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Willy Elmayer-Vestenbrugg: Vom Sattel zum Tanzparkett#

Bild 'Buch Elmayer'

Thomas Schäfer-Elmayer (Hg.): Vom Sattel zum Tanzparkett. Die Lebensgeschichte meines Großvaters Willy Elmayer. Verlag Kremayr & Scheriau Wien 2014 (Reprint der Ausgabe von 1966). 216 S. ill., € 22,-

Ende 2013 feierte "die beliebteste Tanzschule in Wien" ein Silberjubiläum: 25-Jahre Thomas Schäfer-Elmayer als Leiter der Tanzschule Elmayer. 1987 übernahm der "Papst des guten Benehmens" das Institut von seinen Eltern Nora und Diether Schäfer-Elmayer, die es nach dem Tod seines Gründers zwei Jahrzehnte hindurch geführt hatten. Im Familienarchiv stieß der Jubilar auf ein unversehrtes Exemplar eines früheren Bestsellers. "Vom Sattel zum Tanzparkett" war 1966, nach dem Tod seines (Adoptiv-)Großvaters Willy Elmayer von Vestenbrugg (1885–1966) erschienen. Der Verlag war begeistert von der Idee einer Neuauflage und im Zuge dessen wurde auch der Ghostwriter bekannt. Es ist kein Geringerer als Thomas Chorherr, der langjährige Chefredakteur bzw. Herausgeber der Tageszeitung "Die Presse" und Vizepräsident des Presseclubs Concordia.

"Vom Sattel zum Tanzparkett" beleuchtet wichtige Passagen im Leben von Willy Elmayer, "eines unglaublich dynamischen und äußerst erfolgreichen Selfmademannes", wie der Herausgeber formuliert: "Dieses Buch erweckt eine Welt zum Leben, in der die Menschen zwei Weltkriege und die spannende Zeit zwischen diesen beiden Katastrophen bewältigen mussten." Der rote Faden des außergewöhnlichen österreichischen Lebensweges lässt sich leicht erkennen: das Reiten und die Pferde. Der drittälteste Sohn des Genieoffiziers Ludwig Elmayer von Vestenbrugg wuchs in der Wiener Stiftskaserne auf. Zu seinen frühesten Erinnerungen zählten das Wiehern der k. u. k. militärärarischen Rösser und die Vorreiter der Pferdetramway - der erste Berufswunsch des 1885 Geborenen. Der Bildungswegs des Offizierssohns sah anderes vor: die Militärrealschule in St. Pölten und die Militärakademie - Alma Mater Maria Theresiana - in Wiener Neustadt, die er 1905 als Leutnant verließ. Willy Elmayer wurde Reitlehrer bei den Dragonern und im k. u. k. Reitlehrinstitut. Er erwarb dessen höchste Auszeichnung, die Silbernen Sporen und avancierte als Kavallerieoffizier zum erfolgreichsten Galoppreiter der k. u. k. Armee. In gefährlichen Rennen errang er mehr als hundert erste Preise - damals Pokalen aus schwerem Silber. Diese Trophäen ermöglichten ihm nach dem Ersten Weltkrieg den Neustart. Als er sich 1919 zum Umstieg vom Sattel auf das Tanzparkett entschloss, dienten sie als Sicherstellung für den Kredit, der die Einrichtung seiner Tanzschule im früheren Pferdestall des Palais Pallavicini ermöglichte. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Rittmeister a. D. zur Kavallerie eingezogen. Zunächst war es seine Aufgabe, täglich ein Dutzend junger Pferde zuzureiten. Bis zu seiner Pensionierung 1944 machte er den Krieg auf verschiedenen Schauplätzen mit. Schicksalhaft war ein Ausflug, den Willy Elmayer kurz danach zu seinem in Gösing bei Lundenburg eingestellten Reitpferd unternahm. Bei seiner Rückkehr nach Wien fand er sein Haus in der Leopoldstadt völlig zerstört vor. Alle anderen Bewohner hatten den Tod gefunden.

Seine zweite Karriere, schreibt Willy Elmayer, verdankte er der Lektüre eines französischen Romans. Er handelte von einem Offizier der napoleonischen Armee, der in Paris als Tanzlehrer ein neues Leben begann. Er selbst hatte in der Zwischenkriegszeit, standesgemäß, die Stelle eines Adjutanten des späteren Bundespräsidenten Theodor Körner erhalten. Das Umsatteln bereitete ihn Gewissenskonflikte. Sorge für die Eltern, fixes Einkommen und die alte Offiziersehre sprachen dagegen. Dennoch verfolgte er seinen ehrgeizigen Plan, dessen weiterer glücklicher Verlauf bekannt ist. "Der Elmayer" ist auch nach fast einem Jahrhundert "die" Tanzschule in Wien. Weltbekannt, wird sie international als Träger lebendiger Wiener Tanztradition und Lebensart angesehen. Glatt wie das Parkett war ihre Entstehungsgeschichte aber nicht. Die ehemaligen Kameraden "schnitten" den Rittmeister. Gewinnstreben stand für ihn nicht an oberster Stelle, sein altes Ehrgefühl erlaubte ihm nicht, großzügig angebotene Unterstützung millionenschwerer Industrieller anzunehmen. Lieber entwickelte Willy Elmayer neue Geschäftsideen, organisierte Veranstaltungen für gelangweilte Kurgäste in Karlsbad, Marienbad und Bad Gastein, eröffnete eine Dependance seiner Tanzschule in Berlin. In der Zwischenkriegszeit revitalisierte er u. a. den "Ball der Stadt Wien" im Rathaus und arrangierte 1935 den ersten Wiener Opernball. (Erst 2009 wurden andere Tanzschulen dazu eingeladen).

Das letzte Kapitel ist "Neuer Anfang" übertitelt. Er erzählt von Walzer tanzenden Rotarmisten, der legendäre Oberstleutnant amerikanischen Offizieren Tanz- und Anstandsunterricht gab, oder über die "Walzerpsychose der Nachkriegszeit". Die Tanzschule florierte wieder und Willy Elmayer arrangierte Galabälle. In der Wohlstandsgesellschaft fungierte er vermehrt als Lehrer des guten Benehmens, mit Büchern, Vorträgen im Radio, in Schulen und Gefängnissen. Hier kommt die soziale Ader des Offiziers und Tanzlehrers zur Sprache: Radios für Haftanstalten oder Zuwendungen für das Haus der Barmherzigkeit. (Auch heute geht der Erlös des Elmayer-Kränzchens an dieses Wiener Pflegekrankenhaus).

Als Willy Elmayer 81 Jahre alt war, leitete er wöchentlich 19 Anfängerkurse, arrangierte im Fasching ein Dutzend Bälle und war publizistisch tätig. Sein letztes Buch endet, er "versuche nach wie vor, ein wenig dazu beizutragen, daß in den Menschen dieses Landes das Bewußtsein gefestigt wird, Harmonie in jeder Bedeutung des Wortes sei schöner als Dissonanz. Mein größter Wunsch ist, daß diese Harmonie des Zusammenlebens fortgesetzt wird. Nicht nur auf dem Tanzparkett - auch draußen im Alltag."