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Martin Scharfe: Bilder aus den Alpen#

Bild 'Alpen'

Martin Scharfe: Bilder aus den Alpen. Eine andere Geschichte des Bergsteigens. 216 S. durchg. ill., Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2013. € 22,90

Martin Scharfe ist Professor (em.) für Europäische Ethnologie und Kulturforschung an der Universität Marburg. Im vergangenen Jahrzehnt hatte er mehrmals Gastprofessuren an der Universität Innsbruck inne, wobei auch die Geschichte des Alpinismus „aus naheliegenden Gründen“ Inhalt von Lehrveranstaltungen war. Diese wurden zur Inspiration für das Buch, das in kurzen Kapiteln, mit treffenden Zwischentiteln gegliedert, Menschen und Berge vorstellt. Die Knappheit und der Verzicht auf Fußnoten kommen von der Erstveröffentlichung. Etliches war bereits in der Zeitschrift des Österreichischen Alpenvereins zu lesen, allerdings nur für Mitglieder, und hier nun in überarbeiteter Form.

Im Böhlau Verlag veröffentlichte Martin Scharfe in dieser Zeit etliche Werke zur Kulturforschung, wie „Menschenwerk“ (2002), „Über die Religion“ (2004), „Berg-Sucht“ (2007). Dabei ermöglicht Scharfes scharfer, analytischer Blick neue Einsichten in Themen, die man gemeinhin für selbstverständlich hält und nicht weiter hinterfragt.

Im vorliegenden Band geht es um Gebirgsbilder, die sich in den Alpenvereins-Museen befinden. Das waren rund 6500 Objekte in Innsbruck und München, 66 haben als Reproduktionen und mit Details daraus Eingang in das Buch gefunden. Es handelt sich um Ölgemälde, Aquarelle, Drucke und Karikaturen – künstlerisch gestaltet oder handwerklich gefertigt. Unter den bekannten Urhebern sind Jakob Alt („Der Dachstein….“, 1825), Franz Defregger („Venediger-Gipfel“, 1865), Gustave Doré (Matterhorn, 1865), Albin Egger-Lienz („Bergraum“, 1911).

Zu den populärsten Werken zählt ein Ölbild von Alfons Walde („Aufstieg“, 1930), aus dem ein Plakat für die Tirol-Werbung geworden ist. Das älteste stammt aus dem Jahr 1620 und stellt Kitzbühel aus der Vogelschau dar, das jüngste aus 1987 („Bachbett“ von Rolf Liese). Dazwischen eröffnet sich eine (kunter-)bunte Vielfalt. Vom barocken Kupferstich mit dem Abbild eines Drachen, den die Älpler Springwurm nannten und mit Sagen umgaben, bis hin zum Bau von Bergbahnen und Staumauern zwischen Felsen. Der „farbige Beitrag zur Geschichte des Alpinismus“ umfasst unterschiedliche Aspekte. Der assoziative Zugang, den der Autor wählt, lässt sie zu einer „anderen Geschichte des Bergsteigens“ werden. Als Kulturwissenschaftler geht sein Interesse über schlichte Veduten hinaus, gefragt sind „Pointen“, die Martin Scharfe in den Texten gekonnt herausarbeitet.

Zufällig hat ein unbekannte Namensvetter, der deutsche Pastor M. Scharfe, um 1906 eine Broschüre mit dem Titel „Bilder aus den Alpen“ verfasst. Darin ging es um Begegnungen mit der zumeist katholischen Bevölkerung in Tirol und Bayern. Auch für den Ethnologen kann Religion ein Thema sein. Er durchschaut die „distanzierte Pietät“ eines Wanderers, der anno 1820 eine „Rast am Bildstock“ einlegte. Martin Scharfe betrachtet das Kreuz auf der Watzmannspitze (1854) als materielle Repräsentation einer neuen Touristengeneration. Markant ist in dieser Hinsicht die (schon andernorts referierte) „Einweihung des Kreuzbildes“ auf dem steirischen Erzberg 1823: Ein Blitzableiter überragt den gusseisernen Kruzifixus.

Die Bilder erzählen von Siegen und Niederlagen der Bergsteiger, von Helden („Dem Bezwinger“, 1913), ebenso wie von den Naturgewalten hilflos Ausgelieferten („Wächtenbruch“, 1897) oder Toten (Soldatengräber, um 1915). Immer wieder geht es dem Kulturwissenschaftler um die Menschen in den Bergen, seien es frühe Wissenschaftler, die etwa auf dem Mont Blanc Beobachtungsstationen einrichteten, Erstbesteiger („Spitze des Gross-Venedigers“, 1841), Gemsenjäger („Position dangereuse….“, 1822), Sennerinnen („Alpursa …“, 1920) oder Alpinistenpärchen (Abendbehagen, um 1930). Und immer wieder gelingt es ihm, Bilder nicht nur zu beschreiben und zu deuten, sondern auch den Betrachtern die Augen für die speziellen „Pointen“ zu öffnen.