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Eva Kreissl (Hg.): Kulturtechnik Aberglaube#

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Eva Kreissl (Hg.): Kulturtechnik Aberglaube. Zwischen Aufklärung und Spiritualität. Strategien zur Rationalisierung des Zufalls. Transcript Verlag Bielefeld 2013. 584 S., ill., € 29,90

Vor genau zwei Jahren fand in Graz ein besonders interessantes Symposion statt. Es bildete den Schluss- und Höhepunkt eines "forMuse" (Forschung an Museen)-Projektes des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Veranstalter waren das Volkskundemuseum Graz und das Institut für Volkskunde und Kulturanthopologie der Universität Graz. Nun liegt der Tagungsband vor, der ebenso spannend ist wie die Tagung. Doch während diese unter dem Titel "Superstition – Dingwelten des Irrationalen" stand, nennt die Projektleiterin und Museums-Kuratorin Eva Kreissl das Buch jetzt"Kulturtechnik Aberglaube". Der wertende Begriff "Aberglaube" gelangte "mit latent anhaltendem Unbehagen" auf den Umschlag der Publikation, räumt die Herausgeberin ein. Unter den Begriff fällt neben dem Alltagsaberglauben (z.B. Freitag, der13., auf Holz klopfen, nichts verschreien), der Glaube an unsichtbare Sphären und Kräfte, das Vertrauen auf nicht belegbare Naturgesetze oder in der Unterhaltungsindustrie beliebte Vorstellungen der Dämonologie. Doch bei allem Bemühen, das in Misskredit gebrachte Wort zu vermeiden, kommt die Forschung um den Begriff Aberglauben nicht herum, wenn sie sich verständlich machen will. Auch die lateinische Variante "Superstition" sei nicht wertfrei und zudem den wenigsten geläufig, stellt Eva Kreissl fest.

Den vorliegenden Band hat sie in sechs große Abschnitte gegliedert. "Aberglaube als Symptom" beginnt mit der Geschichte des Aberglaubens. Karl-Heinz Göttert, Köln, verfolgt sie von der Antike bis zur Aufklärung. Schon Philosophen wie Marcus Tullius Cicero (106 - 73 v. Chr.) lehnten die fatalistische Astrologie ab. Ciceros Argumente werden bis heute ins Treffen geführt. Dennoch ist die Geschichte des Wissens nicht von einem allmählichen und konsequenten Erkenntnisfortschritt bestimmt, sondern folgt verschlungenen Wegen.

"Überlegung zur Macht der Bilder" stellt Christoph Daxelmüller, Würzburg, an. Als Beispiel präsentiert er eine vor einigen Jahren aufgetauchte Daguerreotypie aus 1840, auf der Constanze Mozart-Nissen (1762-1842) abgebildet ist. Die Komponistenwitwe erscheint hier nicht als Dame mit Barockperücke (wie man sie von den Mozartkugeln kennt), sondern als schwarzhaarige Frau mit einer Biedermeierhaube. Der Kamera gegenüber formt sie ihre Hand zu einer abergläubischen Geste. Wenn sich heutzutage Technikangst vor undefinierbarer "Strahlung" äußert und selbsternannte Experten von der Angst der anderen gut leben, zeigen sich Parallelen, meint der Professor für Europäische Ethnologie: "Aberglaube erschafft sich immer wieder von neuem."

Angela Treiber, Eichstätt-Ingolstadt, spricht sich "für einen Wandel der Diskurse um Superstition - Irrationalität - Spiritualität" aus. Ein eindrucksvolles Exempel bildete das Bild einer kleinen Ikone neben den Messskalen eines ukrainischen AKW. Es findet sich nun auf dem Umschlag des Buches und drückt die Hilflosigkeit aus, in der sich viele Menschen zwischen den anerkannten Systemen wiederfinden. Die Technik des Atomkraftwerks darf nicht versagen - und tut es fallweise doch. Sicherheitshalber suchen die Techniker daher auch um den Schutz der Muttergottes an.

