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Michael Losse: Das Burgenbuch#

Bild 'Burgen'

Michael Losse: Das Burgenbuch. 160 S. mit 150 s/w-Abbildungen, Theiss-Verlag Stuttgart. 2013. € 14,95

„Burgen, Schlösser und Festungen sind für viele Fans Sehnsuchtsorte und Symbole einer besseren, aufrichtigeren Zeit,“ schreibt Michael Losse in seinem "Burgenbuch". Der Autor, Dozent, Gutachter, Burgen- und Festungsforscher zitiert Beispiele aus der Heavy-Metal und Gothic-Szene, wo die „breiteste und intensivste Burgenrezeption zu beobachten ist.“ Schriftzüge und CD-Covers der Bands verwenden „mittelalterliche“ Versatzstücke, z.B. die Gruppe Haggard für Thales of Ithiria (Haggard, 2008): „Burg Heidenreichstein/Österreich, brennend, davor ein erschlagener Kämpfer“.

Selbstverständlich sollte man wissen, dass Bezüge wie so genannte Ritteressen oder (Pseudo-)Mittelaltermärkte mit historischen Realitäten kaum etwas gemein haben. Zumindest zeigen sie aber die hohe Wertschätzung, welche die landschaftsprägenden Adelsbauten „selbst für unsere Zeit noch beziehungsweise wieder“ genießen. Michael Losse hat eine Reihe einschlägiger Fachpublikationen verfasst. „Mit dem hier vorgelegten Buch, das an interessierte Laien gerichtet ist, wird, basierend auf neuesten Erkenntnissen der wissenschaftlichen Burgenforschung, aber allgemein verständlich, ein realistisches Bild der Entwicklung mittelalterlicher Burgen von den Anfängen bis zur Burgen-Romantik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vermittelt“. Es ist handlich und übersichtlich. Mit seinen historischen Schwarz-weiß-Illustrationen erweckt es eher den Eindruck eines Lexikons und versammelt Beispiele aus ganz Europa. Vertreter Österreichs sind u.a. die Wiener Hofburg im Erscheinungsbild des 13./14. Jahrhunderts als Kastellburg mit flankierenden Türmen, steirische Kirchenkastelle (Feldbach), die Tiroler Burg Bäreneck (Berneck) oder Aggstein in Niederösterreich mit dem charakteristischen Wehrerker. Besonderes Interesse liegt auf den Ordensburgen der Kreuzfahrerzeit, wie in Griechenland, Syrien oder der Türkei, die vielfach zum Vorbild adeliger Bauten in Mitteleuropa wurden.

Systematisch legt der Autor den Fokus auf verschiedene Aspekte. Er beginnt mit dem mittelalterlichen Burgenbau und dem Klischee von der Ritterburg, um dieses anhand der historischen Entwicklung seit der fränkischen und ottonischen Zeit zu widerlegen. Auch Orts- und Stadtbefestigungen und andere Wehrbauten werden erklärt. Das zweite Kapitel konzentriert sich auf Formen und Typen. Hier lernt man topographische, architektornische und funktionale Typen kennen, unter anderem die auf einem künstlichen Hügel errichtete Motte. Von Frankreich ausgehend verbreitete sie sich ab dem 9./10. Jahrhundert und war noch im 13. Jahrhundert gebräuchlich. Die französischen Bezeichnung (La motte) bedeutet wie die mittelhochdeutsche "molt" - Hügel. Und diese wiederum lebt in "Maulwurf" (Moltwarf, der Hügel aufwirft) und "einmotten" weiter.

Im dritten Abschnitt werden die Bauteile - Wehrelemente zwischen Funktionalität und Symbolhaftigkeit - vorgestellt. Hier findet sich vieles Wissenswerte über Erker, Bergfried, Wohnbauten und Kapellen, aber auch über Innengestaltungen, Gärten und Infrastruktur. Dies führt zum Thema "Alltagsleben auf mittelalterlichen Burgen" mit dem Exkurs "Von 'Raubrittern' und Fehden". Das "Raubritterwesen" steht unter Anführungszeichen, denn die neuere Forschung ist mit der Etikettierung dieses vielschichtigen Phänomens vorsichtig. Sie "spricht inzwischen auch von 'Raubfürsten' und 'Raubbürgern', um das Handeln der Ritter am Ende des Mittelalters zu relativieren. Ein wichtiger Aspekt ist der "Kampf um die Burgen", Angriff, Belagerung und Verteidigung. Auch hier gibt es neue, differenzierte Einschätzungen, "wonach Burgen mehr oder weniger wehrhafte Wohnsitze des Adels mit großem Symbolgehalt waren, die meist nie eine Belagerung erlebten. Der ruinöse Zustand vieler Burgen geht nicht auf Kriegszerstörungen zurück: sie verfielen oder wurden in der Neuzeit abgebrochen." Vor dem umfangreichen Registerteil gibt es abschließend ein besonders aktuelles Thema: "Burgen-Romantik und -Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert". Hier schließt sich der Kreis von der preußischen Burgen-Romantik über bürgerliche Burgen (wozu auch etliche der Wiener Cottagebauten zu zählen wären) und "SS-Ordensburgen" bis zu den "Burgen in unserer Zeit". Neben der Musikbranche finden auch viele Private, Firmen und die Tourismusindustrie ("Bettenburgen") Gefallen am zeichenhaften Charakter des seit mehr als einem Jahrtausend bestehenden Bautypus.