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Nadja Miczek: Biographie, Ritual und Medien#

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Nadja Miczek: Biographie, Ritual und Medien. Zu den diskursiven Konstruktionen gegenwärtiger Religiosität. Transcript Verlag Bielefeld 2013. 414 S., 33,80 €

Seit mehr als einem Jahrzehnt beobachten Forscher/innen der Universität Heidelberg die alternative Religiosität. Nadja Miczek, Oberassistentin am religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern, hat 2009 über den Aspekt "Identitäten - Rituale - Medien" dissertiert. Seither hat sich auf ihrem "vielfältigen, komplexen und interessanten Forschungsfeld" viel getan. Mit dem vorliegenden, mehr als 400-seitigen Band trägt die Autorin aktuellen Entwicklungen und Studien Rechnung. Sie beginnt mit einem Theorieteil, der fast ein Viertel des Textes ausmacht.

Nadja Miczek hat 237 deutschsprachige Webseiten zu "Themen aus dem Diskurs gegenwärtiger Religiosität mit einem Fokus auf esoterische und christliche Elemente" analysiert. Mit zwölf Anbietern führte sie persönliche Gespräche. Von den zu einem Interview bereiten "Mittelfeldakteuren" leben zehn in Deutschland und zwei in Österreich, es sind elf Frauen und ein Mann. Um dessen Anonymität zu gewährleisten, wurde für alle die weibliche Sprach- und Darstellungsform verwendet. Dies erscheint gewöhnungsbedürftig, kommt aber der Realität nahe. In wörtlich wiedergegebenen Interviewpassagen und in Zusammenfassungen lernt man die Gedankenwelt der "spirituellen Wanderer" kennen. Drei Grundmerkmale zeichnen sie aus: Die Offenheit gegenüber verschiedenen religiösen Traditionen, der Anspruch auf die Deutungshoheit des eigenen religiösen Weges und die Trennung von kirchen-christlichen Gottesbildern. Gott wird als "Energie" oder "Schwingung" gedacht.

Als Einstieg zeichnet die Autorin den Idealtypus einer von Erlebnisreligion geprägten Person: Luise, 50-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder aus Süddeutschland. In einem Dorf aufgewachsen, wurde sie christlich sozialisiert. Kaum praktizierend, beschäftigt sie sich in den letzten Jahren mit anderen Weltreligionen und "Publikationen, die in der Buchhandlung unter der Rubrik 'Esoterik/Spiritualität', 'Neues Denken' oder 'Psi und Phänomene' sortiert sind." In jüngster Zeit entdeckt sie ihre Affinität zu Engeln und spirituellen Heilmethoden (Reiki). Den Austausch mit Gleichgesinnten pflegt sie in Internetforen und auf der eigenen Homepage. Ihre religiöse Karriere versteht sie als Entwicklungsweg, in dessen Verlauf sich die Bewertungen verändern können. Religionssoziologen nennen solche Vertreter/innen der "unsichtbaren Religion" auch Existenzbastler oder Patchworker. Die Bezeichnung Esoterik/New Age wird zunehmend abgelehnt, auch von vielen Anhängern selbst, da sie die Kommerzialisierung (durch andere) kritisieren.

Miczek referiert "emische" (aus der Sicht der Insider, will nicht neutral sein) und "etische" (aus der Sicht des Beobachters, will möglichst neutral sein) Blickwinkel. Sie bewahrt Wertschätzung und freundliche Distanz, wenn es um Antworten auf ihre Kernfrage geht: "Warum gestalten Akteure gegenwärtig ihre Religiosität genau so und nicht anders?" Für die Identitätskonstruktion der Akteure erwies sich die Analyse von deren Lebensgeschichten als ergiebig. Häufig spielen "eine besondere Kindheit" oder Schlüsselerlebnisse auf dem spirituellen Weg eine Rolle. Während in der traditionellen Theologie Dogmen und unumstößliche Wahrheiten bestimmend sind, ist die gegenwärtige Religiosität von Rezeptions- und Aushandlungsprozessen geprägt. Alles fließt und ändert sich ständig. Aus einem diskursiven Ressourcenpool wählt man subjektiv die gerade passenden Elemente aus. Konzepte und Rituale werden ihrer kirchlichen Deutungshorizonte entkleidet und den individuellen Bedürfnissen angeglichen. Man grenzt sich von der Kirche ab und steht im Diskurs mit Menschen, die ähnlich denken. Dabei spielt das Internet eine wesentliche Rolle.

Auch Rituale erweisen sich keineswegs als feststehend, sondern als "Kompositionsprozesse religiöser Praxis". Dabei "treten besonders deutlich kreative und innovative Momente hervor, zudem zeichnet sich eine stetige Ausdifferenzierung des Ritualangebots im Diskurs gegenwärtiger Religiosität ab. … Das derzeit bereits große Spektrum der Ritualangebote wird sich potentiell zukünftig noch ausweiten." Es gibt eine Unzahl gedruckter und digitaler Anleitungen zur Ritualgestaltung. Dabei kommt es zu Adaptionen und Adoptionen von Ritualen. Die Akteure vollziehen sie für sich und treten als Anbieter oder Kursleiter auf. Auch dieser Austausch wäre ohne moderne Kommunikationsmedien schwierig.

"Die Nutzung verschiedenster Medienformate ist für Akteure gegenwärtiger Religiosität heute selbstverständlich. Ob Bücher, TV und Film oder das Internet - die Bandbreite moderner medialer Kanäle wird sowohl als Informationsquelle, wie auch als Kommunikations- und Darstellungsort genutzt. … In diskurstheoretischer Perspektive lassen sich Medien als Produktions- und Aushandlungsräume für Diskurse begreifen, in denen Akteure fortlaufend um Machtverhältnisse und Wahrheitskonstruktionen ringen. …Es scheint, als gäbe es kein Thema gegenwärtiger Religiosität, zu dem es kein Buch gibt. Eine erfolgreiche Positionierung gelingt dabei nur wenigen." Während sich einige Bestsellerautoren die Buchmarkt teilen und zu zitierbaren "Galionsfiguren" werden, nützen die "Mittelfeldakteure" die Vorteile von Book on demand und Internet. Unter den Akteuren herrschen Wettbewerb und Konkurrenzdruck. So entstehen z.B. zahlreiche Reiki-Subsysteme, wobei die intensive Bindung der Klienten durch ein abgestuftes Ausbildungssystem erreicht wird. Doch irgendwann werden Klienten zu Konkurrenten.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit gegenwärtiger Religiosität bestätigt die alltägliche Beobachtung. Wenn auch die Bindung an kirchliche Institutionen nachlässt, findet doch keine "nicht aufhaltbare Säkularisierung" statt. Religion/Spiritualität wird privat, vielfältig, unsichtbar und unüberschaubar. Die Analyse von Nadja Miczek bringt neue Einsichten in das komplexe Forschungsfeld. Ein faszinierendes Thema, nicht nur für Leser, die beruflich mit Religion zu tun haben.