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Andreas Lehne: Wie kommt der Hirsch aufs Dach?#

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Andreas Lehne: Wie kommt der Hirsch aufs Dach? 60 erstaunliche Entdeckungen in Wien. Metroverlag Wien 2013 224 S. , € 19,90

Der Hirsch auf dem Dach, eine Banane an der Mauer, die dreischiffige Halle unter dem Theseustempel – drei von 60 Wiener Merkwürdigkeiten, die das handliche schwarze Buch mit dem grellroten Einband vorstellt. Der Kunst- und Architekturhistoriker Andreas Lehne hat „erstaunliche Entdeckungen“ gemacht, die er einem überraschten Publikum präsentiert. Und wahrscheinlich ist selbst diese Fülle nur ein kleiner Teil der Materie, die der Autor aus seinem Berufsalltag kennt. Hofrat Dr. Andreas Lehne leitet im Bundesdenkmalamt die Abteilung für Inventarisation und Denkmalforschung.

Eine Stadt entdeckt man am besten als Spaziergänger. So sieht man die vertraute Umgebung mit anderen Augen, schärft den Blick für unbeachtete Details und versteckte Kostbarkeiten. Der Autor schildert sie mit Kompetenz und Humor in 60 Miniaturen, verdeutlicht durch jeweils ein bis zwei Bilder.

Die meisten Objekte - rund ein Viertel - fand er im 1. Bezirk. Jeder kennt die Hofburg, aber war beachtet schon die Bissspuren, die wartende kaiserliche Rösser in der Durchfahrtshalle angebracht haben ? Auch die ehemaligen Vorstädte, die Bezirke 2 bis 9, sind gut vertreten. Das „barocke Window-Shopping“ führt in die Leopoldstadt, wo sich in einem Doppelgiebelhaus neben der Kirche ein „Gwölb“ (Geschäftslokal) befindet, wie es Nestroy gerne zum Ort der Handlung machte. Im Museumsquartier beschreibt das Kapitel „Manege statt Menage“ ein zirkusartiges Backstein-Polygon, das der legendär sportbegeisterten Kaiserin Elisabeth als Arena diente: „Elisabeth lernte, durch Reifen zu springen … Die Kaiserin engagierte Zirkusprinzessinnen…“, die bald zu Vertrauten avancierten. Und die Wiener spotteten, anderswo feiere man Menage, in Wien aber Manege. Der Alsergrund ist (leider nur) durch die Miserowsky’schen Zwillinge vertreten, Zinshäuser in der Porzellangasse 44-46, denen Heimito von Doderer in seinem Werk „Die Strudlhofstiege“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Die Eustachiuskapelle steht ziemlich einsam im Lainzer Tiergarten. Das kleine romanische Gotteshaus ist der letzte Rest der 1529 zerstörten Siedlung Oberhacking. Im 19. Jahrhundert wurde sie zur k.k. Hofjagdkapelle und seither findet alljährlich um den 20. September eine Messe mit Jagdhornmusik vor dem Kirchlein statt. Es ist die älteste der 60 erstaunlichen Sehenswürdigkeiten.

Unzählige kaum beachtete Spuren im Wiener Stadtbild verweisen auf Vergangenes. Doch auch solche, die fast aus der Gegenwart stammen, sind vorhanden. So findet sich das erste bunte Hundertwasser-Fenster seit 1972 an einem Hernalser Gemeindebau. Die Malerei hat man als Mosaik dauerhaft gemacht und sogar die wärmedämmende Verkleidung dafür ausgespart. „Das sich dadurch ergebende unregelmäßige Fassadenrelief hätte Hundertwasser vermutlich gefallen“, meint der Autor. Am Döblinger Krapfenwaldl fand er einen biedermeierlichen Gartenpavillon, der als Buffet des Freibades dient, und in der entstehenden Seestadt Aspern Relikte des einst wichtigsten Flugplatzes Österreichs. Wenig erfreuliche Erinnerungen wecken die Inschriften „LSR“, „NA“ oder „MD“. Die Kürzel für Luftschutzraum, Notausstieg und Mauerdurchbruch aus dem Zweiten Weltkrieg fand man auf vielen Wiener Hausfassaden. In der Schweglerstraße, Wien 15, haben sie sich erhalten. Ob man sie wohl auch einmal konservieren und restaurieren wird, wie die kyrillischen Buchstaben („Häuserblock gesichert“) am Palais Pallavicini auf dem Josefsplatz ?

Dagegen wirken andere Graffitti fast nett: Die Bananen, die der Kölner Konzept- und Performancekünstler Thomas Baumgärtel 1992 in der Schönlaterngasse schablonierte. Die ehemalige Artothek ist damit als einer von 4000 internationalen Kunstorten ausgewiesen. Oder die aus Quadraten zusammengesetzte Figur eines anonymen Taggers, der seine „Invaders“ überall auf der Welt hinterlässt. Im Museumsquartier erwies man ihm die Ehre, eine Brücke mit seinen Designelementen zu gestalten. Ein Tagger hinterlässt im Stadtbild seine Spuren, als Graffitis, schablonierte oder geklebte Bilder, oft mit politischer Botschaft.

Spuren ganz anderer Art trägt das Westportal des Stephansdoms. Der Autor verweist die vermeintlichen mittelalterlichen Brotmaße in das Reich der „Urban Legends“. Die eingetieften Kreise stammen vom Haken eines ehemaligen Gitters. Doch Generationen von Wienern haben die Geschichte vom „mittelalterlichen Normbrot“ im Heimatkundeunterricht gehört. Für viele zählt die Volksschul-Exkursion beim Dom zu den Kindheitserinnerungen. „Gespeicherte Erinnerung“ nennt Hofrat Lehne den abschließenden Essay , in dem er sich mit Begriffen wie Historismus, Denkmalpflege oder „Stadtschmerz“ (den man im 19. Jahrhundert angesichts der Demolierungen formulierte) auseinandersetzt. Er schreibt: „Der ‚antiquarische Mensch’ , der sich durch Pietät motiviert, mit der Stadt und ihrer Vergangenheit identifiziert, ist fast ausgestorben. Der einstige ‚Heimatkundeunterricht’ in den Schulen, der ja durchaus auch im Sinne einer ‚Großstadtheimatkunde’ funktioniert hat, wurde durch die neutrale ‚Sachkunde’ ersetzt. So wird das Wissen um die Stadt und ihre Geschichte kaum mehr tradiert …“ Gerade dieses Wissen bildet aber die Voraussetzung für eine lebendige Beziehung zur eigenen Stadt, und es ist erfreulich, dass Bücher wie das vorliegende das Wiener Wissen so sympathisch tradieren.