die dadurch vermeintlich zu Tauschobjekten werden können." Entscheidend sei aber die Promulgation, der förmliche Akt der Anheimstellung, die sich u. a. durch die Darstellung des Herzens auf Votivbildern ausdrückt. Auf das Versprechen ("verloben", Gelübde, ex voto) kommt es an. Das ist keine magische, sondern eine juristische Erklärung. Auch die bekannten eisernen Votivtiere bei Leonhards-Wallfahrtskirchen waren keineswegs als "christlich übertünchte heidnische Idole", wie man im 19. Jahrhundert meinte, "Bestandteil eines magischen Rituals". Dieser Brauch hat ebenfalls einen rechtshistorischen Hintergrund ("Eisenviehverträge" zwischen Herrschaft und Untertanen).

Teil B behandelt detailliert "Erscheinungsformen der Vergangenheit am Beispiel der historischen 'Bildzauber'-Belege seit dem Altertum". Diese finden sich im frühen Mesopotamien, im alten Ägypten, Arabien, wie im Alten Testament. Zu hellenistischen Überlieferungen gibt es mittelalterliche Parallelen. Vor allem "Liebes- und Machtzauber" scheint zu allen Zeiten beliebt gewesen zu sein. Traktat-, Predigt- und Beichtliteratur bilden die Quellen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. "Der simple Aberglaube bedarf keines Teufels. Reflexionen über seine Hilfe stellten erst die Hexenrichter an…," schreibt der Autor, der die obskur wirkenden Rezepte des Schadenszaubers ausführlich wiedergibt. Sogar ein Papst (Johannes XXII., 1316-1334) war dämonengläubig und veranlasste eine Untersuchung gegen Kleriker und Laien an seinem Hof. Die Gefolterten gestanden, mit Spiegeln und Bildern Dämonen angerufen und mit deren Hilfe Wachsfiguren angefertigt zu haben, um dem Papst zu schaden. Vorfällen in Tirol, Bayern und Kärnten während des 15. Jahrhunderts ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Selbst in der frühen Neuzeit waren Zaubereidelikte weit verbreitet, in England und Sachsen bis ins 17. Jahrhundert. Ende des 17. Jahrhunderts setzte überall in Europa die theoretische Diskussion um Hexerei und Dämonenexistenz neu ein.

Fazit zu Teil B: "Der Schadenzauber mit Hilfe von 'Bildern' lässt sich in Westeuropa nicht vor dem 12. Jahrhundert belegen. … Diese höchst allgemein Imagines genannten Hilfsmittel vermochten nach dem Glauben der Zeit nur Zauberkundige herzustellen und wirksam zu machen. Es waren keine Abbilder der zu Bezaubernden, sondern vielmehr belebte Zaubermännlein: koboldartige Dämonenhelfer. … Bildzauber ist ein Zauber mit Hilfe von ganz bestimmten Zauberfigürchen, deren meist plastische Bildhaftigkeit sich in der Darstellung der erhofften Zauberwirkungen erschöpft. Dies allein verspricht derartige Wirkungen noch lange nicht. Er stellt nur einen Teil komplexerer Zauberpraktiken dar."