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Reinhard Johler, Christian Marchetti, Bernhard Tschofen, Carmen Weith (Hg.): Kultur_Kultur. Denken. Forschen. Darstellen. #

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Reinhard Johler, Christian Marchetti, Bernhard Tschofen, Carmen Weith (Hg.): Kultur_Kultur. Denken. Forschen. Darstellen. (Tagungsband des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Tübingen vom 21. bis 24. September 2011) Waxmann Verlag Münster, New York, München, Berlin 2013. 628 Seiten, 34,90 €

Mit Beiträgen von Götz Bachmann, Manuela Barth, Joachim Baur, Regina Bendix, Iain Biggs, Beate Binder, Elke Bippus, Judith Blume, Reinhard Bodner, Tanja Bogusz, Jutta Buchner-Fuhs, Karin Bürkert, Rebekka Bürkle, Julia Butschatskaja, Anja Dauschek, Katharina Eisch-Angus, Franziska Engelhardt, Thomas Felfer, Elisabeth Fendl, Michaela Fenske, Lukas Filzer, Julia Fleischhack, Eberhard Forner, Steffen Greiner, Helmut Groschwitz, Stefan Groth, Ulrich Hägele, Gerrit Herlyn, Sabine Hess, Rebekka Hofmann, Ute Holfelder, Sabine Imeri, Reinhard Johler, Birgit Johler, Martin Jonas, Melanie Keding, Lioba Keller-Drescher, Sabine Kienitz, Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Stefan Krankenhagen, Judith Laister, Lukas Lassonczyk, Julia Lechner, Walter Leimgruber, Rolf Lindner, Caroline Merkel, Ina Merkel, Johannes Müske, Mirjam Nast, Thomas Overdick, Carmen Palm, Arnika Peselmann, Kerstin Poehls, Magdalena Puchberger, Paul Rabinow, Jochen Ramming, Charlotte Räuchle, Lukas Rebekka, Andreas Reckwitz, Svenja Reinke, Katharina Reisch-Angus, Christian Ritter, Regina Römhild, Brigitta Schmidt-Lauber, Christoph Schmitt, Franka Schneider, Leonore Scholze-Irrlitz, Klaus Schönberger, Nina Schumacher, Richard Schwarz, Philipp Socha, Markus Speidel, Marketa Spiritova, Anthony Stavrianakis, Simone Stiefbold, Sven Stollfuß, Pia Thattamanill, Thomas Thiemeyer, Bernhard Tschofen, Hemma Übelhör, Konrad Vanja, Asta Vonderau, Linda Waack, Victoria Walters, Gisela Weiß, Carmen Weith, Jens Wietschorke, Sonja Windmüller, Irene Ziehe.

"Kultur hat Konjunktur" stellte der deutsche Kulturfunktionär Hilmar Hoffmann schon 1979 fest. Allen Krisen zum Trotz dauert diese Konjunktur weiter an, und sie ist eine besondere Herausforderung für die kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Der 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde hat die Thematik aufgegriffen. Es wurde gefragt, wie das Vielnamenfach (Volkskunde, Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, Empirische Kulturwissenschaft), das zu den Kulturwissenschaften zählt, auf die veränderten Bedingungen auf kulturellem und sozialem Gebiet reagiert. Tübingen bot sich als Veranstaltungsort des, von namhaften österreichischen Degierten besuchten, Kongresses an. Das dortige Institut feierte das 40-jährige Namensjubiläum als "Empirische Kulturwissenschaft". Von Tübingen war auch der viel zitierte "Abschied vom Volksleben" ausgegangen. Seither nimmt der, um die alltägliche und lebensweltliche Dimension erweiterte, Kulturbegriff eine zentrale Stellung im Selbstverständnis des Faches ein. ***

Eine Fülle von Vorträgen in 70 Stunden "Kultur_Kultur" haben auf 628 Buchseiten Niederschlag gefunden: Fünf Plenarvorträge, zehn Panels, sieben Sektionen. Walter Leimgruber, Europäischer Ethnologe an der Universität Basel, meint in seinem Schlussvortrag, dass der Begriff der Kultur mehr Fragen aufwerfe als er beantworte. Bereits 1952 gab es 164 Definitionen von Kultur und hunderte Zitate zum Kulturbegriff, heute gilt (unter anderem): "culture as a whole way of life, material, intellectual and spiritual". Dementsprechend breit gefächert waren die Referate.

