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Birgit Peter, Robert Kaldy-Karo (Hg.): Artistenleben auf vergessenen Wegen #

Bild 'Artisten'

Birgit Peter, Robert Kaldy-Karo (Hg.): Artistenleben auf vergessenen Wegen. Eine Spurensuche in Wien. LIT-Verlag Wien 2013. 272 S., € 20,50

Schon das Umschlagbild spricht Bände: Eine alte Ansicht des Pratersterns mit der Rotunde im Hintergrund. An der Spitze des Tegetthoff-Denkmals hat die Grafikerin ein Seil eingezeichnet, auf dem die Silhouette eines Äquilibristen balanciert.

Eine Gruppe junger ForscherInnen hat sich auf die Spurensuche nach vergessenen Artisten gemacht. Fündig wurden sie vor allem im Circus- und Clown-Museum Wien. Die 1935 vom Journalisten Heino Seitler - als Clown nannte er sich Henry Schaunard - gegründete Sammlung war seit 1964 im Zusammenhang mit dem Bezirksmuseum Leopoldstadt zu sehen. Am heurigen Weltcircustag wurde das Museum der Unterhaltungskunst am neuen Standort in Praternähe (Wien 2, Ilgplatz 7) wieder eröffnet. Hier findet auch die Ausstellung statt, der die Publikation gewidmet ist. Sie enthät eine Fülle neuer und wissenswerter Details, ist aber teilweise schwer lesbar. Die Gründe dafür liegen in den sprachlichen Strategien des Gendermainstreaming: Artistinnen und Artisten, Einwanderinnen und Einwanderer, Zuschauerinnen und Zuschauer, Weltausstellungstouristinnen und -touristen, Dresseurinnen und Dresseure, Tierlehrerinnen und Tierlehrer, Tierschützerinnen und Tierschützer, Zirkusdirektorinnen und Direktoren…

Wien war im 19. Jahrhundert eine Vergnügungsmetropole im Rang von London oder Paris - und die Praterstraße ihr Zentrum. Begonnen hatte alles mit der "Allgemeinen Spektakelfreiheit" anno 1776, die es jedermann erlaubte, in und vor der Stadt das Publikum zu unterhalten. Genau ein Jahrzehnt davor hatte Joseph II. den Prater, bisher ein exklusives kaiserliches Jagdgebiet, zur allgemeinen Benutzung freigegeben. Anfang des 19. Jahrhunderts eröffnete dort der deutsche Kunstreiter Christoph de Bach das erste Zirkusgebäude der Stadt. Nach einer Generation standen in den Praterbetrieben 20.000 Plätze für Schauvergnügen zur Verfügung. 1873 war der 6 km² große, stadtnahe Areal Schauplatz der Wiener Weltausstellung.

Im ersten Beitrag gibt Gertrude Stipschitz einen Überblick über die sozialen und kulturellen Verhältnisse im Wien des 19. Jahrhunderts. Johannes A. Löcker zeichnet Kurzportraits der Vergnügungsstätten auf der Praterstraße und ihres Repertoires. Alexandra Heim, Nachfahrin eines Artisten-Geschwisterpaares, konzentriert sich auf die Menschen in den Artistencafés. Im Mittelpunkt stehen Adele und Franz Moraw, "das Tanzpaar von Weltruf", wobei Franz auch im Vorstand der Internationalen Artistenorganisation tätig war und so einiges für die Angehörigen seines Berufsstandes verbessern konnte.

Manuela Rath beschäftigt sich mit den (verschwundenen) Zirkusbauten, Mira Horvath mit den reisenden Großzirkussen, wie Circus Krone, Gleich und Kludsky. Ihre Darbietungen standen oft im Zeichen der Exotik, dem speziellen Thema von Caroline Herfert: "Wenn man das Gebäude betritt, ist man in Ägypten!".

Der nächste Beitragsblock beginnt mit Affentheater und Hundekomödien, populären Unterhaltungsformen im Wien des 19. Jahrhunderts. Johann Nestroy schrieb 1836 die Posse "Der Affe und der Bräutigam", die fast hundertmal aufgeführt wurde. Verkleidete Affen, die auf Hunden ritten und ähnliche Kunststücke konnte man damals im "Wiener großen Affentheater" von Benoit Advinent bewundern. Schade nur, dass der Beitrag nicht auch auf dessen reisende Menagerie eingeht, die - glaubt man den Ankündigungen - eine europäische Sensation gewesen sein muss. Vielleicht einmal ein eigenes Thema für David Krych, der seinem Artikel ein zeitgenössisches Zitat als Titel gab: "Auch uns ist ein gut dressirter Affe lieber als ein schlecht dressirter Komödiant." Kritisch betrachten Annika Rohde "Dressur und Schaustellung von Tieren" sowie Corinna Bolek "Zirkus und Tierhaltung".

Im letzten Block stellt der Museumsleiter und Herausgeber des Sammelbandes, Robert Kaldy-Karo, das Schicksal von "Miss Julia Pastrana" dar. Die 1832 geborene Mexikanerin litt an Hypertrichosis. Die junge Frau war durch einen üppigen schwarzen Bart entstellt und wurde als "hässlichste Frau der Welt" in Freakshows begafft. Ihr Entdecker, ein amerikanischer Schausteller, ließ sie mit folkloristischen Tänzen und Gesängen auftreten. Das gemeinsame Kind wurde nur einige Tage alt, die Mutter starb wenig später (1860). Der Witwer ließ beide präparieren, zog mit den zur Schau gestellten Leichen von Ort zu Ort und verkaufte sie 1884 einem Praterunternehmer. Erst 2013 (!) wurde Julia Pastrana würdig begraben. Im Folgenden beschäftigen sich Christine Pasch und Laurette Birgholzer mit dem Zur-Schau-Stellen menschlicher Körper(teile). Abschließend lernt man Sigmund Breitbart, den "Eisenkönig zwischen Zionismus und Muskelkraft" kennen.

Häufig ist zu beobachten, dass die Einen den Zirkus als faszinierende Zauberwelt sehen und begeistert sind, während ihn andere als fremde (Sub-)Kultur ablehnen. Auch das Buch zeichnet eine widersprüchliche Geschichte, "die geprägt ist von Glanz, Erfolg und hohem gesellschaftlichen Ansehen, ebenso wie von Elend, Armut, sozialer Tristesse und Marginalisierung."