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Annemarie Fenzl, Lene Mayer-Skumanz, Annett Stolarski: Ein Haus voll Zeichen und Wunder. Der Wiener Stephansdom#

Bild 'Fenzel'

Annemarie Fenzl, Lene Mayer-Skumanz, Annett Stolarski: Ein Haus voll Zeichen und Wunder. Der Wiener Stephansdom. Das Kinderbuch zum Dom. Redaktion: KatrinFeiner. Wiener Dom Verlag - Tyrolia. Innsbruck - Wien 2014. 128 S., ill. € 19,95

Dr. Annemarie Fenzl, langjährige Leiterin des Archivs der Erzdiözese Wien und engste Mitarbeiterin von Kardinal König, ist "die" Expertin in Sachen Stephansdom. Ihr Charisma, ihr reiches Wissen an jung und alt mitreissend weiterzugeben, hat jetzt auch in einem Kinderbuch Niederschlag gefunden. Der rote Faden des ersten umfassenden Buchs für über Achtjährige heißt: "Man sieht nur, was man weiß".Im und am Dom sieht man vieles, und so wird man bald auch vieles wissen, weil es die Historikerin so interessant darbietet.

Mit im Team sind die bekannte Kinderbuchautorin Lene Mayer-Skumanz, die Sagen, Gebete und Comic-Texte beigesteuert hat und Annett Stolarski. Die Illustratorin und Kunstvermittlerin lockert mit ihren detailreichern Bildern die Darstellung auf. Der bunte Mix aus facts (wissenschaftlich fundiert, einfach erklärt, ohne zu vereinfachen) und fiction (Sagen, Comics) wird nicht nur Kinder ansprechen. Wer Erwachsenen komplizierte Zusammenhänge vermitteln möchte, bereitet sie am besten so auf, dass sie auch Kinder verstehen. Das war seinerzeit das Erfolgsrezept der "Mini-ZIB".

Die Geschichte der Kirche mitten in der Stadt beginnt mit dem Mauterner Tauschvertrag anno 1137. Die Jahreszahl wird lebendig durch die gescheiten, klaren Texte und die passenden Illustrationen. Computeranimierte Grundrisse und historische Ansichten sind so geschickt mit den modernen Zeichnungen kombiniert, dass man förmlich in die Historie hineingezogen wird. Man lernt den Stephansplatz als "heiligen Boden" und seine Umgebung kennen. Man steht vor der romanischen Westwand wie vor einer Burg, die viel Geheimnisvolles in sich birgt. Die Symbolik von Dornauszieher, Portallöwen und Radfenster wird erklärt und man kann sich ein Bild von der Westwand im 13. Jahrhundert machen, als es noch keinen "Steffl" und keinen gotischen Ausbau gab, und als die heute niedrig wirkenden Heidentürme die Proportion bestimmten. Der große gotische Umbau und "unser Steffl" sind weitere Etappen auf dem Weg durch die Zeit. Nicht zu vergessen auch die drei Kobolde Luziferl, Spirifankerl und Springinkerl. Anlass zu der Sage waren eingemauerte Römersteine. Kapitel über den "originellen Herrscher" Rudolf IV. und das Werden von St. Stephan zur Bischofskirche beschließen den ersten Teil.

Der zweite führt in den Stephansdom. Durch das Riesentor überschreitet man die Schwelle in eine andere Welt. Besonders die Reliquienkammer mag anders und seltsam erscheinen. In Bild und Text werden die Domschätze, wie wertvolle Reliquiare oder das Tischtuch vom Letzten Abendmahl, nahegebracht. Es ging den mittelalterlichen Menschen nicht um die Echtheit, sie erhofften durch Reliquien die Hilfe der Heiligen. Mit diesen himmlischen Freunden beschäftigt sich der nächste Text, der das frühere Bild des unnahbaren Gottes (Herrschers) und das Modell der Fürsprecher, wie im Alltagsleben des Mittelalters, erklärt. Fotos zeigen die Heiligenfiguren auf den Langhauspfeilern in Augenhöhe, und man lernt die Rolle der Attribute kennen. Nach den Stifterfiguren werden Details des Innenraums vorgestellt: Kanzel, Taufstein, Gräber, Glocken, Gnadenbilder, Altäre … Auch kriegerische Ereignisse und der Wiederaufbau nach 1945 sind Themen.

Man könnte sich gut vorstellen, dass dieses erste umfassende Kinderbuch zum Dom ein Lieblingsbuch für viele Kinder wird. Es lässt sich immer wieder etwas entdecken, in den Sachinformationen, den Sagen und Legenden, den vielen detailreichen Bildern und den witzigen Comics. Und schließlich will man wohl auch selbst das "Haus voller Zeichen und Wunder" erkunden. Das Begleitbuch lenkt den Blick auf das viele Wissenswerte, denn "man sieht nur, was man weiß".