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Hans W. Bousska: Wien 1914#

Bild 'Sutton 1914'

Hans W. Bousska: Wien 1914. Das Ende einer Ära. Sutton Verlag Erfurt- Wien 2013. 128 S. ill., € 22,95

Des Jahres 1914 wird allenthalben mit Büchern und Ausstellungen gedacht. So haben auch die Wiener Bezirksmuseen das unselige 100-Jahr-Jubiläum zum Thema ihres Aktionstages gemacht. In guter Tradition erscheint dazu ein Buch, zu dem alle Bilder beisteuerten. Wieder hat sich der Historiker Hans W. Bousska der Mühe unterzogen, die Materialfülle zu organisieren und daraus eine interessante Publikation zu machen. Er schreibt von sozialen Ungerechtigkeiten, Großtaten der Lueger-Ära, dem grauen Alltag und den kleinen Vergnügungen der großen Stadt, die das Ausmaß des Krieges, der auf sie zukam, völlig unvorbereitet traf.

Das erste Kapitel trägt noch einen erfreulichen Titel: "Leben in Wien um die Jahrhundertwende - Feste und Feiern". Das Einstiegsbild zeigt Franz Joseph und Karl Lueger bei der "Kinderhuldigung" zum 60. Regierungsjubiläum des Kaisers. Für das Event im Schönbrunner Schlosspark wurden 82.000 Schüler aufgeboten, 1.500 durften aktiv mitwirken. Phantasie bewies ein Ansichtskartenverlag, der ein Souvenir herstellte, bei dem man durch Drehen einer Scheibe verschiedene Portraits des Kaisers sehen konnte.

Franz Joseph, der 1848 als 18-Jähriger den Thron bestieg, hatte die schwierige Aufgabe, " …das zerrüttete Großreich zu stabilisieren, wobei er sich in erster Linie am Militär und an der Religion orientierte, für Wissenschaft und Kunst zeigte er nur wenig Interesse." Die allgemeine Wehrpflicht für Männer zwischen dem 21. und 42. Lebensjahr dauerte 12 Jahre, von denen drei aktiv abgeleistet werden mussten. Das Kapitel "Des Kaisers bunter Rock" zeigt die Omnipräsenz der Uniformierten im Straßenbild - wie in den Vergnügungsstätten. Aus Erinnerungsfotos, die junge Männer mit Rekrutenhüten, Krawatten und Zigaretten zeigen, scheint Stolz zu sprechen. Hingegen haben die Spitäler und Kasernen auf den Ansichtskarten etwas Bedrohliches. Aufgelockert wird das Kapitel durch die humorvollen Künstlerkarten von Fritz Schönpflug, der mit seinem typischen Stil den Soldatenalltag karikaturhaft darstellte.

"Wien unter Bürgermeister Karl Lueger" zeichnet ein ausgewogenes Bild des Stadtoberhaupts, in dessen 13-jähriger Regierungszeit eine Reihe von Großprojekten realisiert wurde: "Die Gas- und Elektrizitätsversorgung wurde kommunalisiert, der Wald- und Wiesengürtel geschaffen, die Zweite Hochquellenwasserleitung gebaut. Die Schaffung von Fürsorgeeinrichtungen und der Verkehrsbetriebe brachte ihm hohe Anerkennung, " schreibt Hans W. Bousska, und: "Seine kommunalpolitischen Initiativen wirken bis heute nach. Seine Persönlichkeit ist jedoch umstritten." Die Bilder dieses Kapitels veranschaulichen die Initiativen, dazu die Schaffung der städtischen Central-Sparkasse, Spitäler, Versorgungsheim, O-Bus-Linie.

Der folgende "Spaziergang durch Wien" führt, teilweise mit aktuellen Fotos, zu Bauten, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden sind, wie das Postsparkassengebäude auf dem Georg-Coch-Platz, das Zacherlhaus auf dem Wildpretmarkt, das Looshaus auf dem Michaelerplatz oder das Palmenhaus im Burggarten. Dazu kommen öffentliche Gebäude, wie Fürsorgeeinrichtungen oder Amtshäuser.

Dem Bedürfnis nach "Unterhaltung" trugen Praterattraktionen, Sportveranstaltungen, Theater, Varieté und Zirkus Rechnung. Fotos, Ansichtskarten und Plakate illustrieren die "fröhliche Apokalypse" (H. Broch).

Das vorletzte Kapitel, "Die Waffen nieder" ist der 1843 geborenen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner gewidmet. Sie starb am 21. Juni 1914. Der 28. Juni dieses Jahres gilt als "Der Anfang vom Ende", als das Thronfolgerpaar in Sarajevo erschossen wurde. Das Ereignis im Spiegel der damaligen Massenmedien wird hier ebenso gezeigt, wie der handschriftliche Entwurf der Kriegserklärung an Serbien. Erschütternd sind die Fotos von "Bezugsmarken der Ersten Wiener Suppen- und Teeanstalt, Wien 9", einer Initiative des Gemeinderats Franz Löblich, um die Hungersnot zu lindern, Eheringe mit der Gravur "Gold gab ich für Eisen", ein "Kriegsglück-Ring" als Talisman bis hin zu einem Meer weißer Holzkreuze für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten.