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Johannes Jetschgo: Im Zeichen der Rose#

Bild 'Jetschgo'

Johannes Jetschgo: Im Zeichen der Rose. Reise in eine europäische Provinz zwischen Donau und Moldau. Fotos von Aleš Motejl. Styria Verlag Wien, Graz, Klagenfurt 2013. 208 S., € 29, 99

Die Region zwischen Moldau und Donau hat eine lange, gemeinsame Geschichte. Das Buch stellt sie im Spiegel des mächtigen Adelsgeschlechts der Witigonen, der späteren Rosenberger, dar. Vom Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg pflegten sie den kulturellen, wirtschaftlichen und konfessionellen Austausch.

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisenen Vorhangs wurde 2012 eine Interessensgemeinschaft der Donau-Moldau-Region gegründet. In Touristik und Wirtschaft hatte sich in den vergangenen 23 Jahren schon viel getan. Dennoch bleibt "bis heute die Bereitschaft zum Dialog überschattet". Der vorliegende Prachtband wird sicher zum Dialog beitragen. Dafür garantieren schon die Autoren: Der ORF-Chefredakteur Johannes Jetschgo ist Historiker und Journalist mit dem Spezialgebiet Süd¬böhmen. Sein Journal-Panorama „Vom Eisernen Vorhang zum ¬Grünen Band Europas“ erhielt 2010 den Andreas-Reischek-Preis. Der Fotograf, Aleš Motejl, kommt aus Tschechien. Er studierte in Zlin und Prag, hat sich als Architektur- und Landschaftsfotograf einen Namen gemacht und mit seinen Bildern Ausstellungen beschickt.

Johannes Jetschgo schildert nicht nur die Familiengeschichte der Rožmberk/Rosenberg, er führt zugleich zu Reisezielen in Oberösterreich, Südböhmen und Bayern, die Aleš Motejl gekonnt ins Bild setzt. Die Reise beginnt im Zisterzienserkloster Vyšší Brod/Hohenfurth, das im 13. Jahrhundert vom oberösterreichischen Stift Wilhering aus gegründet wurde. Im ersten Kapitel erfährt man Grundlegendes über Klöster und Kirchenbau im Mittelalter. Dieser war das Werk mehrerer Generationen von Stiftern und Werkmeistern, wie der berühmten Prager Steinmetzfamilie Parler. Doch ohne "Karrenkult", die tätige Mithilfe tausender Freiwilliger, wären die Großbauvorhaben kaum möglich gewesen. Nach zweimaliger Auflösung beherbergt das Kloster heute wieder Mönche. Ein oberösterreichischer Verein unterstützt die Revitalisierung. 2013 ist Hohenfurth einer von vier Schauplätzen der grenzüberschreitenden oberösterreichischen Landesausstellung „Alte Spuren – neue Wege“.

Stets betont der Autor die Verbindung "Bayern - Böhmen - Österrreich". Im so übertitelten nächsten Kapitel geht es um Gefolgschaft, Fehden und Heiratspolitik im Dreiländereck. Man lernt die "Witigonen der ersten Stunde" kennen, Adelige, die hohe Hofämter innehatten. Der Ahnherr, Witiko von Prčice (+ 1194), zählte anno 1158 zum Gefolge Kaiser Friedrich Barbarossas auf dem Feldzug nach Italien. Historiengemälde zeigen Witiko (der Vorname ist eine Verkleinerungsform von Veit), wie er seinen Söhnen ihr Erbe und das Wappen mit der Rose in verschiedenen Farben übergibt. Als Reiseziel wird Rožmberk nad Vltavou/Rosenberg an der Moldau vorgestellt. Der erste Stammsitz der Herren von der Rose liegt nächst dem Moldauknie.

"Bewundert, geächtet, geschändet" wurde der Böhmenkönig Přemysl Ottokar II. 1232-1278), dessen Hofmarschall ein Rosenberger war. Ottokar gründete in Österreich Städte wie Marchegg und Leoben. Der "goldene Böhmenkönig" baute in Pisek, České Budějovice/Budweis, Zvikov/Burg Klingenberg, Orlík nad Vltavou/Worlik an der Moldau und Zlatá Koruna/Goldenkron. Im dortigen Kloster befindet sich sein Grabmal. Ottokar unterlag in der Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen im Marchfeld seinem Gegner Rudolf von Habsburg.

"Machthunger und dramatisches Ende" trifft auch auf Ottokars Widersacher, Zawisch von Falkenstein (1250-1290), aus der Linie der Krumauer Witigonen, zu. Des Hochverrats angeklagt, wurde er auf der Festung Hluboká/Frauenberg enthauptet. Am Höhepunkt seiner Macht schenkte er dem Kloster Hohenfurth das Zawisch-Kreuz, eines der bedeutendsten Goldschmiedwerke des 13. Jahrhunderts. Das 70 am hohe, mit zahlreichen Edelsteinen, Perlen und Emailbildern gezierte, Reliquiar enthält nach der Überlieferung ein Stück des Kreuzes Christi. Das oberösterreichische Stift Schlägl ist insofern mit Zawisch verbunden, als sein Urgroßvater, Kalhoch II. von Falkenstein, um 1200 dessen Begründer war.