Der frühere Wiener a.o. Prof. Bernhard Tschofen bereitete in Tübingen als Professor die Tagung vor. Seit einigen Jahren begleitet er in seiner österreichischen Heimat als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats einen Verein zur Erforschung der Skikultur in der Arlberg-Region. Für die Bewohner der Region, die sich "Wiege des alpinen Skilaufs" nennt, wirkt der Wintertourismus identitätsstiftend. Sie verstehen ihn als kulturelles Erbe. Den Wissenschafter interessieren Prozesse der Wissenszirkulation und des Kulturtranfers. Er nennt die Dimensionen "Erstens 'Wissenszirkulation und Kulturwissen', zweitens 'Heritage und Propertisierung' und drittens 'Materialität und Erfahrung' ". Diese Stichworte waren der Ausgangspunkt für die in Tübingen referierten Projekte.

Birgit Johler vom Österreichischen Museum für Volkskunde (ÖMV) betitelt ihren Beitrag "Behagen in der Kultur. Museologische Praktiken des Museums für Volkskunde im Wien der 1930er Jahre". Darin zeigt sie die Verflechtungen des Museums mit der Österreichischen Heimatgesellschaft, einem Verein, der sich zur Zeit des Ständestaates mit der "Pflege heimischer Trachten, Sitten und Bräuche" beschäftigte. Parallel setzte das Museum Schwerpunkte im Krippenbau und der Betonung der Stube mit dem "Herrgottswinkel". Magdalena Puchberger, die ebenfalls am ÖMV tätig ist, erweitert die Betrachtung auf "Das Museum für Volkskunde in Wien als Ort ideologischer Praxis" und "Volkskunde im Wien der 1930er Jahre". Sie zeigt die Rolle der "Heimatgesellschaft" als "Erlebnisagentur" in einer Zeit, in der die Fachvertreter "die Praxis und Anwendbarkeit der Volkskunde als entscheidenen Beitrag zur Entwicklung des Faches" sahen.

Migration ist einer der Forschungsschwerpunkte von Brigitta Schmidt-Lauber, die dem Wiener Institut für Europäische Ethnologie vorsteht. Sie gibt einen Überblick über die Migrationsforschung im Fach und fragt nach Einbindungen und Auslegungen des Kulturbegriffs in den unterschiedlichen Ansätzen. Ihr Assistent Jens Wietschorke nennt seinen Diskussionsbeitrag "Historische Forschung in der Europäischen Ethnologie".

Katharina Reisch-Angus lehrt am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie in Graz. Sie stellt "Kulturkonzepte zwischen künstlerischer und ethnographischer Forschung" anhand von zwei eigenen Projekten vor. Eines beschäftigte sich mit der bayrisch-tschechischen Grenzzone des ehemaligen Eisernen Vorhangs, das andere mit dem Glasmuseum Frauenau in Bayern, das in Zusammenarbeit von Kunstschaffenden und Fachleuten aus örtlichen Glashütten errichtet wurde. In beiden Fällen führte die Grenzüberschreitung zur Kunst "zu einer Schärfung und Erweiterung ethnographischer Erkenntnis und kulturellen Verstehens."

Judith Laister von der TU Graz beschreibt den Wandel der Kultur(haupt)stadt Graz (2003) zur Creative City. Seit 2011 ist die steirische Landeshauptstadt Mitglied einer von der UNESCO ausgezeichneten weltweiten Netzwerks kreativer Städte, "was zahlreiche Synergieeffekte mit sich bringt und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt vorantreibt." Markantes Beispiel ist das "Schattenobjekt Uhrturm", das 2003 als Kunstobjekt im öffentlichen Raum gleich groß neben dem Grazer Wahrzeichen stand. Zehn Jahre später findet es sich - und so war es auch geplant - als Werbeträger vor einem Einkaufszentrum.

Reinhard Bodner von der Universität Innsbruck beschäftigt sich mit "Kultur als Kompromiss". Sein Fallbeispiel ist eine Serie von Felsstürzen, die 1999 zur Evakuierung zweier Stadtteile von Schwaz in Tirol führten. Schwaz war bereits in prähistorischer Zeit ein Bergwerksgebiet, und ein 200 km langes mittelalterliches Stollennetz erinnert an den einst wichtigen Edelmetallabbau. Damals gab es dort nur wenige Bauern. Sagen beschreiben den Berg als "unheimliches Gebiet". Die Felsstürze beendeten den Kompromiss des Zusammenlebens von Anrainern und Bergleuten.

Thomas Felfer widmete seine Diplomarbeit den Klangerinnerungen. Dabei dienten ihm Tonbeispiele als Gesprächsimpulse für die Interviews. Seine These: Klänge besitzen nicht nur Signalcharakter sie haben auch eine emotionale Wirkung und rufen „innere Bilder“ hervor. Verschiedene Personen deuten sie unterschiedlich. Die Beispiele reichen vom Hintergrundgeräusch im Caféhaus bis zu den Mittagsglocken der Regionalradios: "Es ist 12 Uhr. Sie hören die Glocken der Pfarrkirche …"