Martin Scharfe, Marburg, betitelt seine Ausführungen "Widerglaube - Zum kulturellen Doppelcharakter der Superstition". Statt des Wortes "Aberglaube" verwendet er "Widerglaube" und deutet Superstition als doppelte kulturelle Opposition: einerseits als Rebellion gegen die offizielle Religion, andererseits als "alte und überwinterte Kulturtechnik des zivilisatorischen Fortschritts". Wenn der so genannte Aberglaube als Fortschritt gegen den Glauben zu verstehen ist - weil man meint, sich selbst helfen zu können, ohne außerweltliche Instanzen zu bemühen - so wäre er "kein Geschwisterkind der Religion, sondern der Technik".

Der zweite Teil ist mit "Diagnosen" überschrieben. Bernd Rieken, Wien, erläutert " 'Aberglaube' in der psychoanalytischen Praxis": Bis heute ist in jedem Menschen Platz für "abergläubische" Vorstellungen vorhanden – und das nicht nur in Phasen tiefer Regression, meint der in Psychoanalyse und Ethnologie ausgebildete Autor.

Christian Bachhiesl und Sonja Maria Bachhiesl vertreten das Hans-Gross-Kriminalmuseum, Graz. Ihre Vorträge über "Aberglaube und Kriminalwissenschaft" und "Krimineller Aberglaube im Umfeld von Schwangerschaft und Geburt" bilden eine Einheit. Beide konzentrierten sich auf Quellen aus der Zeit um 1900.

Nicole Waibel, Augsburg, äußert sich unter dem Titel " 'Anti-Aberglaubiana' oder Mittel wider den Aberglauben der Leute" zum volksaufklärerischen Diskurs um 1800.

Elfriede Grabner, Graz, stellte die acht "Tractätl von deß Teuffels List vnd Betrug" des steirischen Arztes Adam von Lebenwaldt (1624 – 1696) als Quelle für die magischen Praktiken seiner Zeit vor.

Toni Distelberger, Wien, behandelt "Das magische Narrativ". Magische Wirkungen seien aus Bedeutungen zusammengesetzt. Diese bräuchten Bedeutungsträger, wie Erzählungen: Wenn etwa ein zehnjähriges, schwer krankes Mädchen die Vision von einer schönen jungen Frau hat und danach gesund wird, liegt der Zusammenhang für die Erzählerin auf der Hand: Maria hat geholfen.

Hubert Knoblauch, Berlin, expliziert am Beispiel der Wünschelrute "Die Entzauberung und das Populäre". Die historische Skizze der Entwicklung zeigt, wie sich die Magie an die jeweilige Moderne anpasst. Der dritte Teil trägt den Titel "Schauplätze". Eva Labouvie, Magdeburg, beschäftigte sich mit magischen Praktiken um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Diese galten als gefahrvolle Übergangsphasen mit ungewissem Status und daher als Angriffsphasen für dämonische Mächte.

Johann Tomaschek, Admont, steuert frömmigkeitsgeschichtliche und theologische Bemerkungen zum "Benediktinischen Kreuzamulett" bei. Im wahrsten Sinn des Wortes zeigt er die zwei Seiten der Medaille. Während die Theologie den Segenscharakter des um 1660 kreierten Benediktuskreuzes betont, beschäftigt die Kulturwissenschaft der superstitiöse Umgang damit.

Elke Hammer-Luza, Graz, betitelt ihre Ausführungen über magische Elemente in der steirischen Volksmedizin des 18. und 19. Jahrhunderts "Perlmilch, Krötenfuß und Menschenfett".

Harald Stadler, Innsbruck, referiert über "die Heilerin vom Stradner Wald". Ein internationales und interdisziplinäres Forscherteam versucht das Rätsel dieser Frau zu lösen, bei der u.a. Schröpfköpfe aus Messing als Grabbeigaben gefunden wurden.

