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Dieter Kramer: Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften#

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Dieter Kramer: Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften. Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie, Band 15. Jonas Verlag Marburg 2013. 248 S., € 25,-

Europäische Ethnologie ist eine empirische Kulturwissenschaft, die sich unter dem traditionellen Fachnamen Volkskunde vor über 100 Jahren institutionalisiert hat. Andere Bezeichnungen für das Vielnamenfach sind Kulturanthropologie oder empirische Kulturwissenschaft. Seine besonderen Kompetenzen liegen in fünf Bereichen: Ethnographischer Zugang, Zeichenhaftigkeit von Kultur, kleine Felder, historisch und gegenwartsbezogen, transdisziplinär. Im vorliegenden Band - zugleich Grundlagenwerk und kritische Facheinführung - würdigt Dieter Kramer die Europäische Ethnologie als Kulturwissenschaft des Alltags - und fordert sie zu mehr Selbstbewusstsein auf. "Der Autor sieht den Beitrag des Faches in einem handlungsorientierten Zugang zum Verständnis sozialkultureller und ästhetisch-kultureller Prozesse in der Gegenwart," schreibt die Grazer Ordinaria Johanna Rolshoven im Geleitwort. Der Band ist der 15. der von ihr herausgegebenen Grazer Beiträge zur Europäische Ethnologie.

Dieter Kramer (* 1940) hat sich in Wien habilitiert und hier, in Salzburg und Innsbruck gelehrt. Er wirkte u. a. im Dezernat Kultur und Freizeit sowie im Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main und als Mitglied der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Bundestages. Seine Schriften haben, so Rolshoven, "den Prozess der Fachmodernisierung wesentlich mit angestoßen". In diesem Buch stellt Kramer einzelne Themenfelder der Europäische Ethnologie dar, die er so definiert: "Europäische Ethnologie beschäftigt sich in Empirie und Theorie mit Kulturprozessen in den Milieus geschichteter (segmentierter, hierarchisch gegliederter) Gemeinschaften von hoher Komplexität (Arbeitsteiligkeit), vor allem in Europa in Vergangenheit und Gegenwart. Sie beachtet dabei die vertikalen und horizontalen Verflechtungen dieser Prozesse (eingeschlossen transkulturelle Beziehungen). Darin besteht ihre spezifische Arbeitsweise im Unterschied zu Kulturgeschichte, zu allgemeiner Kulturanthropologie und zu Ethnologie/Völkerkunde." Um die besonderen Möglichkeiten der Europäische Ethnologie vorzustellen, gliedert der Autor das Werk in sechs Kapitel samt Zusammenfassungen und Kasten. Dadurch sind nicht nur die von ihm angesprochenen "Kolleginnen und Kollegen von den anderen Kulturwissenschaften" die Zielgruppe, sondern ein breites interessiertes Publikum.

Kapitel 1: Die Europäische Ethnologie als Teil der Kulturwissenschaften. Einst entstand das volkskundliche Interesse an der bäuerlichen Kultur, später an der Arbeiterkultur, im Prozess ihres Verschwindens. Kramer definiert nicht nur wie bisher "Kultur ist, wie die Menschen leben und arbeiten", sondern ergänzt "und wie sie leben wollen." Er plädiert für einen "ganzheitlichen Bezugsrahmen der Ethnologen", der Tradition, Regionalismus und Sozialtechniken theoretisch reflektiert. Ein anderer Grundbegriff (und Reizwort) ist "Volk". Bertolt Brecht forderte schon 1950, statt dessen "Bevölkerung" zu sagen. Die alte Volkskunde meinte mit "Volk" den "gemeinen Mann" in der Ständegesellschaft (Adel, Geistlichkeit, Bauern) und war lange auf dessen Sozialkultur fokussiert. Versuche, heute noch von Volk oder Volkskunde zu reden, provozierten nur Sackgassen-Diskussionen, meint der Autor und bevorzugt die präzisere Formulierung "Milieus".

