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Clemens Ottawa: Die steinernen Zeugen der Erinnerung#

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Clemens Ottawa: Die steinernen Zeugen der Erinnerung. Denkmale und Mahnmale in Wien Verlag Kremayr & Scheriau Wien 2013. 224 S., € 21,90

"Saxa loquuntur" - die Steine sprechen, im Original, dem Lukasevangelium schreien sie sogar. Beides gilt auch für die 1000 "steinernen Zeugen der Erinnerung", die der Germanist und Journalist Clemens Ottawa in diesem Buch vorstellt. Der Autor ist der Enkel des bekannten Feuilletonisten und "Wiener Spaziergängers" Theodor Ottawa (1909-1972). Dem Titel entsprechend, werden zwei Arten von Zeugen behandelt, man könnte sie "sprechende" Denkmäler und "schreiende" Mahnmale nennen. Denkmäler, wie sie vor allem im 19. Jahrhundert entstanden, sollten der Ehre und Verherrlichtung großer Söhne dienen, für Töchter gab es sie kaum. Die Mahnmale erinnern hingegen an schreckliche Zeiten, insbesondere im 20. Jahrhundert. Im Sinne der Zeitgeschichtsschreibung fokussiert der Autor sein Interesse darauf. Es ist gut und wichtig, diese Zeugen möglichst vollständig aufgelistet zu finden.

Aber, was ist schon vollständig ? Beispielsweise kommen von den rund 40 Monumenten im Bezirk Alsergrund nur 25 vor. Wo fängt man an und wo hört man auf ? 1000 Denkmäler klingt viel, dividiert durch 23 Bezirke und angesichts der Fülle an Büsten, die sich allein in den Universitätsarkaden befinden, relativiert sich die Zahl. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Abgrenzung: Zählt die Rathausmannkopie im Rathauspark als Denkmal ? Wie kommt der Stock im Eisen - "ein Fichtenstämmchen aus dem Wiener Wald" - in die Liste? Was verschafft dem griechischen Gott Apollo auf dem Burgtheater die Ehre der Aufnahme in das Buch, und anderen Fassadenplastiken nicht ? Wie geht man mit Zierbrunnen um ? Im Währinger Park, dem 1783 bis 1923 bestandenen Allgemeinen Währinger Friedhof, gibt es einen "Gräberhain-Erläuterungsstein", dazu 58 Grabsteine. Sie werden nur auszugsweise erwähnt. Hingegen sind alle mit Sternen an der Musik-Meile Wien bedachten Künstler angeführt. Wie fast überall fehlen die Errichtungsjahre (Hier: ab 2001).

Für einen Überblick und als Begleiter auf Spaziergängen ist das Buch dennoch hilfreich. Besonders bemerkenswert ist die Aktualität. Denkmäler sind Spiegel des Zeitgeists, nicht nur wegen der Gestaltung, sondern auch, was den Anlass der Errichtung betrifft: Seit 2000 steht "die Wächterin" als Protest gegen die damalige schwarz-blaue Regierungskoalition vor dem Burgtheater. Die selbe Bildhauerin, Ulrike Truger, die mehrere gesellschaftspolitische Projekte künstlerisch umsetzte, schuf den Omofuma-Stein. (Der nigerianische Asylbewerber Marcus Omofuma starb 1999, nachdem ihn Exekutivbeamte "ruhiggestellt" hatten.)

Das Buch enthält Fotos und mehrere Register der Persönlichkeiten und Künstler. Die Gliederung erfolgt bezirksweise und innerhalb der Kapitel alphabetisch. Angaben zur Biographie des Geehrten, Geschichte des Denkmals, Standort und Bildhauer sind kurz zusammengefasst. Dabei finden sich wertende Charakterisierungen. Das beginnt gleich bei Abraham a Sancta Clara, "dessen Reden mit Witz und Spott, aber auch mit Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus gefärbt waren." Bürgermeister Lueger lernt man als "von Kaiser Franz Joseph mäßig geschätzt" und mit seinem Ausspruch "Wer a Jud' ist, bestimm' ich!" kennen. Erstaunliches liest man über Erzherzog Johann, der ein halbes Jahrhundert hindurch als Förderer und Modernisierer von Industrie, Landwirtschaft und Eisenbahnwesen sowie im Kultur- und Bildungsbereich Großes leistete. Er soll "wegen des 'Erzherzog-Johann-Walzers', den Johann Strauß Sohn schrieb, bekannt" sein. Dieser Titel findet sich in keinem Werkverzeichnis.

Ein Hauptanliegen von Clemens Ottawa war, den wenig beachteten Monumenten Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, damit sie im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. Auch verblasste Gedenkstätten am Rande der Stadt sollten gewürdigt werden. Dazu zählt das Denkmal für die 19-jährige Hausgehilfin Margarete Manhardt auf dem Max-Winter-Platz. Die "Heldin Wiens" konnte 1925 bei einem Verkehrsunfall die beiden ihr anvertrauten Kinder gerade noch retten, ehe sie selbst überfahren wurde. Auch das Mahnmal für die Opfer des HI-Virus im Prater werden nicht viele kennen. Trotz aller Kritik darf man dem Autor dankbar sein, dass er mit viel Engagement eine nahezu unlösbare Aufgabe in Angriff genommen hat und nicht daran gescheitert ist.