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Karin Schneider-Ferber: Karl der Große#

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Karin Schneider-Ferber: Karl der Große. Der mächtigste Herrscher des Mittelalters. Theiss-Verlag/Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2013. 192 S., 120 Abb., € 29,95

2014 jährt sich der Tod Karls des Großen zum 1200. Mal. Man nannte ihn „Vater Europas“ und „Sachsenschlächter“ (er soll 4.500 Sachsen enthaupten haben lassen), pries ihn als weltoffenen Freigeist und staunte über seine Frauengeschichten. Nach wie vor umgeben ihn viele Rätsel (die sogar zur vieldiskutierten Theorie führten, Karl der Große habe nie gelebt). Weder ist der Ort seiner Geburt bekannt, noch jener der Grablege.

Nun liegt ein faszinierendes Buch über ihn vor. Zahlreiche Illustrationen und informative „Kasten“ bringen den Lesern eine Welt näher, die heute fremd und unnahbar erscheint. Die Historikerin und Sachbuchautorin Karin Schneider-Ferber trennt Dichtung und Wahrheit. Sie beleuchtet die Familienverhältnisse, die kompliziert und von Zwistigkeiten gekennzeichnet waren. Der Sohn des Hausmeiers Pippin III. stieg 751 zum Kronprinzen auf. Der Hausmeier stand ursprünglich dem Gesinde des königlichen Haushalts vor, eignete sich aber immer mehr Kompetenzen, bis zur Spitze der Verwaltung an. Die Loslösung vom König war bei jugendlichen Regenten umso leichter.

„In der Kriegskunst war Karl der Große ein Meister seines Fachs. Er verstand es, große Armeen über weite Strecken zu koordinieren und am Kriegsschauplatz taktisch geschickt einzusetzen. Das Herzstück seiner Truppen bildete die gut ausgerüstete und aufeinander eingespielte Reiterei,“ weiß die Autorin und zeigt interessante Details über die Ausrüstung der Soldaten mit kunstvollen Helmen, wirkungsvollen Schwertern und prächtigen Panzerrüstungen. Die Größenordnung des fränkischen Heeres im Ernstfall schätzt sie auf 10.000 Fußsoldaten und 3.000 Panzerreiter. Um 1.000 Mann drei Monate lang mit Mehl zu versorgen, brauchte man 360 Ochsen, um die Karren mit den Vorräten zu ziehen, noch einmal so viele für die Getränke, und weitere für Waffen, Werkzeuge sowie Futter für die zahlreichen Transport-, Reit- und Schlachtrösser. Anno 773 überschritt das Heer die Alpen, um gegen die Langobarden zu kämpfen. Der Feldzug endete mit der Unterwerfung Italiens. Langobardische Künstler sorgten für den Kulturtransfer über die Alpen - wie es etwa an der Torhalle des Klosters Lorsch (D) zu sehen ist.

Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte Papst Leo III. den Frankenkönig Karl zum Kaiser des römischen Reiches. Damit erhielt dieser die Anerkennung als mächtigster Herrscher des Abendlandes, und der von einer innerkurialen Opposition bedrängte Papst hatte einen mächtigen Schutzherrn gewonnen. „Leo und Karl schufen etwas Neues: eine Mischung aus fränkischer Königskrönung, byzantinischem Akklamationsritus und formalem Synodalbeschluss,“ charakterisiert Karin Schneider-Ferber den „Tag für die Geschichtsbücher“. Ein Mosaik zeigt Kaiser und Papst gleichberechtigt, beide erhalten ihre Macht von Petrus, und damit von Gott. Doch die Machtfrage zwischen Papsttum und Kaisertum blieb das ganze Mittelalter hindurch bestimmend. Mithilfe seiner Mitarbeiter am Hof versuchte Karl das Leben der Menschen in seinem Riesenreich zu regeln. Die Klöster wurden zu Zentren der Gelehrsamkeit, sorgten für Bildung und bewahrten das Erbe der Antike.

Im Kapitel „Der Patriarch“ zeichnet die Autorin ein Bild vom Privatleben des Herrschers. Ihre Quelle ist die „Vita Karoli Magni“ des Kaiserbiographen Einhard. Er spricht von einem stattlichen, den Genüssen des Lebens nicht abgeneigten Herrn in fränkischer Tracht, die sich nur durch Farbe und Qualität der Stoffe von dem Üblichen unterschied. Nach seinem Biographen war der Kaiser ein begabter Redner, sprach fließend Latein und verstand Griechisch. Mit seinem Freundeskreis bei Hof pflegte er intellektuelle Gespräche und die Jagd. Wildbret war seine Lieblingsspeise. Karl hatte fünf rechtmäßige Ehefrauen und mindestens vier Konkubinen, 18 Kinder sind bekannt, die Dunkelziffer liegt weit höher. Besonders liebte er seine dritte Gemahlin, Hildegard, eine nahe Verwandte des Bayernherzogs Tassilo. Sie schenkte ihm drei Söhne, begleitete ihn auf vielen Reisen und starb als 25-Jährige im Kindbett.

