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Norman Davies: Verschwundene Reiche #

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Norman Davies: Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa. Konrad Theiss-Verlag und Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2013. 958 S., mit 82 Abb. und 74 Karten. € 39,95

Norman Davies ist emeritierter Professor für Geschichte an den Universitäten London, Harvard, Stanford und Columbia. Er wurde mit umfangreichen Werken und Bestsellern zur Geschichte Europas international bekannt. Im Vorwort zum jüngsten, das einem persönlichen Bekenntnis gleichkommt, erinnert sich der 1939 geborene Historiker, wie er als Kind Geschichtsschreibung kennen lernte. Als Untertan des British Empire wurde ihm das Kolonialreich Großbritannien prächtig und mächtig dargestellt. "Die Wirklichkeit, wie sich später zeigte, strafte den äußeren Anschein unbegrenzter Macht und Dauer Lügen." Historiker, die nationale Geschichte schreiben, sollten einen Fehler vermeiden: "Bewusst oder unbewusst suchen sie die Ursprünge der Gegenwart und setzen sich dabei der Gefahr aus, die Geschichte rückwärts zu lesen." Historiker wie Verleger hätten nur Interesse, Erfolge darzustellen, "Kriege, die 'wir' angeblich gewonnen haben", doch "Kleinere oder schwächere Länder haben Schwierigkeiten, wahrgenommen zu werden, und tote Reiche finden selten überhaupt noch Fürsprecher." Gerade deren Geschichte sei aber wichtig, um heute Europa zu verstehen. Geschichtsprofessoren hätten die Aufgabe, ständig an die Vergänglichkeit der Macht zu erinnern. Seine These: "Alle Staaten und Nationen, egal wie groß, blühen eine Zeit lang und werden dann ersetzt". Aus diesen Überlegungen heraus entstand das fast 1000-seitige Werk. Es enthält 15 Fallstudien, gegliedert in je drei Abschnitte: eine Region in Europa, wie sie heute aussieht; ihre Geschichte und die Erinnerung an das verschwundene Reich.

Die Darstellung beginnt mit dem Tolosanischen Reich, dem "Zwischenhalt der Westgoten". Es bestand nicht ganz ein Jahrhundert, von 418 bis 507. Dann ist u.a. die Rede von Burgund (um 411 bis 1795) und Byzanz (330 bis 1453). Die Chronologie endet mit der UdSSR: "Ein Staat verschwindet - endgültig" (1924 bis 1991). Der österreichisch-ungarischen Monarchie ist kein eigenes Kapitel gewidmet, es wäre wohl zu umfangreich geworden. Doch spielt sie bei "Galizien. Das Königreich der Nackten und der Hungernden" eine wichtige Rolle. "Das Königreich Galizien und Lodomerien entstand 1773 aus den Erwerbungen des Habsburgerreiches bei der Ersten Polnischen Teilung und wurde im Oktober 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs zerstört. Während seiner ganzen Existenz von 145 Jahren war es eines der Kronländer des Österreichischen Kaiserreichs." Sieben Habsburger regierten hier: Maria Theresia, Joseph II., Leopold II., Franz II., Ferdinand I., Franz Joseph und Karl I. Den Namen des (1773) rund 77.000 qkm großen, von drei Millionen Menschen bevölkerten Königreichs hatten Berater Maria Theresias erfunden. Der Autor äußerst sich nicht gerade positiv über die Zeit unter österreichischer Herrschaft: "Die kleine Zahl der galizischen Landbesitzer verfügte über einige der größten Vermögen in Europa. … Diese Familien waren am Wiener Hof präsent und nahmen österreichische Titel an. … Die Bauern dagegen waren genau so arm, wie ihre Herren reich waren. … Galizier neigten zum Sarkasmus, denn sie hatten wenig Vertrauen in ihre Fähigkeit, etwas zu ändern, und um diese finstere Perspektive aufzuhellen, waren sie geradezu süchtig nach Witzen." Zielpunkt des Spotts war nicht zuletzt Kaiser Franz Joseph. Ein Witz handelt davon, dass man den Professoren der Jagiellonen-Universität gesagt hatte, sie müssten bei seinem Besuch stehen, wenn der Kaiser stehe und sitzen, wenn er sitze. Als der Kaiser dann auf dem Glatteis vor der Universität zu Fall kam, sollen es ihm die Professoren gleich getan haben…

Im letzten Kapitel nennt Norman Davies fünf Mechanismen, die zum Zusammenbruch eines Staates führen: Implosion, Eroberung Zusammenschluss, Abwicklung und "Kindstod". Als ein Beispiel für Implosion nummt er die Donaumonarchie: "Hier spielte der äußere Druck aufgrund der militärischen Aktionen im Ersten Weltkrieg eine große Rolle. Doch das Reich überstand die kriegerischen Auseinandersetzungen unversehrt und zerbrach erst nach dem Ende des Krieges im Zuge des verhängnisvollen Versagens der staatlichen Autorität. … Galizien beispielsweise erhob sich nicht gegen die Zentralgewalt, es wurde vielmehr von einem machtlosen Wien alleingelassen." Kritiker bezeichnen das Werk "Verschwundene Reiche" als "stupend", "provokativ und bravourös". "Es sind schon für einige europäische Staaten Nachrufe geschrieben worden, " meint Davies und: "Es werden zweifellos noch mehr werden."