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Alexander Demandt: Der Baum#

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Alexander Demandt: Der Baum. Eine Kulturgeschichte. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien 2014. 470 S., ca.100 Abb., € 30,80

Der Baum ist Symbol, ebenso wie Rohstoff - und für die Menschheit überlebenswichtig. Kenntnisreich zeichnet der Historiker Alexander Demandt, em. Professor für Alte Geschichte in Berlin, eine Kulturgeschichte des Baumes. Er würdigt dessen überragende Bedeutung in Mythen, heiligen Schriften, Märchen, Musik, Literatur, Bildender Kunst, Philosophie und Volkskultur.

Das fast 500-seitige, materialreiche Werk ist übersichtlich, chronologisch gegliedert und von zwei Kapiteln eingerahmt: "Bäume und Menschen", "Zeiten und Bäume". Nicht nur das Thema Baum ist in seiner Vielfalt faszinierend, sondern auch, was der Autor darüber gefunden und zu sagen hat. Der historische Überblick beginnt bei "Juden und frühen Christen", setzt sich fort mit "Der Orient", "Die Griechen", "Kelten, Germanen und Slawen", ehe man in das "Christliche Mittelalter", die "Frühe Neuzeit" und "Von der Präromantik zur Postmoderne" kommt.

In Wien spielte in der frühen Neuzeit das Renaissanceschloss Neugebäude eine Rolle in der Botanik. Die berühmtesten Gelehrten ihrer Zeit, Ogier Ghislain de Busbecq, 1556 bis 1562 Gesandter des Habsburger-Kaisers Karl V. an der Hohen Pforte, brachte die Tulpe, den Flieder und die Kastanie nach Europa. Sie blühten zum ersten Mal im Neugebäude. "Beide neuen Bäume erhielten alte Namen. 'Flieder' war zuvor für Holunder üblich und ging dann, zunächst als 'spanischer' Flieder auf die Syringa vulgaris über. 'Kastanie' stammt von lateinisch castanea … Die ersten Rosskastanien pflanzte der kaiserliche Gartendirektor Carl Clusius 1576 in Wien und versandte die braunglänzenden Früchte nach ganz Europa. Die Kastanie wurde zum Modebaum fürstlicher Parks und Alleen."

Als eines der zahlreichen Beispiele für den Baum in der bildenden Kunst wird die 1897 gegründete Wiener Secession mit ihrem Blatt "Ver Sacrum" zitiert. Dessen Name "Heiliger Frühling" erinnert an die antike Sitte, bei Übervölkerung einen Jahrgang zum Auswandern zu nötigen. Die Sezessionisten fassten diesen Entschluss selbst, weil es ihnen in der geistigen Heimat zu eng geworden war. Das Titelbild der ersten Zeitschrift (von Alfred Roller) zeigt ein Hibiscusbäumchen, das seinen Behälter, ein Fass sprengt. Die Wurzeln treten aus den Ritzen zwischen den Dauben hervor und suchen Halt im umgebenden Erdreich. "Die Baumbilder der Malerei um 1900 vermitteln vorrangig Lebensgefühl und Daseinsstimmung der Künstler. Ihr Gestaltungswille prägt sich der Naturform auf und wendet sie ins Symbolische und Ornamentale, so bei Egon Schiele und Gustav Klimt. Das unausgesprochene Motto lautet Plusquam Natura."

Das Ver-Sacrum-Titelblatt wird in dem Buch ebenso reproduziert, wie ein "Lebensbaum" aus Klimts Stocletfries. Unter den Farbtafeln ist eine Abbildung des Krönungsmantels des Normannen Roger II. von Sizilien. Der von sarazenischen Textilkünstlern anno 1133 angefertigte Mantel befindet sich in der Wiener Schatzkammer. Er zeigt in der Mitte eine stilisierte Dattelpalme mit Früchten, rechts und links davon Kamele schlagende Löwen. Während die Tiere die Kriegsgewalt verkörpern, symbolisiert der Baum "die vegetabile Fruchtbarkeit des Friedens." Moritz Ludwig von Schwind, der österreichische Maler der Spätromantik, verband in seinen idyllischen Baumbildern den Wald mit der Märchenwelt. Das Titelbild für die Volksliedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" und eine Illustration zur Libussa-Sage finden sich im Bildteil. Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld, der sich als Maler der Nazarener-Schule in Wien ansässig machte, ist mit "Siegfrieds Tod" vertreten.

Das Thema Baum begleitet den Autor seit Jahrzehnten, 1986 erschien ein kurzer Artikel (im Anhang wiedergegeben), 2002 eine erste Auflage der Kulturgeschichte des Baumes unter dem Titel "Über allen Wipfeln". Im Vorwort schrieb Alexander Demandt: "Der Baum ist ein unablässiger Denkanstoß, ein unermüdlicher Gegenstand der Meditation, eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Die Botschaft der Bäume hat sich in der Kulturgeschichte allenthalben niedergeschlagen." Das Augenmerk des Autors gilt der stets wechselnden Rolle, die der Baum im Bewusstsein, in der Phantasie, in Religion, Mythos, Poesie, Kunst, Denken und Fühlen spielt, "kurz: Es geht um die Bäume in den Köpfen."