In Ottokars Epoche wandelte sich der Baustil von der Romanik zur Gotik. Die Kunst der Gotik entfaltete sich in einem "Kulturraum ohne Grenzen". Als Beispiele und Reiseziele stellt das Buch in Bild und Text Kájov/Gojau, St. Anna bei Steinbruch in Neufelden und die Kirche des Mühlviertler Textilzentrums Haslach vor.

Salz, Luxuswaren und Böhmisches Tuch wurden auf dem "Goldenen Steig" befördert. Einer der tausend Jahre alten Handelswege endete in Prachatice/Prachatitz. Dort landeten Ende des 14. Jahrhunderts wöchentich 180.000 kg Salz. 1501 kam die Stadt an die Rosenberger. Freistadt - nun wie Bad Leon¬felden, Krumau und Hohenfurth Schauplatz der Landesausstellung - war damals ein wichtiger Umschlagplatz für Lebensmittel, Textilien und Silber. In Oberösterreich profitierte vor allem Linz vom Fernhandel. Es etablierte sich als Marktplatz und exportierte kräftig. 1597 kam ein Drittel aller in Prag verkauften Waren aus Linz.

Das nächste große Kapitel beschäftigt sich mit Religion und Politik. In der behandelten Epoche der Reformation und Gegenreformation ein ausgesprochen spannungsreiches Kapitel. In Böhmen ging es nicht nur um Katholiken und Protestanten, auch die Hussiten spielten eine wichtige Rolle. Jan Hus (1369-1415), Rektor der Prager Universität, verband seine Forderung nach einer Kirche ohne Besitz und weltliche Macht mit nationalen Gedanken. Obwohl ihm der König freies Geleit zum Konstanzer Konzil zugesichert hatte, starb Hus, der nicht widerrufen wollte, auf dem Scheiterhaufen. Ein Steinwurf auf eine Hussitenprozession löste 1418 den ersten Prager Fenstersturz aus, dem in den nächsten zwei Jahrzehnten die Hussitenkriege folgten.

Český Krumlov/Krumau ist ebenfalls Teil der Landesausstellung 2013. In der Burg hatten schon die Witigonen gelebt, fast genau 300 Jahre hindurch (1302 bis 1601) residierten die Rosenberger in Krumau und machten von hier aus das Moldautal urbar. Der Fluss legt sich in Schlingen um die "krumme Au". Schloss und Stadt stehen auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes, auch der Maler Egon Schiele wohnte zeitweilig in der Stadt am Fluss.

Mit "Ehrgeiz, Toleranz, Melancholie" charakterisiert Johannes Jetschgo die beiden letzten Rosenberger. Wilhelm von Rosenberg (1535-1592) hatte als Oberster Burggraf das höchste Amt im Königreich Böhmen inne. Seine Herrschaft zählte 70.000 Untertanen. Er pflegte Kontakte zum Wiener Hof und zu ausländischen Fürsten. Wilhelm war viermal verheiratet und dreimal verwitwet, doch hatte er keine Nachkommen. Nun wurde sein Bruder Peter Wok (1539-1611) Regent des Hauses Rosenberg, der auch kinderlos starb. Er zeichnete sich durch großes Interesse für die Wissenschaft und religiöse Toleranz aus. Bei seinem Begräbnis waren katholische Geistliche anwesend, geleitet wurde es vom Protestanten Matej Cyrus. "Cyrus hob am Ende seiner Predigt den rosenbergischen Wappenschild über die Köpfe der Trauergemeinde, brach ihn entzwei und warf die Teile von der Kanzel. Ein dramatisches Ritual für das Ende eines Geschlechts," schließt der Autor die Geschichte der Dynastie.

Als Epilog fügt er Betrachtungen über den Hochwald an, "Adalbert Stifters literarischer Ort und das Unzeitgemäße seines Romans 'Witiko'". Stifter erzählt die Gründungslegende der Festung Wittinghausen, Verwaltungssitz des Ahnherrn Witiko von Prčice. Wie die Rosenberger sah der Dichter im Zusammenleben zweier Nationen kein Konfliktpotential, im Gegenteil. "Solche Ideen europäischer Einheit waren Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts nicht mehr gefragt … (Stifter) wusste also selbst um das tragischerweise Unzeitgemäße dieses Werks," schreibt Johannes Jetschgo. Mit seinem neuen Buch stellt er das Wirken der Adelsfamilie als Beispiel vor, das für ein europäisches Zukunftsmodell angewandt werden könnte.