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Roman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre#

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Roman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910. Styria Verlag Wien – Graz – Klagenfurt 2013. 496 S., ill., € 34,99

Schon die Ausstattung des Buches lässt ahnen, dass es ein hochkarätiges Thema behandelt. goldfarbener Vorsatz, Kunstdruckpapier, edle Farbtafeln. Diese trennen das fast 500-seitige Werk in zwei große Abschnitte: Ein Zeitpanorama, das ausführlich auf die einzelnen Personen eingeht, und Kurzbiographien der 929 reichsten Wiener im Jahr 1910. Dass der umfangreiche Registerteil Umrechnungen für Geldeinheiten enthält, kommt dem Leser auch zu anderen Anlässen entgegen.

Teil I, „Reich sein“, behandelt die „Ein-Promille-Gesellschaft“ vor dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie: „Das oberste Zehntelpromille der Wiener verdiente im Jahr 1910 etwa 6,4 Prozent aller Einkommen, das oberste Promille 11,9 Prozent, das oberste ein Prozent mehr als ein Viertel und die obersten 10 Prozent mehr als die Hälfte aller Einkommen. Auf die obersten 20 Prozent entfielen zwei Drittel aller Einkommen. Etwas mehr als 6 Prozent der Bevölkerung der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie lebten in Wien, aber fast zwei Drittel der Millionäre.“ Der Reichtum der Rothschild-Dynastie ist bis heute sprichwörtlich. So beginnt die Darstellung in Teil II „Reich werden“ mit dem Bankier Baron Albert von Rothschild (1844-1911), dessen Jahreseinkommen bei 25,6 Millionen Kronen lag. Der Verwaltungsrat Berthold Popper Freiherr von Podhragy (1855-1923) verdiente immerhin noch 100.000 Kronen im Jahr. Dieser Betrag bildet die Grenze der vorliegenden Auflistung. Zum Vergleich: Ein Industriearbeiter konnte 500 bis 1500 Kronen im Jahr erreichen, ein Dienstmädchen 100 bis 300 Kronen. Unter den Superreichen befanden sich Adelige, Bankiers, Industrielle, Hoteliers, Universitätsprofessoren, Rechtsanwälte, Künstler und ein Kardinal. „Sie sind zu 90 Prozent männlich, zu fast 60 Prozent jüdisch, zu 10 Prozent von altem Adel,“ stellt Roman Sandgruber, Univ. Prof. für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, fest. Er beleuchtet in diesem Kapitel das historische Umfeld, in dem die Spitzeneinkommen erzielt werden konnten.

Teil III, „Reich erben“, behandelt die Sonderstellung des Kaiserhauses und die Unterschiede zwischen „erster“ und „zweiter“ Gesellschaft. Die 91 altadeligen Millionäre des Jahres 1910 hatten zusammen ein Jahreseinkommen von 28 Millionen Kronen, knapp mehr als Rothschild für sich allein versteuerte. Doch geht es in dem Kapitel nicht nur um Finanzielles, sondern vor allem um die Lebensart, die den alten Adel vom Geldadel unterschied. Die altadelige Hofgesellschaft bildete zwar nicht die Spitze der Einkommenspyramide, doch der Gesellschaft. (Von den 474 hoffähigen Adelsfamilien scheinen nur 60 in der Millionärsliste auf.) Der Zugang zum Hof war das begehrteste Privilegium in Wien. Für die Hoffähigkeit musste man 16 adelige Ahnen väterlicherseits und acht mütterlicherseits nachweisen. "Bei Empfängen pflegte Kaiser Franz Joseph nur Adeligen die Hand zu reichen, Bürgerliche mussten sich mit einem Nicken des Kopfes begnügen." Die komplizierte Etikette sicherte Distanz.

Teil IV, „Reich bleiben“, behandelt zunächst die Rolle der Religion im Kapitalismus. 1904 war Max Webers berühmt gewordener Aufsatz über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus erschienen. Doch relativiert Roman Sandruber: "Dass evangelische oder jüdische Glaubensangehörige besonders fleißig, sparsam oder unternehmerisch waren, weil ihre Religion ein solches Verhalten vorgab, wäre zu einfach gedacht. … Denn die Religionsferne vieler Millionäre ist belegt." Er verweist auch auf häufigen Religionswechsel, aus ganz verschiedenen, persönlichen Gründen und meint mit Walter Benjamin: "Die Religion förderte nicht den Kapitalismus, sondern der Kapitalismus wurde zur Religion." Weitere Themen hier sind Bildung, Heirat und Sexualität im Umbruch, Orden, Aussteiger, das große Steuerunrecht, den Aufstand der Armen und die Politik der Reichen. Es war eine Welt, in der die Einkommensungleichheit auf die Spitze getrieben wurde und die Besteuerung die Ungleichheit verschärfte.

Teil V, „Reich leben“ schildert die Alltagskultur der Gründerzeit-Millionäre, wo und wie sie lebten oder Sport betrieben. Dazu zählte - erstaunlich - das Radfahren, ein Bycicle galt als exklusives Spiel- und Sportgerät. Die Ringstraßengesellschaft wurde oft als "Vergnügungsverein" charakterisiert: In den Salons und Clubs, bei Bällen und Festen, im Jockey- oder Automobilclub. Bevorzugter Wohnort des Geldadels war die Ringstraße, gefolgt vom 4. und 3. Bezirk, während der alte Adel seine Palais rund um die Hofburg hatte. Auch der 19.Bezirk wies hohe Durchschnittseinkommen auf.

Teil VI, "Reich sterben" zitiert einen amerikanischen Stahlmillionär, der meinte, reich zu sterben sei eine Schande, man solle wohltätige oder gemeinnützige Organisationen am eigenen Reichtum teilhaben lassen. Auch in Wien gab es großzügige Mäzene, wie die Familie Wittgenstein: "Sie nahmen dafür keinen Adelstitel, keine Orden, waren selbst über die Dankesbriefe pikiert. … Immer wieder geht es bei Ludwig Wittgenstein um die Frage, ob es möglich sei, zugleich reich und ein guter Mensch zu sein." Für viele Erben stellte sich diese Frage aber nicht. Drei Generationen, die sich an der Spitze der Einkommenspyramide halten, sind selten. Meist sind es zwei, nicht selten auch nur eine einzige, die reich geworden ist und noch im selben Leben wieder absinkt. Der typische Ablauf wäre, dem Schriftsteller Max Blei zufolge: "Erwerb in der ersten Generation, Verlust in der zweiten, spätestens der dritten."Doch über den Tod hinaus zeugen prunkvolle Monumente auf den Friedhöfen vom Vermögen ihrer Besitzer.

Teil VII, "Ausblick", zieht Parallelen zur Jetztzeit und spricht von der "Wiederkehr der Ungleichheit". Doch endet der Ausblick optimistisch: Ein Argument spricht dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Es fehle die Gewaltbereitschaft und Kriegslüsternheit, die um 1910 Europa prägte. "Das Europa der Gegenwart hat eine Friedensperspektive. … Das ist eine Perspektive, die trotz aller Krisensymptome optimistisch stimmen kann. " So schließt der prominente Sozial- und Wirtschaftshistoriker sein äußerst vielseitiges und aufschlussreiches Buch, dessen Lektüre man allen, die an der nicht all zu weit zurückliegenden Vergangenheit interessiert sind, nur empfehlen kann.