Kapitel 2: Naturstoffwechsel, Symbolwelten und kulturelle Vielfalt. "Gegen 'Naturvergessenheit' kann die Europäische Ethnologie auf den Zusammenhang von Kultur und materiellem Leben setzen. … Im Gesamtgefüge entsteht in vielen Fällen in der Vergangenheit so etwas wie eine 'Ästhetik der Subsistenz'". lm Kanon der alten Volkskunde hatten "Arbeit und Gerät" einen festen Platz. Der Europäischen Ethnologie, der die gesellschaftliche Relevanz wichtig ist, geht es um das Wahrnehmen von Möglichkeitsräumen der Umweltaneignung. In den Quellen finden sich manche Anregungen für die Gegenwart. "Auch ein Alltag, der … an der Selbstbegrenzung orientiert ist, entbehrt trotz aller gegenteiligen Vermutungen nicht der Würze. Sie entsteht und liegt in den Höhepunkten des Lebens …"

Kapitel 3: Sozialkulturen der Überlebenssicherung. Dieter Kramer fasst zusammen: Für die Europäische Ethnologie ist die sozialkulturelle Vielfalt in den verschiedenen Milieus einer Gesellschaft, früher unter "Volkskultur" behandelt, ein zentrales Thema. Historische Milieus in Europa zeichnen sich durch eine ausgeprägte Verbindung von symbolischen (kulturellen) und praktischen Dimensionen aus. Herrschaftliche Einflüsse und Elemente der milieuspezifischen Selbstgestaltung traten neben- und miteinander auf. Urbanität als Gegensatz zu ländlichen Lebenswelten gilt als Quelle der Entwicklung von Kunst und Kultur. Der Übergang von der ständischen Gesellschaft zur marktgeprägten Industriegesellschaft bedeutete einen außerordentlichen Einschnitt. Wenn heute nach den Quellen des bürgerschaftlichen Engagements gefragt wird, dann spielen auch ältere Strukturen eine Rolle.

Kapitel 4: Ästhetisch-kulturelle Praktiken in unterschiedlichen Milieus. Zur Interpretation von "Volkskultur" und populärer Kultur. Lieder, Spiele, bildnerische Formen und Symbolwelten sind mit dem sozialen Leben untrennbar verbunden. Traditionen unterschiedlicher Milieus , mündliche und schriftliche Überlieferungen vermischen und beeinflussen sich gegenseitig. Der von anderen Kulturwissenschaften gern vernachlässigten Dynamik dieser unterschiedlichen Sphären kann die Europäische Ethnologie besonders gut gerecht werden und somit zum Verständnis sozialkultureller Prozesse in der Gegenwart beitragen.

Kapitel 5: Der Alltag und die Dynamik marktgeprägter Prozesse. Die Europäische Ethnologie zeigt, wie Marktprozesse in Stadt und Land die sozialkulturellen Strukturen der Alltagswelt beeinflussten. Die Auswahl traf man nach Kriterien des "guten und richtigen Lebens". Heute modelliert Marketing die Alltagskultur. Gefragt sind Fähigkeiten, die ein "anständiges Leben mit Zukunft" entwickeln, bei dem Glückschancen und Lebensqualität nicht linear an materiellen Konsum gekoppelt sind. Europäische Ethnologie hilft, sich an entsprechende Möglichkeiten zu erinnern.

Kapitel 6: Verknüpfungen. Begegnungen mit fremden Welten in unterschiedlichen Milieus. Der Europäischen Ethnologie war der Umgang mit Fremden und mit kultureller Vielfalt immer vertraut. Der Hinweis auf die Selbstverständlichkeit des Umganges mit Fremden in der Vergangenheit kann heute beitragen, Strukturen und Veränderungen in der Einwanderungsgesellschaft zu verarbeiten. In der Migrationsforschung hat die Europäische Ethnologie ein Thema gefunden, bei dem ihre Traditionen und Methoden ein geeignetes Rüstzeug sind.

1970 schrieb Dieter Kramer den viel zitierten Aufsatz "Wem nützt Volkskunde?". Damals entdeckte die Europäische Ethnologie "Probleme", denen sie sich widmen wollte und meinte, dass es Aufgabe der Wissenschaft sei, an der Lösung mitzuwirken. Kramers jüngstes Buch zeigt, wie die Europäische Ethnologie sowohl für die Kulturwissenschaften als auch für die aktuellen Herausforderungen des politischen und kulturellen Lebens wichtige Beiträge leisten kann. Dabei werden die Erfahrungen, Forschungen und Ergebnisse der traditionellen Volkskunde - befreit vom ideologisch-politischen Ballast der Vergangenheit - in die aktuellen Diskurse einbezogen. So verknüpft das Werk Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es stellt Fragen und weist Wege - und sollte von jedem gelesen werden, dem die Zukunft ein Anliegen ist.