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Simone Egger: Heimat #

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Simone Egger: Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden Riemann Verlag München 2014. 320 S., ill., € 20,60

"Heimat" ist nur ein Wort, noch dazu eines, das es - in seiner Präzision und zugleich Vielfalt der Bedeutungen - nur in der deutschen Sprache gibt. " "Heimat" war als rechtlicher Begriff im Mittelhochdeutschen schon vor dem 11. Jahrhundert bekannt und stand für Stammsitz oder Erbbesitz."Vor allem in Bayern, in Österreich und in der Schweiz ist der Bezug zwischen räumlichen Strukturen und dem Begriff … bekannt und macht ein wesentlichen Merkmal von Heimat aus: die Bezogenheit auf eine Gegend oder Region", schreibt die Ethnologin Simone Egger. Da sie an der Universität München forscht und lehrt, liegt der Schwerpunkt ihres Buches auf Bayern. Wer Österreichisches sucht, wird auch fündig. Aber eigentlich sollte man nach der Lektüre gedankliche Grenzen aller Art abgebaut haben. Die Überlegungen gipfeln in dem Kapitel "Heimat ist überall."

Unkonventionelle Farbfotos illustrieren die vielseitigen Betrachtungen. Den Eingang bildet eine Haustür im Stil der 1960er Jahre: Eloxal, Rasterglas und Mosaikfliesenwand. Zunächst geht die Autorin "Spuren in der Gegenwart" nach. Die Frage "Hat Heimat überhaupt noch Bestand?" fand in den letzten Jahren viele Antworten. "In ganz unterschiedlichen Bereichen wird über Heimat gesprochen und nachgedacht. … Inzwischen hat sich eine eigene Ästhetik entwickelt. Die pinkfarbene Kuckucksuhr etwa steht für Verbundenheit und ist zugleich modern. Pop und Heimat schließen sich nicht mehr aus, sondern sind längst eine neue Verbindung eingegangen." Die Autorin zitiert prominente Fachkollegen, wie den Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger, die Frankfurter Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus, den Münchner Kulturwissenschaftler Burkhart Lauterbach oder den früheren Wiener Ordinarius Konrad Köstlin. Für sie alle ist Heimat kein feststehender Begriff.

Im 19. Jahrhundert löste er sich aus dem rechtlichen Zusammenhang und wurde zum romantischen Sehnsuchtsort in einer Welt im Umbruch. Neue Verkehrsmittel, Industrialisierung, unfreiwilliges Verlassen des Herkunftsortes zum Arbeitsplatz, bürgerliche Reiselust und Entdeckung der Alpen sind nur einige Faktoren. Heimatforscher und Heimatkundler bemühten sich zu dokumentieren und zu bewahren. Ihr Interesse galt vor allem dem Ländlichen, der so genannten Volkskunst. 2012 machte das Nachrichtenmagazin "Spiegel" die Heimat zum Thema, fragte Menschen nach ihrem Heimatbegriff und suchte aus 10.000 Fotos typische Bilder für die einzelnen Regionen. Der Hallstättersee stand für Österreich. Die Auswahl für Bayern war wenig überraschend: "Trachtler in kurzen Lederhosen und Haferlschuhen".

Der Missbrauch alles Heimatlichen zur NS-Zeit ist für Simone Egger ebenso ein Thema wie die Heimatfilme der Nachkriegszeit. Damals spielten die Trapp-Familie und ihre Vermarktung durch Film und Musical eine Rolle. "Mit den Jahren mehrte sich durch den Umgang mit der regionalen Identität nicht nur der Gewinn, sondern auch die Kritik. … Sie gipfelt in der "Piefke-Saga, einem vierteiligen Film über deutsche Urlauber und das Leben in einem österreichischen Fremdenverkehrsort."

Das nächste große Kapitel ist "Lebenswelten und Weltregionen" überschrieben. Es geht u. a. um Heimat im Zeitalter der Globalisierung, Identität und Zugehörigkeit, Gesellschaften in Bewegung, Asylanten, Lokalkolorit und "Glokalisierung". Immer wieder erweist sich "Vielfalt" als Schlüsselwort in diesem Buch, das auch ganz aktuelle Ereignisse referiert. Damit profiliert es sich als Musterbeispiel einer zeitgemäßen "Volkskunde", die man besser Kulturwissenschaft nennt, nachdem die Bezeichnung "europäische" Ethnologie an ihre Grenzen stößt. Von den USA und anderen Kontinenten ist hier oft die Rede.

In "Heimatgefühle und Sehnsuchtsorte" setzen sich Assoziationen und Emotionales fort. Freundschaften und Familienbande - die erste Heimat der Kindheit -, aber auch Lieblingssachen und Do-it-yourself gehören dazu. Das ethnographische Auge fällt auf Lifestylezeitschriften, die das Landleben preisen, Landfrauenkochen als TV-Format, Heimat als Teil der Popkultur und Heimatkrimis. Auch Trennung fällt in dieses Kapitel, sei es von Menschen oder Gegenden.

Dann geht es um "Idylle und Wirklichkeit" mit dem "schönen Bayern" als besonderem Beispiel. Hier konnte die Autorin nicht nur auf unmittelbare Anschauung und Interviews zurückgreifen, sondern auch auf ihre Diplomarbeit über das Phänomen Wiesntracht beim Münchener Oktoberfest. Sie zeichnet ein eindrucksvolles Panorama der aktuellen Kulturvermischung. " 'Volkskultur' meint heute auch 'Popkultur'. Spielerisch werden lokale Charakteristika mit regionalen Emblemen gemixt und urbane Topoi mit Motiven der Landschaft in Verbindung gebracht. Retro ist dabei ein ebenso bedeutungsvoller Faktor wie Echtheit und Authentizität." Folklore, über die sich vor Jahrzehnten in der Wissenschaft trefflich streiten ließ, zeigt sich heute "modern, traditionell und international". Widersprüche erscheinen aufgehoben. "Dirndl à l Africaine", wie sie zwei Schwestern aus Kamerun in München designen, sind nur ein Beispiel von vielen.

Simone Egger beobachtet genau, beschreibt und wertet nicht, wo es um harmlose Themen geht. Sie macht aber kritische Anmerkungen, etwa über neuen Konservativismus, Fremdenfeindlichkeit oder Grundstücksspekulationen. Schon Helmut Fielhauer (1937-1987) hatte gefordert: "Volkskunde als kritische Kulturwissenschaft mit vorsätzlich gesellschaftspolitischer Stellungnahme zugunsten der Benachteiligten, Hilflosen und Unmündigen; Demokratie im Lebenszusammenhang beim Wort nehmen." Der Wiener Universitätsprofessor und ehrenamtliche Leiter eines Heimatmuseums wird hier zwar nicht zitiert, aber seine Forderung umgesetzt. Die Autorin wurde nicht nur am Münchner Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie summa cum laude promoviert, sie hat davor Kunst studiert, und in verschiedenen Städten kreative und organisatorische Tätigkeiten bei Film-, Fernseh-, Event- und Theaterausstattung ausgeübt. Man merkt ihrem Buch diesen großen Horizont an. Fundiert und doch locker, historisch und aktuell, mit gekonnten Fotos aus aller Welt, regt es zu vielfältigen Assoziationen über den Sehnsuchtsort Heimat an.