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Rotraud A. Perner: Die reuelose Gesellschaft#

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Rotraud A. Perner: Die reuelose Gesellschaft. Residenzverlag St. Pölten, Salzburg, Wien 2013. 200 S., € 23,50

Die Autorin ist (unter anderem) Juristin, war Kommunalpolitikerin, hat als Psychotherapeutin Leben gerettet, als Analytikerin eigene Methoden entwickelt, lehrt, forscht, studiert evangelische Theologie und bereitet sich auf das Pfarrer-Amt vor. Ein überaus reicher Erfahrungs- und Wissensschatz ist in ihre bisher fast 50 Bücher eingeflossen. Im jüngsten analysiert sie die Ursachen der aktuellen "reuelosen" und beschreibt Wege zu einer besseren, humaneren Gesellschaft. Da die Gesellschaft vernetzt, komplex und kompliziert ist, ist das Buch keine leichte Kost. Man sollte sich aber unbedingt Zeit für die Lektüre nehmen, um Zusammenhänge besser durchschauen zu lernen und zu einer "Kultur der Wahrhaftigkeit" beitragen zu können.

Vor fast 20 Jahren entlarvte sie in "Management macht impotent", die vermeintlichen Tugenden von Führungspersonen als die sieben Todsünden. Im vorliegenden Band verknüpft die Autorin die Hauptsünden mit frühkindlichen Entwicklungsphasen und den sieben großen psychiatrischen Erkrankungen. Jede davon "trägt spezifische Kennzeichen der Lüge" - sich selbst und anderen gegenüber.

Schon Papst Gregor der Große (540–604) hatte vom "Gift" der Sünden gesprochen. Rotraud A. Perner vergleicht die Lügen mit Vergiftungszuständen, gegen die "Entzug" hilft. Sie zitiert Paracelsus - "Die Dosis macht das Gift" - und meint, jeder müsse herausfinden, wie viel Stress er sich ohne Schädigung zumuten könne. "Seine wahren Motive verbergen und Lügen aufrecht erhalten zu müssen, ist auch Stress," ebenso wie die Tatsache, "dass wir in einer reuelosen Gesellschaft leben, die Täuschungen und Lügen für zweckmäßig und nicht einmal einer Entschuldigung für nötig hält und der es egal ist, wenn dadurch die Fähigkeit zur Wahr-Nehmung von Gesundheitsschäden verloren geht."

"Gier" beschreibt Perner als "aktiv fordernd", und als "Lüge hinter der Gier", dass man verleugnet, Entgiftung "von dem, was sich angesammelt hat und nicht mehr lebensnotwendig ist", zu benötigen. Vielleicht kann es jemand anderer brauchen.

Unter Trägheit - "passiv abwehrend" - können sich depressive Phänomene, Ängste, Negativerfahrungen, hypersensible Begabungen oder unterdrückte Wut verbergen. Ein Weg zur Entgiftung wäre "Das eigene Verhalten kritisch anzuschauen… ebenso wie dorthin zu schauen, wo etwas geschieht, das man nicht in Ordnung findet, und sich dann aktiv in Beziehung zu setzen." Zorn ist "aktiv verletzend". "Aggressives, verletzendes Verhalten wird oft mit der Schutzbehauptung 'Das war doch nur ein Spaß' verharmlost. Wer dann nicht kontert, 'Ich finde das aber nicht witzig' macht sich zum Kollaborateur einer Spaßgesellschaft, die nichts mehr ernst nimmt." Als Entgiftungsmethode schlägt die Psychotherapeutin Entschleunigung vor, denn im Zorn kann man nicht vernünftig denken. Ein langsamerer Atemrhythmus verhilft wieder dazu.

Geiz - "passiv zurückhaltend" - hat mit dem kaufmännischen Denken zu tun, das sich auf die Optimierung von Umsatz und Gewinn richtet. "Die psychologische Kaufwerbung zielt auf Gier, Geiz, Hochmut und Neid der Konsumenten." Doch gibt es auch Gefühlsgeiz, er "verkörpert sich im gesamten Zugang zu menschlichen wie anderen Umwelten." Das Gegengift heißt "Herzoffenheit". Hochmut - "aktiv belästigend" - ist das Gegenteil von Demut. Das heißt aber nicht, dass man sich selbst demütigen, demütigen lassen oder in gespielt demütiger Handlung auf alle Freuden des Lebens verzichten soll. Die Empfehlung lautet vielmehr, sich zu akzeptieren und diese Wahrheit mit der "hergezeigten Wahrheit" der Selbstpräsentation in Einklang zu bringen.

Unkeuschheit - "die echte Beziehung zu einer Person, die einem wichtig ist, aktiv vermeidend -" ist die vorletzte in der Reihe der Seelenvergiftungen. Das Kapitel über die diesbezüglichen Lügen beginnt mit dem positiven Gegenpol. "Das Wort Keuschheit kommt vom lateinischen 'conscius' und das bedeutet 'bewusst'. … Keuschheit sehe ich als die Fähigkeit, diese beiden entgegengesetzten Gefühle - Wagemut, und in der Extremform rücksichtsloses Draufgängertum, einerseits und Scheu, in der Extremform Verklemmtheit, andererseits - in Balance zu halten…"

Neid - "aktiv wegdrängend bis vernichtend" - gilt als verächtliche Gesinnung. Die Autorin sieht das nicht so: "Für mich ist Neid ein Hinweissignal, das aufmerksam machen will, dass jemand etwas hat oder darf oder kann, was einem selbst fehlt." Diese Mängel gelte es zu erkennen.

1930 erschien "Das Unbehagen in der Kultur", Sigmund Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung. Rotraud A. Perner antwortet mit dem Kapitel "Das Behagen in der Unkultur". Im vorletzten Kapitel, "Die reinigende Kraft der Reue" geht es um Werte wie Ehre, Würde und Treue - "Willkür, Geschäftstüchtigkeit, Wortgewalt und Achtlosigkeit sind keine Werte". Schließlich gibt die erfahrene Therapeutin unter dem Titel "Seelenreinigung konkret" Anregungen zum Gegensteuern.