"Zwischen den Kulturen" bewegt sich der vierte Abschnitt. Andreas J. Obrecht, Wien, widmet sich dem Thema "Der magische Kreis - Wissen ohne Zufall". Prägnant formuliert er, wie sich "modernes" von "magischem" Wissen durch drei zentrale Dimensionen - Zeitwahrnehmung, Abstraktion und Säkularisierung - unterscheidet. Entfällt die Interaktion mit der metaphysischen Umwelt, wird der Zufall zu einer dominanten Idee der Gesellschaft.

Einen weiteren Kulturvergleich bringt Andreas Hartmann, Münster. In "Alltagslogiken in der Popularmagie" stellt er seine Feldforschungen über Schicksalsmanipulationen in Europa und Thailand gegenüber.

Anette Weber, Heidelberg, beschäftigte sich unter dem Titel "Die Heil bringende Mazza" mit jüdischen und christlichen Vorstellungen von der Wirkung des ungesäuerten Brotes - Mazza bzw. Hostie.

Fünftens beschäftigen sich die Experten mit musealen Präsentationen des Aberglaubens. Adela Pukl, Ljubljana, brachte Überlegungen zu "Museen und Aberglaube früher, heute, morgen". In Sloweniens besterhaltener Burg, Bogenšperk, befindet sich eine Ausstellung zum Thema. Dieses wurde in den 1960er- Jahren erforscht, gefilmt und Gegenstände gesammelt, die seither in unveränderter Präsentation zu sehen sind.

Peter Keller, Salzburg, gewährt Einblick in das Projekt "Glaube und Aberglaube - Bilder einer Ausstellung". Anlass war die Übernahme einer Sammlung von 1.800 Amuletten, Medaillen und Andachtsbildchen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Karl C. Berger, Innsbruck gibt seinem Werkbericht einen sehr ehrlichen Titel "Musealisierte Sorgen". Er schildert die Neuaufstellung des Tiroler Volkskunstmuseums, die nach 16-monatigem Umbau genau 80 Jahre nach der Eröffnung der Sammlung erfolgte.

Schließlich geht es um "Forschungsexempel". Benedikt Plank OSB, St. Lambrecht, stellte einen ehemaligen Mitbruder vor: "P. Romuald Pramberger - Mönch und Original" vor. Pramberger (1877-1967), richtete 1913 im Stift ein Lehrmuseum ein und hinterließ 45 Bände volkskundlicher Aufzeichnungen. Michael Greger, Graz, widmet sich dem Ordensmann und seinen gesammelten "Superstitiosa".

Abschließende Überlegungen zum Begriff "Aberglaube" stammen von der Projektmitarbeiterin Gabriele Ponisch, Graz und der Leiterin Eva Kreissl. Sie hat mit ihrem Team am Universalmuseum Joanneum Sammlungsstrategien zum heutigen superstitiösen Dinggebrauch entwickelt, das sie als Kompetenzzentrum für die Kultur irrationaler Strategien positionieren will. Während Ponisch über die vorhandene Sammlung referiert ("Gewiss - ungewiss"), überlegt Kreissl deren Fortführung.

Für die Sammlung gilt, was sie auch im Vorwort schreibt. Leidenschaftlich diffamierender Duktus (wie in manchen Veröffentlichungen zur Zeit der Aufklärung und heute) ist in der Europäischen Ethnologie unangebracht. "Uns interessiert in diesem Buch nicht, ob das eine oder das andere Wissen 'stimmt' oder 'wahr' ist und auch nicht, ob es mehr oder weniger gerechtfertigte Glaubenstheoreme gibt. Daher haben wir uns den von Martin Scharfe gewählten Blick auf den Aberglauben für den Titel ausgeborgt und betrachten ihn als Kulturtechnik, als eine Art und Weise, die Welt zu handhaben und in ihr ohne Ohnmachtsgefühle zu bestehen - oder zumindest mit geringeren."