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Lydia Maria Arantes - Elisa Rieger (Hg.): Ethnographien der Sinne#

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Lydia Maria Arantes - Elisa Rieger (Hg.): Ethnographien der Sinne. Wahrnehmung und Methode in empirisch-kulturwissenschaftlichen Forschungen. Transcript-Verlag Bielefeld 2014. 322 S., € 35,99

"Die Vorstellung einer Forschung mit allen Sinnen fasziniert. Wir können unsere alltäglichen wissenschaftlichen Gegenstände sehen, hören und durchaus auch schmecken, riechen, fühlen. Nur, was tun mit diesen Wahrnehmungsdaten ?" So fragt Katharina Eisch-Angus, Professorin und stv. Leiterin am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Unversität Graz im Vorwort. Lydia Maria Arantes und Elisa Rieger, Dissertantinnen des Instituts, haben ein Buch daraus gemacht. An die 20 ForscherInnen haben dazu beigetragen. Vorausgegangen waren Tagungen in Graz und Tartu (Estland).

Das Vielnamenfach Volkskunde / Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie erforscht kulturelle und soziale Transformationsprozesse. Ihre Schwerpunkte liegen in der komplexen empirischen Kulturanalyse und der Analyse und Interpretation des historischen Wandels kultureller Phänomene. Sie interessiert sich für das Alltägliche, in den 1970er Jahren war "Alltagskultur" ein viel strapaziertes Schlagwort. "Dieses Buch ", meinen die Herausgeberinnen, "macht das Alltäglichste überhaupt, das kaum Hinterfragte zum Thema: sinnliche Wahrnehmung und ihre kulturelle Bedeutung." Ihr Buch haben sie in vier große Kapitel gegliedert.

Der erste Abschnitt behandelt "Theoretische Perspektiven, methodische Ansätze". Lydia Maria Arantes beschäftigt sich mit "Kulturanthropologie und Wahrnehmung". Sie referiert die Geschichte der Wahrnehmungsforschung, anhand von Studien aus der agloamerikanischen Kultur- und Sozialanthropologie und darauf basierende Bemühungen im deutschsprachigen Raum. Judith Willkomm plädiert "für eine medientheoretische Sensibilisierung der sinnlichen Ethnographie". Ihr Fazit: "Eine sinnliche Ethnographie sollte folglich nicht nur die Wahrnehmungen und Emotionen der Forschenden als erkenntnisleitende Faktoren ernst nehmen, sondern auch die im Feld zum Einsatz kommenden Forschungsmedien in ihrer Eigenlogik und Eigensinnigkeit mit bedenken und hinterfragen." Mit "Klanganthropologie" und "Sound studies" setzt sich auch Fritz Schlüter auseinander. Es ist erstaunlich, dass die ethnographische Feldforschung seit mehr als einem Jahrhundert Tonaufnahmen einsetzt, doch die "akustische Atmosphäre" einzelner Orte bestenfalls zufällig dokumentiert wurde. Inga Reimers entwickelte ihre methodologischen Überlegungen für eine Ethnographe anhand von "Ess-Settings".

Auch im zweiten Kapitel - "Zur Schulung der Sinne" - geht es, unter anderem, um das Essen. Petra Penenka ließ sich in Mexiko in die Tortilla-Zubereitung einweihen, bei der dem Tastsinn größte Bedeutung zukommt. Zwei weitere ForscherInnen begaben sich ebenalls zwecks persönlicher Erfahrung in ungewohnte Umgebungen. Tanja Angela Kubes schlüpfte in die Rolle der Hostess auf einem Autosalon. Mirko Uhlig unternahm eine schamanische "Reise ins Knie", um heterodoxe Heilweisen kennen zu lernen. Den Beitrag "Framing and educating attention" verfassten Kerstin Leder Mackley und Sarah Pink.

Der dritte Teil ist " 'Fakten' spüren, sinnliche Wahrnehmung und Geschichte" übertitelt. Sandra Schnädelbach schreibt über juristische Urteilsfindung im 19. und 20. Jahrhundert. Sarah Kleinmann analysiert Ausstellungen und ihre eigenen Empfindungen in KZ-Gedenkstätten. Julia Gebke stellt "Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Sinne am Beispiel des 'foetor judaicus' im frühneuzeitlichen Spanien" vor. Sarah Willer, die an einem Living-History-Projekt mitarbeitet, nennt ihren Beitrag "Doing sense with the senses".

"Räume, Sinne, Atmosphären" sind der Inhalt des vierten Abschnitts.Jochen Bonz stellt die Ergebnisse einer Popkulturstudie vor, bei der er tief in die untersuchte Subkultur eintauchte. Nina Szogs besuchte eine "Fenerbahce-Kneipe in Wien". Es dauerte einige Zeit bis sie ihren Platz beim Sitzen und in der Zuschauer-Hierarchie erobern konnte. Simone Egger ist bekannt durch ihre Veröffentlichungen über München, wie jüngst den Band "Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden". Die vorliegende Studie widmet sie New York City. Polina Tserkassova ist Musikerin und Anthropologin, ihre Erfahrungen beschreibt sie in "Sustaining a dynamic pause". Schließlich widmet sich Elisa Rieger "(T)Raumerfahrungen des Körpers."