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Reinhold Popp, Ulrich Reinhardt: Zukunft des Alltags#

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Reinhold Popp, Ulrich Reinhardt: Zukunft des Alltags. Lit-Verlag Wien - Berlin 2013. Reihe: Austria: Forschung und Wissenschaft - Soziologie, Bd. 12. 248 S., € 19.90

Wie wird der Alltag in Österreich und Deutschland in Zukunft aussehen? Anders, als einige Trend-Gurus prophezeien, meinen Reinhold Popp und Ulrich Reinhardt. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Popp leitet das Zentrum für Zukunftsstudien in Salzburg, FH-Prof. Dr. Ulrich Reinhardt ist wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg.

Sie haben in beiden Ländern zwischen Juli 2012 und September 2013 repräsentative Befragungen durchgeführt, die sie in diesem informativen und ansprechend gestalteten Buch vorlegen. Ist schon die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bemerkenswert, so freut man sich auch über die gelungene Synthese von theoriegeleiteter Analyse und journalistischem Sprachstil. Diese Kombination ist auch bei den Lesern der "Salzburger Nachrichten" gut angekommen, wo die Autoren zuerst in wöchentlich erscheinenden Kolumnen veröffentlicht haben. Besonders interessant sind die systematischen Einführungen zu den vier Themenfeldern "Zukunftsbilder und Zukunftsbildung", "Beruf und Lebensstandard", "Freizeit und Lebensqualität" sowie "Generationen und Sozialer Zusammenhalt".

Das erste Kapitel zeigt zunächst "Zukunftsbilder", Methoden, mit denen versucht wird, die Zukunft zu ergründen, von Orakel- und Prophetensprüchen der Antike bis zur modernen Zukunftswissenschaft. Seit 1943 ist von wissenschaftlicher Futurologie die Rede. Sie "blieb allerdings bis heute eine Utopie". Wie Beispiele aus den 1960er Jahren zeigen, hat sich vieles ganz anders entwickelt als erwartet. Weder gibt es seit 1990 Forschungsstationen auf erdnahen Planeten, noch seit 2000 Autobahnen für automatisches Fahren. Hingegen war weder vom Zusammenbruch der kommunistischen Planwirtschaft noch von der westlichen Finanzkrise die Rede. Auch kommt die Zukunftsforschung im Rahmen der Hochschulen selten vor. Gewinnorientierte Beraterfirmen füllen die akademische Lücke. Im zweiten Teil, "Zukunftsbildung" geht es um Erziehungs- und Bildungsangebote. Stichworte: Lebenslanges Lernen, Edutainment, informelle Bildung, Kreativität. Der Analyse folgen, wie in jedem Kapitel, grafisch aufbereitete Umfrageergebnisse aus Österreich und Deutschland. In beiden Ländern stellt man den Schulen kein gutes Zeugnis aus, nur 29 % der Befragten in Österreich und 26 % in Deutschland meinen, "dass unser Bildungssystem die Menschen gut auf die Zukunft vorbereitet".

Im zweiten Kapitel geht es u. a. um Beruf und Lebensstandard, Geld und Glück, Arm und Reich, Erwerbsarbeit und Familie, den Mythos vom globalisierten Arbeitsmarkt oder die Zukunftsangst der Mittelschicht. "Wird Lebensqualität zukünftig wichtiger als Lebensstandard? In dieser Frage gibt es große Unterschiede zwischen den Zukunftsbildern der ÖsterreicherInnen und der Deutschen. In Österreich gelten offensichtlich für die Mehrheit der Menschen auch zukünftig Kaufkraft und Lebensstandard als unverzichtbare ökonomische Basis einer guten Qualität des Lebens. … In der deutschen Zukunftsperspektive besteht dagegen kein nennenswerter Zusammenhang zwischen Geld und Glück."

Das dritte Kapitel ist der Thematik "Freizeit und Lebensqualität" gewidmet. Abgefragt wurden u. a. Wünsche an das zukünftige Freizeitleben, Wohnwelten, Leben in der Stadt, Erlebniskonsum, Kaufsucht, Kultur, Sport, Tourismus, Ehrenamt und Medien. "Die kulturellen Interessen sind in Österreich und Deutschland sehr ähnlich. Besonders beliebt ist Kultur in Verbindung mit Unterhaltung und Geselligkeit. " In beiden Ländern liegen der Besuch eines Kinos (je 43 %) oder Stadtfestes (39% bzw. 37 %) noch vor den Sportveranstaltungen (33% bzw. 30%). Am wenigsten gefragt sind Opern, klassische Konzerte und Ballettabende. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Interessensprofil kaum geändert und so wird es wohl auch bleiben, meinen die Autoren, doch: "Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation kann, muss, soll, darf und will Kultur auch zukünftig vieles nebeneinander, miteinander und gegeneinander sein."

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenleben unterschiedlicher Alters- und Bevölkerungsgruppen. Unter dem Titel "Sozialer Zusammenhalt" werden die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zukünftiger Lebensqualität beleuchtet. Die Fragen bezogen sich u. a. auf zukünftige Aufgaben des Staates, Nationalstolz und Europagefühl. 58 % in Österreich und 64 % in Deutschland bejahen die Aussage "Ich bin froh, in meinem Heimatland zu leben". Weit weniger stimmten bei "Ich bin stolz auf mein Heimatland" zu (48 % bzw. 29 %). Und ein noch geringerer Prozentsatz der Gesamtbevölkerung fühlt sich als Europäer (je 37 %).

Schließlich eine subjektive Bemerkung der Rezensentin: Die folgende Passage gehört in Gold gerahmt und überall vervielfältigt: "Im Kontext demografischer Diskurse werden sehr häufig zwei ideologieverdächtige Begriffe verwendet, nämlich Überbevölkerung und Überalterung. Wer diese Begriffe verwendet, ist offensichtlich der Meinung, dass hinsichtlich der Anzahl der Menschen auf unserem Globus bzw. im Hinblick auf die Lebenserwartung einzelner Menschen eine anscheinend naturgegebene Grenze überschritten wird. Erstaunlicherweise existiert das Wort Überjüngung nicht. In Anbetracht der relativ großen Harmonie zwischen den Altersgruppen sollten wir jedenfalls den Kampfbegriff Überalterung aus unserem Sprachgebrauch streichen."