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Martin Haidinger: Rauchen Sie ruhig weiter !#

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Martin Haidinger: Rauchen Sie ruhig weiter ! Eine Kulturgeschichte des Tabakgenusses für Raucher und Nichtraucher. Metroverlag Wien 2013. 160 S., € 16.90

„Die EU sagt Rauchern den Kampf an“, titelte Anfang Oktober eine Gratiszeitung. Ein neues Tabakgesetz könnte weitreichende wirtschaftliche Folgen haben, heißt es weiter. „Alles schon da gewesen!“ möchte man sagen.

„Ein Opfer muss gebracht werden. … Der Rauch des Tabaks schadet dem Körper…“ Das Opfer sollte allerdings weniger aus gesundheitlichen, als aus politischen Gründen gebracht werden. Als nach dem Wiener Kongress Europa neu aufgeteilt und die Österreicher als Ordnungsmacht in Oberitalien eingesetzt worden waren, forderten Mailänder Revolutionäre zum Boykott Österreichischer Tabakwaren auf. Sie zerstörten Trafiken und „veranstalteten regelrechte Treibjagden auf Raucher“, schreibt Haidinger. Die Bilanz des Mailänder Zigarrenrummels beziffert man mit sechs Toten und mehr als 50 Verletzten. Hingegen verordnete Feldmarschall Josef Wenzel Radetzky seinen Truppen provokantes Tabakrauchen. Er ließ Extrarationen „Virginia“ verteilen und wollte seine Soldaten stets rauchend sehen. „Der Genuss österreichischen Tabaks war dem echten, habsburgtreuen Patrioten zur ersten Bürgerpflicht geworden. Und die Virginia wurde zum Zepter dieser Rauchermonarchie, an deren Spitze der ‚Trabukerl’ schmauchende Kaiser selbst stand.“

Mit viel Wissen, Humor und aus eigener Erfahrung entwirft der ORF-Journalist Martin Haidinger seine Kulturgeschichte des Tabakgenusses. Er würdigt die einzelnen Sorten wie Pfeifen-, Schnupf- und Kautabak, und Darreichungsformen wie Zigarre, Zigarette oder Virginier in Geschichten, die köstlicher sind als das Genussmittel selbst. Alles begann mit dem Schicksal eines Seemanns der Columbus-Flotte. Rodrigo de Jerez hatte Tabakblätter nach Spanien mitgebracht, wo er sie nun, wie bei den Indianern gesehen, rauchte. Der erste bekannte Raucher Europas büßte sein Laster mit sieben Jahren Haft im Namen der Inquisition, die den Rauch im wahrsten Sinn des Wortes für Teufelszeug hielt.

Eineinhalb Jahrhunderte später baute man auch in Österreich planmäßig Tabak an. Um diese Zeit untersagte der Papst das Rauchen in der Kirche. Priester wie Gläubige sollen es sogar während der Messfeier getan haben. Später entdeckten Politiker, dass das Tabakmonopol die Staatskassen füllen konnte. Unter Kaiser Joseph II. wurde 1784 die Österreichische Tabakregie gegründet. Dennoch war Pfeife rauchen überall verboten, wo Feuergefahr bestand, wie bei der Arbeit der Dachdecker – aber auch der Briefträger.

Neben Geschichten und Geschichte sind auch Gedichte in dem Büchlein versammelt, dessen Umschlag an eine Zigarettenpackung erinnert (nur dreimal so groß). So reimte der patriotische Dichter Hoffmann von Fallersleben: „Bei einer guten Pfeif Tabak /Und einem Glase Bier /Politisieren wir …“ Caféhäuser richteten eigene Rauchsalons für die Genießer der Pfeife ein. Auch Zigarren rauchen galt als hoch politisch – von revolutionären Sozialisten bis zu liberal-konservativen Politikern war es beliebt, wegen des hohen Preises aber bis nach dem Ersten Weltkrieg den Reicheren vorbehalten. Zigaretten, ursprünglich ein Abfallprodukt, entwickelten sich zu den wichtigsten Rauchwaren. 1913 wurde die 6-Milliarden-Grenze überschritten.

Zu guter Letzt kommt der Autor auf die gesundheitliche Seite des blauen Dunstes zu sprechen. Er zitiert den Kehlkopfchirurgen Theodor Billroth: „Ich halte das Tabakrauchen und Schnupfen entschieden für gesundheitsschädlich,“ erwähnt aber auch die vielzitierten hundertjährigen Raucher. Martin Haidinger erzählt von seinem Leben als Raucher – er genoss Zigarren „wie Zuckerl“ und mittlerweile Ex-Raucher. Eines Tages war die Sucht vorbei, „ein abgeschlossenes Kapitel“.