unbekannter Gast

Burkhard Schnepel, Felix Girke, Eva-Maria Knoll (Hg.): Kultur all inclusive#

Bild 'Kultur'
Burkhard Schnepel, Felix Girke, Eva-Maria Knoll (Hg.): Kultur all inclusive. Identität, Tradition und Kulturerbe im Zeitalter des Massentourismus. Transcript Verlag Bielefeld 2013. Reihe Kultur und soziale Praxis. 350 S., € 29,90 ‚

Die Herausgeberin Eva Maria Knoll ist an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Ein Schwerpunkt der Sozialanthropologin liegt in der Tourismusforschung. So leitete sie auch das Panel „Kultur, Konsum und Vermarktung“ auf einer in Wien stattgefundenen Tagung von Ethnologen/innen. Die Ethnologin Ingrid Thurner, Lehrbeauftragte an der Universität Wien, kennt das Thema Tourismus auch aus ganz anderer Perspektive – als Mitarbeiterin eines Studienreisebüros. Gemeinsam mit zwölf anderen Expert/innen (die meisten aus Deutschland) nehmen sie die Auswirkungen des Massentourismus auf die traditionellen Kulturen verschiedener Weltgegenden unter die Lupe. Wo Einheimische und Touristen aufeinandertreffen, verändern sich Kulturerbe und sozio-kulturelle Identität – oder entstehen überhaupt neu.

Den theoretischen Rahmen liefert Burghard Schnepel von der Universität Halle-Wittenberg. Regina Bendix, Kulturanthropologin in Göttingen, zeigt Herausforderungen und Stolpersteine in der Erforschung kulturellen In-Wert-Setzungen auf. Die Verbindung von Bewahren und Kommerzialisieren kultureller Werte ist ein Prozess, bei dem ideelle, soziale, politische, religiöse und wirtschaftliche Aspekte zusammenspielen. Als Beispiele stellt sie einen Neujahrsbrauch und zwei Theaterprojekte aus der Schweiz vor. Der Anthropologe David Picard hat in La Réunion promoviert. Sein Beitrag beschäftigt sich mit touristischen Vermarktungsstrategien des französischen Überseeterritoriums im Indischen Ozean. Kritisch kommentiert er den Slogan „die ganze Welt auf einer Insel“. Er spricht von „Imaginärwelten, die kollagenartig zusammengestellt die Raum- und Sozialstruktur der Insel und auch die Selbstwahrnehmung ihrer Bewohner neu definiert.“

Hasso Spode, Historiker in Hannover und Berlin, beschäftigt sich mit der Entwicklung des gespannten Verhältnisses zwischen „Kultur“ und „Reisen“, wobei diese Kombination ein Minderheitenprogramm darstellt: „Weltweit gehen rund zwei Drittel der Urlaubsreisen an die subtropischen Sonnenstrände, allen voran ans Mittelmeer“, konstatiert er. Zählt man Wintersport, Glücksspieltourismus, Themenparks und artifizielle Erlebniswelten dazu, bleiben wenige, die sich für traditionelle Bildungsreisen entscheiden. Doch auch diese – rund ein Jahrhundert alte - Tradition hat sich geändert: „Spaß und Kultur sind im Tourismus oft innig verwoben. Daher ist viel vom postmodernen Hybridtouristen die Rede.“ Die Destinationen bemühen sich, dem Gast sowohl Vertrautes als auch Einzigartiges zu bieten.

Ein Prädikat für Einzigartiges ist die Auszeichnung als UNESCO-Weltkultur- und Naturerbe. Im Zentrum steht der Begriff outstandig universal value (o.u.v.), der außergewöhnliche universale Wert einer Örtlichkeit. Der Geograph Thomas Schmitt aus Erlangen hat Sitzungen der UNESCO-Gremien besucht, um die Kriterien festzustellen. Ingrid Thurner geht der Frage nach, wie Sehenswürdigkeiten „gemacht“ werden. Eine Möglichkeit ist die Asteriskierung – die Kennzeichnung mit Sternen, die Karl Baedeker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfand. Die derzeit höchste Priorität kommt dem UNESCO-Welterbestatus zu (bei aller, im vorhergehenden Kapitel erörterten Problematik). Thurner beleuchtet die Tourismuslandschaft im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie. Demnach stehen Sehenswürdigkeiten, Menschen und Begleitumstände in wechselseitigen Verbindungen. Als Begleiterin von Studienreisen war die Autorin selbst Teil dieses Netzwerks.

Der Ethnologe Joachim Görlich hat Feldforschungen u. a. in Papua-Neuguinea durchgeführt. Er zeigt am Beispiel eines Initiationsrituals, wie touristische Kontakte Traditionen verändern, aber nicht unbedingt verringern. Anna Hünke, Konstanz, untersuchte die Vermarktung der San-Kultur in Namibia. Kolonialherren und Missionare hatten die San zugleich als „edle Wilde“ und „niedrigste menschliche Rasse“ gesehen. Heute überwiegt das Bild des edlen Wilden, der im Einklang mit der ursprünglichen Landschaft lebt. Touristen können dort in einem Camp auf Bäumen schlafen und an Aktivitäten teilnehmen, die von Einheimischen durchgeführt werden. Das Projekt trägt zu deren Einkommen bei und stärkt ihr Selbstwertgefühl, meint die Beobachterin.

Dem „Umgang mit Chancen und Risiken des Tourismus in nordamerikanischen Indianerreservationen“ widmet sich der Frankfurter Ethnologe Markus H. Lindner. Der „Indianertourismus“, begann mit dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert. Besuchermassen wurden „wie eine Kuhherde ins Pueblo geführt“. Dem entsprechend begannen die Indianer, Souvenirs nach deren Geschmack herzustellen. Heute sind Sharing und Protecting Schlüsselbegriffe in der Tourismusausbildung. Sharing meint die Vermittlung von historischen und kulturellen Inhalten durch die Bewohner selbst, Protecting den Schutz vor negativen Einflüssen durch die Touristen. Der deutsche Forscher Georg Materna beschäftigt sich mit den Ethnopreneuren im Senegalesischen Tourismus. Gemeint sind Akteure, die ihre eigene Kultur im Ethno-Tourismus vermarkten. Im Senegal sind das Kleinunternehmer, die Masken und andere Souvenirartikel schnitzen und auf oft aufdringliche Weise anbieten. Eine ihrer Strategien ist es, dem Touristen eine Lebensgeschichte zu erzählen, die Mitleid und Aufmerksamkeit erwecken soll. Der gewählte Titel „Die Leute hinter den Masken“ ist also doppelsinnig.

Abschließend stellen die Berliner Ethnologin Anja Peleikis und der Soziologe Jackie Feldman aus Israel Ausstellungsobjekte, Souvenirs und Identitätspraktiken im Jüdischen Museum Berlin (JMB) und im neuen Yad Vashem Museum, Jerusalem (NYV) vor. Sowohl das JMB, entworfen vom polnisch-amerikanischen Architekten Daniel Libeskind, als auch das NYV, geplant vom kanadisch-israelischen Architekten Moshe Safie, gelten als spektakuläre Beispiele zeitgenössischer Architektur und sind in beiden Ländern herausragende Sehenswürdigkeiten.