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Armin Strohmeyr: Verkannte Pioniere #

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Armin Strohmeyr: Verkannte Pioniere. Erfinder, Abenteurer, Visionäre. 304 S., durchg. ill., Styria Verlag Wien – Graz - Klagenfurt 2013. € 22,99

18 Männer und drei Frauen stellt Armin Strohmeyr als „verkannte Pioniere“ vor. Diese 21 Persönlichkeiten waren nicht nur „Erfinder“, auch „Abenteurer“ und „Visionäre“ – so der Untertitel. Auf medizinischem Gebiet erwiesen sich die Erkenntnisse des englischen Landarztes Edward Jenner (1749-1823) und des am Wiener Allgemeinen Krankenhaus tätigen Gynäkologen Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865) von nachhaltiger Bedeutung. Jenner erfand die Pockenschutzimpfung. Knapp 200 Jahre später konnte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Pocken als ausgerottet erklären. Die Krankheit zählte Jahrtausende lang zu den größten Geißeln der Menschheit. Semmelweis erkannte mangelnde Hygiene als Ursache des Kindbettfiebers. Damit bewahrte der „Retter der Mütter“ unzählige Frauen vor dem sicheren Tod. Trotz sichtbarer Erfolge waren beide Ärzte Anfeindungen ausgesetzt. Jenner erhielt zumindest ein ehrenvolles Begräbnis. Semmelweis starb, erst 47-jährig, in der Irrenanstalt.

Das 19. Jahrhundert war als eine Epoche radikalen Umbruchs „das“ Zeitalter der Erfindungen Kein einziger der dargestellten „Tüftler“ jener Zeit konnte die Früchte seiner Ideen genießen Der Profit blieb der Konkurrenz, den Nobelpreis erhielten andere. Der deutsche Forstmeister Karl Freiherr von Drais (1785-1851), der 1849 freiwillig auf seinen Adelstitel verzichtete, erfand das Fahrrad. Eineinhalb Jahrhunderte hindurch wurde er als „verrückter Baron“ lächerlich gemacht. Ausnahmsweise nicht aus Ignoranz gegenüber einer zukunftsträchtigen Erfindung, sondern aus politischem Kalkül. Der republikanische Bürger, der der alten Feudalherrschaft öffentlich abschwor, sollte geschädigt werden. Ein Amtsarzt stufte ihn als „Halbnarr“ ein. Drais starb vor der Einlieferung in ein Tollhaus.

Gutgläubigkeit, fehlender Geschäftsgeist, vernachlässigte Patente, finanzielle Probleme und Abhängigkeit von gewinnsüchtigen Sponsoren ziehen sich wie ein roter Faden durch die Biographien der großen Söhne. „Österreichische Schicksale“ sind bei weitem keine Einzelfälle, es gab sie in ganz Europa. Man denkt an den korrekten Erfinder der Schiffsschraube, Josef Ressel (1793-1857), der andere für so ehrlich hielt, wie er selbst war, und seine Konstruktionsunterlagen aus der Hand gab. Den Feinmechaniker Johann Kravogl (1823-1889) sollen Pariser Physiker so lange unter Alkoholeinfluss gesetzt haben, bis das „Tiroler Naturkind“ die Geheimnisse seines Elektromotors ausplauderte – so will es zumindest sein Cousin und Biograph wissen. Dass ein anderer Tiroler, Peter Mitterhofer (1822-1893), mit der hölzernen Schreibmaschine in der Buckelkraxe 1866 zu Fuß nach Wien pilgerte, um dem Kaiser seine Konstruktion vorzustellen, ist glaubwürdig überliefert. Franz Joseph gewährte ihm zwar Subventionen, doch die Beamten, denen die Maschine die Arbeit erleichtern sollte, erkannten die Vorteile nicht.

Der Brite Richard Trevithick (1771-1833) konstruierte die erste auf Schienen laufende Dampflokomotive der Welt. Ihr Probelauf war – schon 1804 - erfolgreich. Doch „fehlt es an Investoren, vor allem aber an einer Lobby in der Politik. Richard Trevithick ist mit seinen Ideen seiner Zeit schlicht zu weit voraus.“ 30 Jahre später ging die erste öffentliche Eisenbahnstrecke – zwischen Stockton und Darlington in England – in Betrieb, untrennbar verbunden mit dem Namen George Stevenson, der die Erkenntnisse Trevithicks übernommen und lukrativ verwertet hatte. Der Deutsche Gustav Weisskopf (1874-1927), der sich nach der Einwanderung in die USA Gustave Whitehead nannte, startete dort 1901 erfolgreich mit einem Motorflugzeug. Mehrfach sahen sich die Brüder Wright in seiner Werkstatt um und inszenieren medienwirksam öffentliche Flüge. „Sehr schnell ‚überflügeln’ die Wrights den unliebsamen Konkurrenten und schrecken dabei auch vor Intrige und Verleumdung nicht zurück.“ Der französische Finanzbeamte Hippolyte Bayard (1801-1887) entwickelte das „Direktpositiv-Verfahren“ in der Fotografie. Bisher wurden Aufnahmen auf Silberplatten fixiert, er verwendete erstmals Papier als Trägermaterial. Er war auch der erste, der die Fotografie als künstlerisches Medium erkannte. Bayard konnte zwar sein Fotoatelier gewinnbringend betreiben, doch ist der Name seines Konkurrenten in der Fachbezeichnung „Daguerretypie“ verewigt.