Karl konnte bei der Verwaltung seines Vielvölkerreichs noch nicht auf feste politische Strukturen zurückgreifen. Er musste seine Präsenz in den verschiedenen Regionen zur Geltung bringen. Als Stützpunkte dienten die über das ganze Land verteilten Pfalzen mit ihren landwirtschaftlichen Gütern, Klöster und die Sitze weltlicher Vasallen. Die Reisen boten Gelegenheit, mit den Untertanen Kontakt aufzunehmen und mit lokalen Amtsträgern Probleme persönlich zu erörtern. Seine Verordnungen (Kapitularien) umfassten alle Lebensbereiche, wie Wirtschaft, Finanzen, Rechtsprechung, Militärdienst, Bildung und Kirchenangelegenheiten. Bekannt ist das „Capitulare de villis“, die Landgüterordnung mit Anweisungen für die Verwalter der Wirtschaftshöfe, als wichtige Quelle zur Alltagskultur.

Dem Kaiser war der Schutz der „kleinen Leute“ wichtig, den er als vornehmste Pflicht eines christlichen Herrschers sah. Er regelte die Getreidepreise und vereinheitlichte Maße, Gewichte und Währung. Bildung lag ihm sehr am Herzen. Die geistlichen Amtsträger sollten gut Latein können, um die Bibel richtig zu verstehen und zu lehren. Schon 789 forderte er die Einrichtung von Knabenschulen an Klöstern und Bischofssitzen. Die Domschule in Salzburg zählte zu den angesehensten Institutionen ihrer Art. Auch in den Dörfern und auf den Gutshöfen sollte es unentgeltliche Schulen geben. Unzählige Mönche und Nonnen waren mit dem Kopieren von Büchern als Lehrbehelfe beschäftigt. Sie schrieben religiöse Texte mit dem Federkiel auf Pergament, ebenso Werke antiker Autoren. Von besonderer Bedeutung war die Erfindung der „karolingischen Minuskel“ als schnell zu schreibende, einheitliche und gepflegte Schrift.

„Ein Hauch von Luxus“ umgab den Kaiser in seiner bevorzugten Pfalz, Aachen (wo er auch die Thermalquellen schätzte). Auf 20 ha ließ er ein Ensemble von Pfalzgebäuden, Kirche und Nebengebäuden anlegen, das den Vergleich mit Rom und Byzanz nicht zu scheuen brauchte. Teilweise kamen die Materialien und Kunstwerke von dort. Die 31 m hohe, steinerne Kuppel der Pfalzkapelle war nach der Römerzeit die erste nördlich der Alpen. Der Frankenkönig zeigte sich Karl als Mäzen, der wertvolle Evangelistare in Auftrag gab. Seltene Materialien wie Elfenbein, purpurgefärbtes Pergament, Gold- und Silbertinte und wertvolle Buchmalereien dienten der Repräsentation.

In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte den Kaiser die Sorge um das allgemeine Wohlergehen in seinem Reich. „Er rückte nicht nur landhungrigen Großgrundbesitzern, die ihre freien Bauern in den Ruin trieben, korrupten Königsboten und Grafen, Heerdienstverweigerern, Münzfälschern und Betrügern zu Leibe, sondern machte sich grundsätzliche Gedanken über das Zusammenleben seiner Untertanen. Wie konnte der ‚Gottesstaat’, über den er bei Augustinus so viel gelesen hatte, verwirklicht werden ? Wie ließen sich Solidarität und Mitgefühl in der Gesellschaft verankern ?" In seinem Todesjahr 813 berief er gleichzeitig fünf Reformkonzilien ein. „Wir wollen und befehlen durch Gottes Wort … dass ein jeder vollständig sein Recht bekommt!“ formulierte er deren programmatisches Ziel. Seinen privaten Besitz teilte der Herrscher akribisch auf. Erst kamen die Kirche und die Armen, dann erst die Erben. Sein Nachfolger wurde Ludwig der Fromme, der mit Wikingern, Sarazenen und Völkern aus dem Osten zu kämpfen hatte, aber nicht gerade als militärisches Talent galt. „So blieb Karl der Große in der Erinnerung stets präsent als ein vorbildlicher Herrscher, von dessen Ruhm man profitieren konnte, dessen wahre Persönlichkeit aber immer stärker hinter dem Mythos verschwand.“