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Gerhard Ruthammer: Öldorado Weinviertel#

Bild 'Ruthammer'

Gerhard Ruthammer: Öldorado Weinviertel Zur Geschichte des Erdöls im Weinviertel. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach 2013. 124 S. mit zahlreichen Fotos. € 19,90

Wer in den patriotischen 1950er Jahren die Volksschule besucht hat, erinnert sich an drei Ortsnamen: "Matzen, Zistersdorf und Auersthal". Sie wurden als österreichische Erdölvorkommen stolz im Heimatkundeheft vermerkt. Damals erreichte die Jahresproduktion Spitzen über 3,500.000 Tonnen.

Eine Generation zuvor hatte man das "Öldorado" im Weinviertel entdeckt. Der euphorische Vergleich mit dem sagenhaften Goldland Eldorado lag nahe. Jetzt ist das Wortspiel zum Titel eines Buches geworden. Sein Autor, Gerhard Ruthammer, wusste schon als Schüler genau, was er studieren wollte: Erdölwesen an der Montanuniversität Leoben. Nach fast zwei Jahrzehnten Tätigkeit für die OMV kehrte er als Professor an die Leobener Universität zurück.

Das Buch ist von Kompetenz geprägt und reich illustriert. Viele Fotos aus der "Goldgräberzeit" spiegeln die radikalen Umbrüche für die Gegend und den Arbeitstalltag, der heute fast nostalgisch erscheint. Zwar gewinnt man noch immer Erdöl im Wiener Becken, aber die Mengen (um die 700.000 Tonnen jährlich) sind relativ gering. Der Autor schildert, "wie das Erdöl und das Erdgas ins Weinviertel kamen" - die Voraussetzungen liegen 160 Millionen Jahre zurück - und wie um die Jahrhundertwende die Suche nach den Bodenschätzen begann.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde man im Wiener Becken fündig. Nachdem danach die österreichischen Raffinerien von der Versorgung in den ehemaligen Kronländern getrennt waren, lag das Hoffnungsgebiet im Weinviertel. 1932 verließ der erste Waggon mit Rohöl Zistersdorf, doch erst zwei Jahre später erwies sich eine 900 m tiefe Bohrung als wirtschaftlich. In der Zeit der Arbeitslosigkeit der 1930er Jahre konnte man als Ölarbeiter zehn Mal so viel verdienen wie bei der Getreideernte. "Erzählungen nach stellten sich bei jeder Bohrung 200 bis 300 Mann für den Dreischichtbetrieb an - es konnten jedoch nur 15 Arbeiter aufgenommen werden".

Das Öldorado stand unter keinem guten Stern. Immer wieder - besonders bei der Aufschließung in Matzen - kam es zu Unglücksfällen. "Ein Ausbruch ('Blow out') ist das gefürchtete, weil unkontrollierte Austreten von Gas, Öl oder Wasser aus dem Bohrloch, " erklärt Ruthammer. "Häufig schießen alle drei Medien zusammen unter hohem Druck aus dem oder auch nahe um das Bohrloch herum, heraus und reißen Feststoffe, meistens in Form von Schlamm, mit sich. Dabei können sich Krater bilden, in denen die gesamte Bohranlage versinkt." So entstand bei Prottes, im Lauf fast eines halben Jahres, eine Kraterlandschaft. Sie entwickelte sich jedoch zum "Badeparadies" mit feinem, weißem Sand und dem "blau schimmernden glasklaren Salzwasser des wieder an die Oberfläche gekommenen Millionen Jahre alten Miozän-Meeres." Fotos aus den 1950er Jahren zeigen Jugendliche in Badekleidung am Ufer, vor den zahlreichen Bohrtürmen am Horizont.

"Am 19. März 1938 erteilte Generalfeldmarschall Göring den Auftrag zur Rohstoffexploration und zur Arisierung von Betrieben in Österreich. Das NS- Mobilitätsprogramm schrieb Bohrpunkte und Fördermengen vor - ohne Rücksicht auf Lagerstätten und Wirtschaftlichkeit. Das … Programm zwang zu einer einem Raubbau gleichkommenden Ausbeutung der Felder und verhinderte die Suche nach neuen Lagerstätten, " stellt der Autor fest. In der grafisch dargestellten Statistik nehmen sich die jährlichen Fördermengen zu Beginn der 1940er Jahre (500.000 bis 1,200.000 Tonnen) vergleichsweise bescheiden aus. Die Spitzenwerte (mehr als 3,500.000 Tonnen) der Ausbeutung österreichischer Erdölfelder fallen in dir Zeit unter russischer Verwaltung. Es kam zu Ausbrüchen, Bränden und Erdbeben. "Die unbefestigten Straßen in den Gemeinden des Erdölgebiets wurden durch Raupenfahrzeuge und das Verschleppen von Anlagen in erbärmlichen Zustand versetzt" - so blieb es noch viele Jahre. Die Bilder aus jener Zeit sagen mehr als tausend Worte. Auf den ersten Blick befremdlich wirkt, dass ein Propagandatext der KPÖ-nahen "Welt-Illustrierten" seitenweise unkommentiert wiedergegeben wird. Doch wollte der Autor das Zitat für sich selbst sprechen lassen, der kritische Leser sollte sich selbst seine Meinung dazu zu bilden. Mit dem Staatsvertrag - der auch die Verpflichtung zu Rohöl-Lieferungen an die Sowjetunion einschloss (letztlich waren es 7,75 Millionen Tonnen) - endet der erste Teil des Buches.

Es folgen Beispiele für "Weinviertler Kunst rund ums Erdöl", Bilder bekannter Künstler, Ansichtskarten und Heimatdichtung, die Sage vom Ölmännlein und ein Kapitel zur Barbara-Verehrung. Die Heilige ist als Patronin der Bergleute auch für die Erdölarbeiter zuständig. Mehr als ein Drittel der Darstellungen in Niederösterreich befinden sich in Weinviertel. An der Pfarrkirche von Matzen, wo seit einem halben Jahrhundert an ihrem Gedenktag eine traditionelle Barbarafeier stattfindet, hat sie ein besonderes Attribut: Ein Bohrgestänge ersetzt den klassischen Turm.

Kurz, vielleicht zu kurz, finden abschließend Meilensteine der Entwicklung nach 1955 Erwähnung. Wieder sind es die historischen Fotos, die Bände sprechen. Aufbereitungsanlagen setzten erste Schritte in Richtung des Umweltschutzes. Fördertürme wurden abgebaut und durch moderne Sonden ersetzt. Erschöpfte Lagerstätten wurden zu unterirdischen Speichern für das seit 1968 aus Russland importierte Erdgas ausgebaut: "Der österreichische Jahresbedarf an Erdgas von 8,6 Milliarden Normkubikmeter (2011) könnte derzeit zu 85 Prozent aus den heimischen Erdgasspeichern gedeckt werden."