unbekannter Gast

Sabine Ladstätter: Knochen, Steine, Scherben #

Bild 'Ladstätter'

Sabine Ladstätter: Knochen, Steine, Scherben. Abenteuer Archäologie . Residenz Verlag St. Pölten - Salzburg - Wien 2013. 200 S., € 21,90

Sabine Ladstätter zählt zu den Wissenschaftern des Jahres. Dieses Prädikat erhalten seit 20 Jahren Forscherinnen und Forscher, die sich „besonders um die leicht verständliche Vermittlung ihrer Arbeit verdient gemacht und damit auch das Image der österreichischen Forschung in der breiten Öffentlichkeit gehoben haben“. Das jüngste Werk der Archäologin wurde (als eine von vier Publikationen) zum "Wissenschaftsbuch des Jahres 2014" gekürt.

Jede Wissenschaft stellt Fragen und sucht Antworten, beide sind zeitbedingt. Sabine Ladstätter zeigt es am Beispiel der Archäologie. "Stand lange das Freilegen von Monumenten und die Entdeckung von herausragenden Einzelobjekten im Zentrum der Grabungsaktivitäten, so nimmt heute die Erforschung der Alltagskultur einen immer wichtigeren Platz ein." Im Moment sind Krise, Migration und Umwelt und religiöse Vielfalt von Interesse. Ausgrabungen erschließen, wie sich Menschen früherer Zeiten damit beschäftigt haben. Selbstverständlich beschränken sich Altertumswissenschaften nicht auf Knochen, Steine und Scherben. Das Werk beweist: Archäologie ist Abenteuer - und sie kann gesellschaftlich bedeutende Erkenntnisse über vergangene Zeiten liefern.

Das Buch der Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) zeichnet sich nicht nur durch die fachliche Kompetenz aus, sondern auch durch Aussagekraft, Klarheit und Aktualität. Es ist spannend, ohne spektakulär zu sein, angenehm zu lesen, ohne das wissenschaftliche Niveau zu verlassen, informativ ohne zu belehren - auf jeden Fall anregend und empfehlenswert.

Schon die Einleitung zieht die Leser förmlich in das Thema hinein: "Archäologie fasziniert". Eine Reihe beeindruckender Funde kam allein während der Fertigstellung des Buches im Sommer 2013 zu Tage: Vom Maya-Relief in Guatemala bis zum Gräberfeld in St. Pölten. TV-Dokumentationen von Ausgrabungen, Sensationsmeldungen (Relikte des Kreuzes Christi aufgetaucht…) und der Archäologie-Tourismus haben die Wissenschaft populär gemacht, die seit der Renaissance, mehr noch seit dem 19. Jahrhundert, betrieben wird. "Die Archäologie ist heute eine hoch spezialisierte Wissenschaft mit zahlreichen Teildisziplinen. Sie ist aber auch eine Wissenschaft mit Bodenhaftung, im wahrsten Sinne des Wortes. … Interdisziplinarität ist für uns kein Schlagwort, sondern gelebte Realität. Moderne archäologische Forschung wäre ohne die Naturwissenschaften und die Technik nicht möglich."

Das erste Kapitel stellt die Wissenschaft und ihren Verlauf in den historischen Kontext. Hier kommt etwa "Ephesos und die österreichische Archäologie" zur Sprache, wo Sabine Ladstätter seit einigen Jahren die Grabungen leitet.

"Ephesos ist eines der prominentesten Beispiele für die enge Verflechtung von Archäologie Regionalentwicklung und Massentourismus, " weiß sie aus Erfahrung. Jährlich besuchen etwa zwei Millionen Menschen die Ruinenstätte, die sie im Rahmen ihres Pauschal- oder Badeurlaubs nicht länger als eineinhalb Stunden lang konsumieren. Welche Herausforderungen Besucherströme und ihre Erwartungen (Stichwort: Historyland) an die Wissenschaftler darstellen, liegt auf der Hand.

Zu den Missverständnissen vieler interessierter Laien zählt die Vorstellung, dass möglichst vieles ausgegraben und rekonstruiert werden sollte. Das war auch die Meinung der begeisterten Forscher und Schatzsucher des 19. Jahrhunderts. Hingegen ist die Ausgrabung heute nur eine Methode unter vielen, die noch dazu zerstörend wirkt. In letzter Zeit sind zerstörungsfreie Prospektionsmethoden, wie Geophysik oder Luftbildarchäologie zum zentralen Standbein der Feldforschung geworden.

