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Andreas Redtenbacher: Wo sich Wege kreuzen#

Bild 'Klosterneuburg'

Andreas Redtenbacher: Wo sich Wege kreuzen. 900 Jahre Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg. Verlag Herder Freiburg, Basel, Wien 2013. 98 S., € 19,99

2014 feiert das Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg sein 900 Jahr-Jubiläum. Das erste Buch zum Thema legt Andreas Redtenbacher CanReg zeitgerecht vor - am 15. November 2013, dem Tag des Landespatrons Leopold III. ((1075-1136). Der 1485 heilig gesprochene Babenberger berief anno 1133 die Augustiner Chorherren nach Klosterneuburg. Die Stiftskirche war damals seit zwei Jahrzehnten im Bau (1114), 1136 weihte sie der Salzburger Erzbischof, assistiert von seinen Bischofskollegen aus Salzburg und Gurk.

"Wo sich Wege kreuzen" nannte Andreas Redtenbacher schon den Vorgänger dieses Buches. Es ist großzügig gestaltet, jeweils eine Doppelseite stimmt - fast schon meditativ - auf die sechs Kapitel ein. Den Ausklang bilden Darstellungen aus dem Verduner Altar (1181) und Worte des Bischofs Augustinus von Hippo (354-430), auf dessen Ideen der Orden zurückgeht.

"Wege der Geschichte und Wege der Gegenwart" erzählt in Bildern, Texten und Zitaten, vom "milden Markgraf", dem weltberühmten Verduner Altar und dunklen Stunden der Stiftsgeschichte (1938-1945). "Wege der Gemeinschaft und Wege des Dienstes" stellt die Augustiner Chorherren und ihre Stifte vor: Herzogenburg, Klosterneuburg, Neustift Reichersberg, St. Florian, Vorau. Auf dem Gebiet des heutigen Österreich gab es früher noch 24 weitere. Man gewinnt Einblick in die Struktur des Ordens, als dessen weltweit oberster Repräsentant der Abtprimas fungiert. Seit 2010 übt Bernhard Backovsky (seit 1995 Propst in Klosterneuburg) dieses Amt aus. Schon sein Vorgänger Gebhard Koberger (mit 42 Dienstjahren der längst regierende Vorsteher des Hauses) war zum Abtprimas gewählt worden.

Die dritte Kreuzung betrifft die Wege Gottes und der Menschen, konkret die Pfarrseelsorge. Die Chorherren betreuen 28 Pfarren in Wien, Niederösterreich, Norwegen und den USA. Die Angebotsvielfalt der Gemeinden reicht von A wie Akademikerseelsorge bis W wie Wallfahrten. "Wege der Kirche und Wege der Welt" zeigt, dass sich diese keineswegs ausschließen. Die Stiftsbetriebe sind gut organisiert, beschäftigen 200 Mitarbeiter und widmen ein Zehntel des Gewinns Sozialprojekten. Die vier Geschäftsfelder umfassen Landwirtschaft, Immobilien, Kultur und Tourismus, Betrieb und Erhaltung. Das Weingut bearbeitet 108 Hektar in vier Weinbaugebieten, der Forst 8100 Hektar in zehn Revieren, die Biolandwirtschaft 240 Hektar. Zur Liegenschaftsverwaltung zählen 4500 Pächter und 72 Häuser mit 700 Mietern. Kultur/Tourismus bringt jährlich 100.000 Besucher.

"Wege der Berufung und Wege der Bereitschaft" beschreibt die Ausbildung zum priesterlichen Dienst als Chorherr. Der letzte Abschnitt ist "Wege in die Tiefe und Wege in die Weite" übertitelt. Hier präsentiert sich das Stift als Wissenschaftsstandort. Sein Archiv ist eine unerschöpfliche Quelle der Forschung. Die Bibliothek mit wertvollen Handschriften und Inkunabeln gilt als größte Privatbibliothek Österreichs. Seit 1786 gab es rund zwei Jahrhunderte eine eigene philosophisch-theologische Ordenshochschule. Pius Parsch (1884-1954) lehrte nicht nur an dieser, sein großes Anliegen war es, Bibel und Liturgie für die Laien zu erschließen. Der lateinisch-tridentinische Gottesdienstritus blieb den einfachen Gläubigen unverständlich, und nur wenige lasen die Bibel. Parsch sorgte mit seinem "Volksliturgischen Apostolat" für religiöse Bildung auf breitester Basis. Seine Kleinschriften wurden in Millionenauflagen gedruckt, theologische Standardwerke wie "Volksliturgie, ihr Sinn und Umfang" in 17 Sprachen übersetzt. Schon eine Generation vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil erprobte der Chorherr mit seiner Gemeinde in der romanischen Gertrudskirche die Betsingmesse mit aktiver Beteiligung der Gläubigen. Der Katholikentag 1933 brachte der erneuerten Form den internationalen Durchbruch. Kardinal Theodor Innitzer führte sie in der Folge in seiner Erzdiözese Wien ein. 1963 griff das Zweite Vatikanum mit überwältigender Mehrheit das neue Liturgieverständnis auf. Sichtbares Zeichen sind die frei stehenden Altäre, wo der Priester - wie einst Pius Parsch - zu den Gläubigen gewendet, und nicht mit dem Rücken zu ihnen, zelebriert.

2014 feiert Stift Klosterneuburg nicht nur sein 900-jähriges Bestehen, sondern auch die 60. Wiederkehr des Todestages von Pius Parsch. Direktor des nach ihm benannten Institutes für Liturgiewissenschaft ist der Autor des vorliegenden Bandes, der äußerst rührige und international wissenschaftlich tätige Andreas Redtenbacher. Der Theologe schließt sein Jubiläumsbuch mit einem Interviewausschnitt, in dem er betont: "Im Gottesdienst wird Gott unter Zeichen und Wort unter uns gegenwärtig. Hier berühren sich in der Tat Himmel und Erde." Den Abschluss dieses schönen Bandes bildet eine Ansicht des angestrahlen renovierten Stiftes - 2014 werden die umfangreichen Restaurierungsarbeiten abgeschlossen - Es erhebt sich wie ein doppelter Leuchtturm vor der Kulisse der nächtlichen Stadt. Als Besonderheit ist der gedruckten Publikation eine DVD beigegeben. Sie dient zugleich als Lehrprogramm und enthält umfangreiches Material zur 900-jährigen Geschichte des österreichischen "Kaiserstifts".