Unter den vergessenen Genies sind drei Frauen. Die älteste, Ada Byron-Lovelace (1825-1852) war die Tochter des englischen Dichters Lord George Byron, dem hervorragendsten Vertreter der revolutionären Romantik. Ada Byron entwickelte – schon in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts – die erste Programmiersprache der Welt. Zumindest die Benennung der amerikanischen Programmiersprache „ADA“ erinnert an sie. Ilse Kober-Essers (1898-1994) wurde in eine andere Zeit hineingeboren. Ihr Vater meinte bedauernd: „Was soll ein Mädel mit einer Begabung, die für einen Jungen ja ganz schön sein mag…“ Er ermöglichte ihr eine solide Ausbildung und eine Anstellung in seiner neu gegründeten Firma „Flugzeugbau Friedrichshafen GmbH“. Schließlich leitete Ilse Kober dort die Konstruktionsabteilung. Das Spezialgebiet der passionierten Fliegerin war der Massenausgleich an Flügelrudern. Sie promovierte als eine der ersten Technikerinnen Deutschlands, die akademische Karriere stand ihr offen. Doch die Ingenieurin entschied sich für ein Dasein als Hausfrau und Mutter. Mit ihrem Fachkollegen Ernst Essers hatte sie vier Kinder. Vom Jahrgang her hätte Rosalind Franklin (1920-1958) ihre Tochter sein können. Die jüngste der drei vorgestellten Pionierinnen hatte am meisten unter Diskriminierung und Diffamierung ihrer männlichen Konkurrenten zu leiden. Franklin entschlüsselte die DNA-Struktur. Ihr gelang „die bedeutendste und folgenreichste Entdeckung in der genetischen Forschung des 20. Jahrhunderts“. Den Nobelpreis dafür erhielten Wissenschaftler, die unbefugten Einblick in Franklins Forschungsunterlagen erhalten hatten.

Der Buchautor, der Germanist Armin Strohmeyr, ist ein anerkannter Spezialist für Biographien. Er stellt die Lebenslinien der Porträtierten ausgewogen dar. Dabei kommen die unterschiedlichen Positionen der (Nicht-)Würdigung zu Wort. Häufig wurden Erfinder und Erfindungen vereinnahmt, aus kommerziellen wie nationalen Gründen. Wie beim Telefon, dessen Idee im Bedürfnis der Zeit und „in der Luft“ lag: „Italienische Enzyklopädien rühmten Antonio Meucci als den Erfinder des Telefons, amerikanische Alexander Graham Bell, und deutsche Philipp Reis.“ Ein klassisches Beispiel manipulierter Biographien betrifft Siegfried Marcus (1831-1898). Strohmeyr analysiert die „Legende Marcus“ und kommt zu dem Schluss, „… er ist der Erste, der – bereits 1870 – ein Fahrzeug mit einem Benzinmotor angetrieben hat und dabei die magnetelektrische Zündung verwendete,“ doch schränkt er ein: „Siegfried Marcus war in der Geschichte des Automobils ein Pionier von etlichen…“ Zuvor nennt der Autor den Inhaber von 130 Patenten einen genialen Erfinder, „der mit seinen Ideen seiner Zeit zum Teil weit voraus war. Aber er war kein gewiefter Geschäftsmann. Zwar meldete er eine Reihe von Patenten und Privilegien in den Ländern Europas und Amerikas an, verfolgte deren ökonomische Ausbeute jedoch nur zum Teil.“

Nur zwei Erfinder, fast die letzten in der Chronologie, waren auch geschäftlich erfolgreich. Christian Hülsmeyer (1881-1957) meldete 1904 das Patent für sein „Telemobiloskop“ an. Die Erfindung, die bei den damaligen Militärs auf Ignoranz stieß, wurde eine Generation später als Radar bekannt. Zwar musste er seine erste Firma liquidieren, wurde aber durch seine zweite, „Christian Hülsmeyer Kessel- und Apparatebau“ ein erfolgreicher und wohlhabender Unternehmer. Die Nachfolgefirma besteht weiterhin in Düsseldorf. Hingegen wurde die Bad Hersfelder „Zuse KG“ 1971 gelöscht. Sie war die Gründung von Konrad Zuse (1910-1995), dem Vater des frei programmierbaren Rechners. Seine Computerfabrik hatte im Rahmen des „Wirtschaftswunders“ einen rasanten Aufschwung genommen, bis 1964 blieb er aktiver Teilhaber. „Konrad Zuse hat sich aus der Entwicklung von Rechnern zwar zurückgezogen, dennoch bleibt er ein geschäftstüchtiger Mensch und ein interessierter, auch gesellschaftspolitisch aktiver und kritischer Bürger“. Die Doppelgesichtigkeit seiner Erfindung – die Erleichterung der Arbeit durch Computer wie auch die dadurch bedingte Vernichtung von Arbeitsplätzen – war Zuse bewusst. Im Gegensatz zu anderen Pionieren wurden ihm internationale wissenschaftliche Ehrungen zuteil.

„Nicht alles, was diese Frauen und Männer gedacht und ertüftelt haben, findet heute unsere ungeteilte Zustimmung“, schreibt Armin Strohmeyr, „Doch in der Essenz ihres Lebens und Schaffens dienten sie einer Idee, die den Nutzen für die Menschheit nie außer Acht ließ und im humanistischen Sinne menschenfreundlich geprägt war.“