"Archäologie und Natur" ist das vierte Kapitel überschrieben. Es beleuchtet die römische Villenkultur, mit dem Bestreben, sich den Garten ins Haus zu holen oder ein Haus am Land zu besitzen. Entsprechend der Bedeutung der Landwirtschaft als Selbstversorgung erfährt man auch viel über Lebensmittel und Handel, aber auch über Naturkatastrophen und den Versuch, ihnen mit religiösen Ritualen entgegenzuwirken.

Der nächste Abschnitt führt zur Umweltproblematik - Stichwort: Verkarstung weiter Landstriche im Mittelmeerraum durch Abholzen für den Schiffsbau oder Hangrutschungen als Folge des Bergbaus. Das Interesse an antiken Tsunami-Katastrophen trat in Folge aktueller Ereignisse im 21. Jahrhundert auf. In den historischen Städten gab es Umweltprobleme, obwohl die Antike eine Recycling-Gesellschaft war. Glas, Metall (auch nicht mehr gewünschte Bronzestatuen), Baumaterial oder Skulpturen wurden wieder verwendet, Geschirr repariert.

"Man muss sich immer bewusst sein, dass es uns nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist, das Denken und Handeln antiker Menschen zu verstehen" , meint die Autorin, besonders bezüglich der Religiosität. Sie verweist auf den Polytheismus, die vielen regionalen Gottheiten und das Mit- und Nebeneinander verschiedener Kulte. Antike Religionen waren nicht durch den individuellen Glauben definiert, sondern durch kollektiven Kult. Religiöse Feste strukturierten das Jahr. Heiligtümer und Orakel zogen viele Pilger an, Magie spielte eine große Rolle. Nachdem das zunächst verfolgte Christentum zur Staatsreligion wurde, veränderten sich der Alltag, der Festkalender und das Stadtbild. Christliche Sakralbauten und Wallfahrtszentren übernahmen die Funktionen der Heiligtümer.

Wie manifestieren sich Krisen in der Stadtkultur und wie lässt sich Krisenmanagement materiell fassen?, fragt die Autorin im 7. Kapitel. Als Fallstudie wählt sie das 3. Jahrhundert n. Chr., das einschneidende politische, gesellschaftliche und religiöse Veränderungen einleitete: Soldaten werden Kaiser, die Barbaren kommen, Bewohner flüchten aus ihren Siedlungen und verstecken ihre Schätze. Alternativen fanden sie u. a. in neuen Religionen. Dem etablierten Götterhimmel und dem verordneten Kaiserkult konnte die Gesellschaft nichts mehr abgewinnen. Heilsgötter "zeigten einen möglichen Ausweg aus der Krise an, wenn schon nicht für die Allgemeinheit, so doch für das Individuum." Das achte Kapitel ist der Mobilität gewidmet, wobei schon mit verhältnismäßig primitiven Fortbewegungsmitteln ein hohes Maß erreicht werden konnte. Schon im 8. vorchristlichen Jahrtausend bildete sich die Hochseeschifffahrt heraus, um wertvolle Materialien von den Lagerstätten zu den Verbrauchern zu bringen. Im Zuge der Unterwasserarchäologie werden Schiffswracks verortet und das Ladegut dokumentiert. Dies ermöglicht Rückschlüsse auf Handelsbeziehungen und Produkte. Außer dem Wasserweg - auch auf den Flüssen - war zur Zeit des Römischen Reiches das Straßensystem von Bedeutung. Handel und Militär profitierten gleichermaßen von den gepflasterten Routen und infrastrukturellen Einrichtungen. Hier fehlt auch nicht der Hinweis auf die Webseite http://orbis.stanford.edu "Einfach Ausgangspunkt und Zielort, bevorzugte Reiseart sowie gewünschte Reisegeschwindigkeit eingeben und sofort wird die beste Route berechnet!"

Im abschließenden Kapitel geht es um die letzten Dinge: "Archäologie und der Tod". Lebenserwartung (in der Antike meist 40-50 Jahre), Krankheiten, Bestattungssitten, Jenseitsvorstellungen und Grabraub werden hier behandelt. "Auch Archäologen müssen sich immer bewusst sein, dass sie die Grabruhe stören. Sorgfalt bei der Freilegung von Gräbern sowie ein pietätvoller Umgang mit den sterblichen Überresten sind dringend erforderlich, und auch ein Nachdenken über die eigene Vergänglichkeit schadet nicht."

Man kann der Autorin zu dem Buch nur gratulieren und wünschen, dass es zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2013 erkoren wird.