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Wien. 2000 Jahre Garnisonsstadt - Band 3: Wien Innere Stadt#


Ein Buch als Fundgrube

Die Baudenkmäler der Wiener Innenstadt aus militärhistorischer Sicht

Rolf M. Urrisk-Obertyński, Jahrgang 1947, Brigadier des österreichischen Bundesheers in Ruhe, legt mit seinem 3. Band zum Thema „2000 Jahre Garnisonsstadt Wien“ ein reichhaltiges Kompendium über Flächen, Bauten, Denkmäler und Gedenktafeln im 1. Wiener Gemeindebezirk/Innere Stadt vor.

Mit nicht weniger als 375 großformatigen Seiten stellt das Buch eine Art „schriftlicher Datenbank“ dar, die alle jene Baudenkmäler in der Wiener City umfasst, die einen Bezug zur Militärgeschichte Österreichs bis in das Jahr 2012 haben. Das ist freilich bei fast allen wichtigen Bauten und bei vielen Denkmälern der Fall. Der Verfasser verbindet eine generelle Beschreibung des jeweiligen Objekts mit detaillierten Hinweisen auf dessen militärgeschichtliche Bedeutung. Diese Vorgangsweise ist zwar verständlich, aber nicht immer unproblematisch. So ist man schon ein wenig überrascht, wenn man zwar über fünf Denkmäler in der Augustinerkirche in Wort und Bild informiert wird, der Autor aber über das bedeutende Grabmal für Erzherzogin Marie Christine von Sachsen-Teschen von Antonio Canova kein Sterbenswörtchen verliert. Oder wenn von den 20 lebensgroßen Figuren an der Neuen Burg nur sechs abgebildet sind.

Zeugen in Stein und Erz#

Blättert man das Buch durch, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wie reichhaltig die zu Stein und Erz gewordene (Militär)geschichte Österreichs in der Wiener Innenstadt präsent geblieben ist. Geht man das Buch Seite für Seite durch, stößt man auf viele bekannte Dinge, aber auf noch mehr Unbekanntes. So erkennt man am Foto des ehemaligen Kriegsministeriums samt Radetzkydenkmal, dass sich dieses noch 1913 keineswegs am Stubenring, sondern neben der Kirche Am Hof befand. Mit Staunen erblickt man auf einem Foto aus dem Jahr 1861 die steile Rampe, die für Maria Theresia errichtet wurde, damit ihre Kutsche sie an der Front des Leopoldinischen Trakts (der heutigen Präsidentschaftskanzlei) in den zweiten Stock bringen konnte.


Wer weiß heute noch, dass die Neue Hofburg von März 1945 bis April 1956 zur Burggartenseite hin ein großes orthopädisches Spital beherbergte, das zunächst Militärlazarett, dann Spital für die russische Besatzungsmacht und schließlich Zivilspital war ? (Der Verfasser dieser Zeilen wurde dort selbst nach einem Basketballunfall verarztet). Eine große Rolle spielen auch zahlreiche Hinweise auf noch vorhandene Luftschutzkeller und die oft dazugehörenden Notausstiege und Luftschutzgitter – wie z.B. in der Drahtgasse 2. So erfährt man auch, dass in der Dumbastraße neben dem Hotel Imperial ein unterirdischer Führerbunker errichtet wurde, der noch heute als Depot für Silberbesteck dient.

Die großen Denkmäler#

Selbstverständlich werden die großartigen Denkmäler der Ringstraße – also jene für Prinz Eugen, Erzherzog Karl und Maria Theresia im Detail geschildert. Das letztgenannte Denkmal steht auf einem unterirdischen Pfeiler-Hohlraumgerüst und wiegt 55 Tonnen, die Statue der Erzherzogin wiegt 11,5 Tonnen bei einer Höhe von 6 Metern. Folgt man den Hinweisen des Buches bei Gängen durch die Stadt, wird man einer Reihe von eingemauerten Türkenkugeln begegnen, die man sicher noch nicht beachtet hat, so etwa an der Minoritenkirche, deren Turm als Beobachtungsstand eingerichtet war und daher viel Feuer anzog.

Wer die Geschichte des 1948 in russischer Gefangenschaft verstorbenen Habsburger Erzherzogs Wilhelm nicht kennt – er wollte/sollte Herrscher einer unabhängigen Ukraine werden – wird durch eine Gedenktafel in der überaus interessanten griechisch-katholischen Kirche St. Barbara in der Postgasse an ihn erinnert. Der künstlerische Schmuck an den Fassaden des Neuen Rathauses wird von Urrisk-Obertyński ebenso behandelt wie die Geschichte des wenig bekannten „Wehrmanns in Eisen“, der einst am Schwarzenbergplatz aufgestellt war, heute aber neben dem Rathaus in der Felderstraße 4 steht.

Der Dom und das Regierungsgebäude#

Eine ausführliche Würdigung erfährt erwartungsgemäß der Stephansdom, wobei man etwa erfährt, dass eine Gedenktafel am Fuß des Südturms an einen Hauptmann Gerhard Klinkicht erinnert, der durch Befehlsverweigerung die von Stadtkommandant Sepp Dietrich angeordnete Zerstörung des Doms durch eigenes Artilleriefeuer verhinderte. Ebenso breiten Raum nimmt die Errichtung des neuen Kriegsministeriums am Stubenring (heute Regierungsgebäude) ein. Der Verfasser weist darauf hin, dass drei renommierte Architekten (Otto Wagner, Adolf Loos und Max von Ferstel) mit fadenscheinigen Argumenten aus dem Wettbewerb ausgeschlossen wurden – ihre Entwürfe waren dem Militär zu modern. Otto Wagner konnte sich wenigstens mit dem Auftrag für das gegenüberliegende Postsparkassengebäude trösten, dessen Existenz die Geschmacksgegensätze kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs anschaulich dokumentiert.

Viel neues Detailwissen#

Es sind vor allem die kleinen Dinge, die das Buch so spannend machen – so zum Beispiel das Foto eines Minengangs im Keller des Hauses Weihburggasse 28-32. Dabei handelt es nicht, wie man vermuten könnte, um einen von den Türken gegrabenen Tunnel, sondern im Gegenteil um einen Gang, in dem vor der Stadtmauer Sprengstoff gezündet werden sollte. Sieht man von einigen unbegreiflich schlechten und unscharfen Bildern auch aus allerneuester Zeit ab, bietet das mit einem alphabetischen Register beginnende Werk einen einmaligen Einblick in die Baugeschichte der Inneren Stadt, die auch dem militärisch nicht interessierten Leser viele neue Aspekte eröffnet.

Rolf M. Urrisk-Obertyński
Wien. 2000 Jahre Garnisonsstadt
Band 3: 1. Bezirk – Innere Stadt
376 Seiten, 925 großteils farbige Abbildungen, Stadtplan
Weishaupt Verlag, Wien, 2013, € 58.-

Redaktion: P. Diem